Ein Waldspaziergang – oder: Wie viel Wald steckt in einem Holzhaus?

Am vergangenen Wochenende war ich im Wald baden. Also, ich war nicht wirklich baden. Ich habe „Shinrin Yoku“ gemacht – das ist japanisch und  bedeutet so viel wie: »Baden in der Waldluft«. Bei diesem „Waldbad“ bin ich ganz eingetaucht in die wunderbare Natur des Waldes. Wald bedeutet für mich Ruhe, Runterkommen und Auftanken. Aber auch die Rückverbindung meiner Seele mit der Natur, dem Leben an sich. Wenn wir unsere Kulturlandschaft nicht mehr beackern würden und der Natur wirklich freie Hand ließen, dann wäre Deutschland fast vollständig mit Wald bedeckt. Und so war es schon vor rund 100 Millionen Jahren. Uns Menschen gibt es „erst“ seit ungefähr 4 Millionen Jahren. Wald war mit seinen Ressourcen für die Menschen damals überlebenswichtig. Er war Nahrungsquelle und mit dem Holz wurden erste Behausungen gebaut, lange bevor die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht betrieben. Und Holz war Wärme, zumindest nach der „Entdeckung“ des Feuers etwa 700.000 Jahre vor Christus. Holz weckt in uns all diese alten Erinnerungen an Schutz, Nahrung und Wärme, egal ob als Feuer im Kamin, als Esstisch aus Holz oder als Holzhaus.

Gesund durch „Waldbaden“
Der Wald hat noch andere tolle Effekte zu bieten. Im Wald kommunizieren die Bäume untereinander. Sie schütten chemische Verbindungen aus, sogenannte Terpene, und geben sie an die Luft ab. So warnen sie andere Bäume vor Angreifern oder Schädlingen, die daraufhin ihr Immunsystem hochfahren, um sich zu schützen. Auch wir Menschen profitieren von diesen gasförmigen Substanzen in der Waldluft: Schon vier Stunden im Wald haben durch die eingeatmete Waldluft heilende Wirkung. Nach einem Waldspaziergang haben wir 50 Prozent mehr weiße Blutkörperchen – sogenannte „Killerzellen“ – im Blut. Diese sind noch Tage nach einem „Waldbad“ aktiv und bekämpfen nicht nur körperfremde Keime, sondern auch körpereigene Krebszellen.

Waldspaziergänge schützen auch das Herz. Sind wir im Grünen, schüttet unser Körper vermehrt das Hormon DHEA aus. Es wird in der Nebennierenrinde gebildet und stärkt unser Herz und unsere Gefäße. Wer sich im Wald aufhält, so zeigten Untersuchungen, senkt seinen Blutdruck und reduziert Stresshormone. Zum einen liegt das an der Ruhe, die der Wald ausstrahlt, und am besonderen Klima, das der Wald erzeugt: Die Kronen der Bäume halten die Sonnenstrahlen ab und die Bäume verdunsten Wasser, was zu kühleren Temperaturen und einer höheren Luftfeuchtigkeit führt. Ein großer Baum kann an einem warmen Tag 200 Liter Wasser verdunsten und produziert jede Menge Sauerstoff und ätherische Öle, die oben schon erwähnten Terpene, die auch später noch in den verarbeiteten Bäumen im Massivholzhaus wirken. In meinem letzten Blog-Eintrag habe ich ja schon kurz darüber geschrieben, dass Räume und Möbel aus naturbelassenem Holz so beruhigend wirken, dass pro Nacht die Herzarbeit einer ganzen Stunde  (etwa 4000 Herzschläge) eingespart werden kann und nachweisbar sowohl Nervensystem als auch Immunsystem gestärkt werden. Mit meinem Holzhäuschen hole ich mir also diese ganzen wunderbaren „Gesundheitsschätze der Natur“ in mein Zuhause…

