Die „Normalität der Masse“: Wer behindert eigentlich wen?

Heute mal zu etwas völlig anderem: Gestern war ich in einem großen Frankfurter Shoppingcenter. Eigentlich wollte ich nach einem Messebesuch nur schnell etwas essen. Beim Essen fiel mein Blick dann aber auf eine Fotoausstellung mitten im Zentrum dieser Shoppingmall. „Mensch – Arbeit – Handicap“. Eine Ausstellung über „Behinderte“? In einer Shoppingmall? Das fand ich interessant und hab mir die Zeit genommen, die Ausstellung anzuschauen. Die Bilder und auch die Texte der FotografInnen haben mich sehr berührt, sodass ich da in dieser Shoppingmall stand und mir ein ums andere Mal die Tränen kamen. Irgendwie skurril, inmitten dieser konsumgesteuerten ShopperInnen, mitten in der „Normalität der Masse“…

Beitrag von Marco Boehm: „Barrieren begreifen – Brücken beschreiten“
Unser Leben steckt voller Barrieren und Hindernisse. In unserer schnelllebigen Gesellschaft werden diese in der „Normalität der Masse“ ausgespart, umschifft oder zum Teil nicht einmal erkannt und reflektiert. Erkrankungen und Einschränkungen können die Fähigkeit, sich verstecken zu können, begrenzen. Diese Menschen stechen aus der Masse hervor und empfinden dies oft als Behinderung des eigenen Lebens. Dabei ist die Behinderung nichts anderes als die Angst oder Gleichgültigkeit des „Normal-Behinderten“ vor dem Anderssein. Der Betrachter wird aufgefordert, die eigene Scham-Barriere zu überspringen und hinzuschauen; den Menschen, der „anders“ ist als „gewöhnlich“, anzusehen und sich mit der Vielschichtigkeit jedes und jeder Einzelnen auseinanderzusetzen. Die Gesichter und Geschichten fordern auf, Emotionen auszuleben, aber auch zu hinterfragen. „Barrieren begreifen – Brücken beschreiten“ ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung, um den Blick auf den Menschen von nebenan neu zu justieren. Es lässt die Betrachterinnen und Betrachter die alltäglichen und doch so individuellen Barrieren begreifen. Dies ist die Grundlage, um gemeinsam Brücken zu beschreiten und gemeinsam diese Hindernisse zu überwinden.

Dieser Text hat mich sehr nachdenklich gemacht und noch lange bewegt. Als Gedankenstütze hab ich ihn abfotografiert und hier aufgeschrieben. Wer ist hier eigentlich „behindert“? Die „Behinderten“ oder die „Normalen“? Was ist eigentlich „normal“? Und wer bestimmt das eigentlich? Vielleicht berühren mich diese Fragen so, weil ich schon oft in meinem Leben dachte: Ich bin anders. Manchmal habe ich mich gefühlt wie eine Außerirdische, die man auf der Erde „vergessen“ hat. Mit der „Normalität der Masse“ konnte ich mich nie anfreunden und doch gehe ich oft genug genauso in ihr unter, wie die meisten anderen Menschen auch. Oder besser: Mir als „Normalo“ ist es möglich, in ihr unterzugehen, wenn ich es will. Ein Mensch mit sichtbarer oder merkbarer „Behinderung“ kann das nicht. Er ist immer, zu jedem Moment in seinem Leben, außerhalb der Normalität der Masse. Er hat keine Wahl, er hat die Fähigkeit verloren (oder hat sie nie gehabt), sich verstecken zu können…

Und genau das ist doch die eigentliche Behinderung: „Diese Menschen stechen aus der Masse hervor und empfinden dies oft als Behinderung des eigenen Lebens. Dabei ist die Behinderung nichts anderes als die Angst oder Gleichgültigkeit des „Normal-Behinderten“ vor dem Anderssein.“ Warum haben wir solche Angst vor dem „Anderen“? Warum haben wir solche Angst vor Begegnungen mit „behinderten“ Menschen? Warum haben wir solche Angst davor, Menschen zu begegnen, die so – vermeintlich – anders sind als wir? Weil sie uns in unser Spiegelbild gucken lassen? In ein Spiegelbild, was eben nicht immer „schön“ ist? Bei allen anderen Menschen in unserem Umfeld können wir uns so schön vor uns selbst wegducken. Aber Menschen, die so auffällig anders sind, zwingen uns förmlich, hinzuschauen. Und das kann verstören, ja, aber eigentlich ist es doch ein Geschenk… Ich bin dankbar dafür, für all die Launen der Natur, die uns Menschen so unterschiedlich machen. Ja, manchmal ist es schwer auszuhalten, manche Krankheit, manche „Behinderung“ ist schwer auszuhalten. Aber oft mehr für die BetrachterInnen, als für die Menschen selbst. Wir projizieren oft eben unser eigenes Empfinden auf unser Gegenüber: „Dem muss es aber schlecht gehen, so behindert wie der ist…“ Muss es das? Ich habe schon viele Menschen mit „Behinderungen“ getroffen und durfte ihre Lebensfreude spüren, ihre Dankbarkeit, am Leben zu sein. Es berührt mein Herz zu erleben, wie zum Beispiel Menschen mit Trisomie 21 besser im Hier und Jetzt sein können als wahrscheinlich jeder Zen-Meister. Das Leben so ungefiltert durch sie hindurch fließen zu sehen, Wahnsinn. Menschen so zu erleben berührt mein Herz oft so sehr, dass ich weinen muss. Nicht, weil ich so „mitleide“, sondern weil diese Fähigkeiten in unserer Welt so oft nicht gesehen werden. Mir wurde gestern noch einmal mehr klar, dass jeder, wirklich jeder Mensch und jedes Wesen auf dieser Erde seine Aufgabe hat. Und ganz besondere Fähigkeiten: Jeder kann etwas, jeder hat etwas, was besonders ist. Und wichtig. Und manchmal braucht es anscheinend eine „Behinderung“ dafür, um diese Fähigkeiten zu entdecken und zu leben:

Selina Pfrüner | 1. Platz
Es war mir ein Bedürfnis, mich auf die Suche nach Positivbeispielen von Inklusion zu begeben und dabei Menschen zu finden, die nicht trotz, sondern genau wegen ihres Handicaps beschäftigt werden. Weil es eine spezielle Begabung mit sich bringt. So wie im Fall der bis auf 3 Prozent Sehkraft fast blinden Katrin Kasten, die sich nach einem Unfall zur medizinischen Tastuntersucherin (MTU) hat umschulen lassen. Sie gehört heute zu den bundesweit 27 MTUs, die in gynäkologischen Praxen ihren Tastsinn einsetzt, um 30 Prozent mehr Veränderungen im Brustgewebe, doppelt so viele Knoten und bis zu 2 Millimeter kleine Mini-Tumore aufzuspüren, die teilweise sogar der Ultraschall übersieht. Die Tastuntersucherin leistet somit einen wertvollen Beitrag zur Brustkrebsvorsorge.

Wie wundervoll! Ein Handicap wird zur Berufung… Diese Zeilen erinnern mich an die Worte eines durch einen Unfall querschnittgelähmten Sportlers, der an den letzten Paralympischen Spielen teilgenommen hat. Der sagte – sinngemäß, er hadere nicht mit seinem Schicksal, seiner Behinderung. Wenn er nicht im Rollstuhl säße, hätte er all dies nie erlebt, wäre er wahrscheinlich nie so erfolgreich geworden. Was für ein Blick auf die Dinge! Es ist wie es ist… und niemand weiß, wofür das, was geschieht, vielleicht auch gut ist. Wir Mensch brauchen keinen Grund, um auf dieser Welt zu sein, wir sind wertvoll und kostbar, so wie wir sind. Jeder Grashalm hat seinen Platz im Leben, seine Aufgabe in der Welt, auch wenn er „nur“ einer unter Millionen Grashalmen ist, auch wenn er nicht der „Normalität der Masse“ entspricht: er ist wichtig und besonders und kostbar:

Jeder Grashalm
hat seinen Engel,
der sich über ihn beugt
und ihm zuflüstert:
wachse, wachse.

Talmud

Fotoausstellung „Mensch – Arbeit – Handicap“ in Frankfurt
Arbeit spielt eine zentrale Rolle für das Leben in der Gesellschaft. Und damit auch für Inklusion, also für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. 16 ausgezeichnete Fotoarbeiten zum Thema sind vom 26. April bis 8. Mai in Frankfurt zu sehen: im Einkaufszentrum Skyline Plaza.

In den prämierten Ergebnissen des Fotowettbewerbs „Mensch – Arbeit – Handicap“, den die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ausgerichtet hat, wird Inklusion konkret. Die Werke reichen von emotionalen Momentaufnahmen über klassische Reportagereihen bis hin zu analytisch durchkonzipierten Fotoserien.

Weitere Informationen zu den Ergebnissen ihres Fotowettbewerbs „Mensch – Arbeit – Handicap“ gibt die BGW unter www.bgw-online.de/fotowettbewerb.