Schon Bäume angucken macht gesund
Anfang der 1980er Jahre hat der Schwede Roger Ulrich in einer Studie nachgewiesen, dass allein der Ausblick aus dem Krankenhausfenster auf eine Grünfläche mit Baum dazu führte, dass Patienten schneller gesund wurden, die Heilung also beschleunigt wurde, dass sie weniger und deutlich schwächere Schmerzmittel brauchten und dass die postoperativen Komplikationen geringer waren als bei einer Vergleichsgruppe, die nur auf eine Hauswand geblickt hat. Ich selbst blicke – während ich dies schreibe – aus dem Fenster meines derzeitigen Zuhauses und stelle fest, dass auch ich nur Hauswände sehe. Da drängt sich mir die Frage auf, ob ich vielleicht mit Blick ins Grüne und auf Bäume bei der letzten Grippe schneller gesund geworden wäre? Oder ob ich eigentlich viel gesünder wäre, wenn ich mehr im Grünen leben würde? Also nicht nur in einem Holzhaus, sondern auch noch mit ganz vielen Bäumen drum herum? Und als ich da im Wald die ganzen Bäume um mich herum so betrachtet habe, kam die Frage in mir hoch: Wie viele Bäume braucht man eigentlich für so ein Haus ganz aus Holz? Wir haben gerechnet und kamen auf vielleicht 45 Bäume? Eine ganze Menge, wenn ich mich im Wald so umschaue…

Jetzt am Wochenende weckten der Wald und seine Bäume aber vor allem die Sehnsucht nach einer Rückverbindung mit der Natur in mir. Das ist eigentlich mein ganz persönlicher Grund, in einem Haus aus reinem Holz leben zu wollen. Am liebsten irgendwo draußen, ohne Blick auf die Wände anderer Häuser, die schlechte Luft und den Lärm der Stadt.

Und damit komme ich zu der Ambivalenz, die Wald auch in mir auslöst: Studien haben ergeben, dass sich durch den Aufenthalt im Wald Angstzustände verringern. Bei mir erzeugt Wald – so wundervoll beruhigend ich einen Tag im Wald empfinde – auch Angst… Angst vor der Dunkelheit, vor der Nacht im Wald, vor den Halunken und Meuchelmördern, die sich dort (in meiner Phantasie) versteckt halten, den „bösen“ Wölfen und Wildschweinen. Der Wald ist mein Sehnsuchtsort und gleichzeitig der Ort meiner größten Ängste. Im Märchen steht der Wald für den Ort, an dem der Held, die Heldin eine innere Wandlung oder Reifung durchlebt, die oft von Prüfungen und Gefahren begleitet wird, die immer auch Angst machen. Diese Angst kennen ich gut, sie wurde über die Jahre geschürt durch „Grimms Märchen“, „Aktenzeichen XY ungelöst…“ und schwedische Krimis am Sonntagabend im Ersten…

Ich möchte mich dieser Angst stellen. Ich möchte mich wandeln und reifen. Und lernen, angstfrei – also völlig im Vertrauen – im Wald, im Leben, sein zu können. Und zwar zu jeder Jahres- und Tageszeit. Und vor allem allein, als Frau… Daher werde ich mich im Sommer trauen und im Wald übernachten. Nicht allein zunächst, in einer Gruppe von Frauen. Und auch erst einmal nur ein Wochenende. Und auch nicht unter freiem Himmel, sondern im Zelt. Aber immerhin! Für mich ist es eine riesige Herausforderung. Auch im Hinblick auf meinen Plan, mit meinem Holzhäuschen wieder mehr mit und näher an der Natur zu leben. Wie viel Wald, wie viel Natur kann ich zulassen? Wie viel Nähe zu Bäumen brauche ich wirklich? Denn da ist ja immer noch die Frage, die mich umtreibt, wo ich denn eigentlich mit meinem Holzhaus leben will, auf die ich immer noch keine Antwort habe. Andererseits denke ich: Vielleicht möchte dieser Ort ja auch mich finden…

Das Wichtigste im Leben finden wir nicht etwa durch intensive Suche,
sondern so, wie man etwa eine Muschel am Strand findet.
Im Grunde findet es uns.

Jochen Mariss

 

 Links:

„Der Biophilia-Effekt – Heilung aus dem Wald“ – Film