Rüm Hart, klaar Kiming und der Tag am Meer

Weites Herz, klarer Horizont: Kiming, die Kimme, beschreibt im (Nord)Friesischen den Horizont, diese Linie zwischen Meer und Himmel. Bei klarer Sicht ist hier der magische Ort, an dem Meer und Himmel sich treffen, der Punkt, an dem das Irdische das Himmlische berührt.

Ein weites Herz lehrt mich, offen zu sein für das Andere, für das Fremde, für das MIR Fremde, das mir Angst macht. Der Satz „Ich halte mein Herz offen“ begleitet mich seit einiger Zeit und ich durfte gerade im Umgang mit anderen Menschen die Erfahrung machen, dass ein offenes, ein weites Herz schwierige Beziehungen und Begegnungen wirklich leichter macht. „Ich halte mein Herz offen, egal wie viele Messer mir der andere hineinrammt“ – Ja, das tut verdammt weh, aber: Ich sterbe nicht.

Ein offenes Herz heißt für mich, keine Angst mehr zu haben, in Liebe zu sein. Marianne Williamson schreibt: „Angst ist die Abwesenheit von Liebe und Liebe ist die Abwesenheit von Angst“. Und ich glaube, dass es wirklich so einfach ist. Keine Angst mehr zu haben, in Liebe zu sein, heißt für mich, zu vertrauen. Dem Leben zu vertrauen. Dem Leben zu vertrauen, dass es mich führt. Und da kommt der klare Horizont ins Spiel: Ein klarer Horizont ist mein Wegweiser, mein Orientierungspunkt, mein Ziel.

Bei Sturm auf hoher See kann man den Horizont nicht mehr sehen. Dann geht das Meer in den Himmel über und der Himmel ins Meer. Der Horizont ist nicht mehr zu sehen und somit auch das Ziel, das „gute“ Ende, nicht mehr. „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“ bedeutet für mich die Hoffnung, die mich trägt, wenn ich den Horizont nicht mehr sehen kann. Wenn mein Herz der unsichtbaren Führung des Lebens vertraut, auch wenn es in meinem Leben gerade stürmt und mein kleines Boot vom Leben von Welle zu Welle geschleudert wird und ich nichts tun kann, außer mich festzuhalten und mich tragen zu lassen, treiben zu lassen zu anderen, neuen Ufern und mein Herz offen zu halten, für das Unbekannte, das da auf mich wartet. Die Angst loszulassen und zu wissen: Am Ende wird alles gut.

Und irgendwann, wenn man glaubt, es wird nie mehr aufhören, es wird nie mehr gut werden, legt sich der Sturm (und es ist tatsächlich so: Jeder Sturm legt sich irgendwann…) und ich sehe den Silberstreif am Horizont. Diese helle, leuchtende Linie der Hoffnung, wenn sich die Wolken heben und das Licht wieder durchscheint. Wenn sich Meer und Himmel wieder trennen, der Horizont, das Ziel, wieder klar wird. Wenn die Hoffnung auf ein „gutes“ Ende Wirklichkeit wird.

Mein Ziel, mein „gutes“ Ende ist es, irgendwann nicht einfach nur „angstfrei“ zu sein (was auch schon eine Herausforderung ist…), ich möchte irgendwann sogar sagen: „Liebes Leben, nimm mich mit, schaukel mich richtig durch, ich hab Bock auf die wilde Fahrt über das Wellenmeer, das mich trägt zu unbekannten, aufregenden Ufern und ich habe absolut keine Ahnung, was da auf mich wartet! Super!“ Und Udo singt dazu: „Dahinten, wo der Himmel auf die Erde knallt, da liegt schon das nächste große Glück.“ Das heißt für mich „angstfrei“ zu sein: Bock auf Leben, auf das Unbekannte, das Aufregende, zu haben, dem Leben zu vertrauen, dass es nur Gutes für mich bereit hält.

Warum schreibe ich das? Ich bin gerade an der Nordsee und „Rüm Hart, klaar Kiming“ hat etwas in mir berührt. Wenn ich morgens um 6 Uhr am Strand laufe, dann spüre ich genau das: Mein weites Herz und den klaren Horizont in mir. Mein Herz ist offen und das Leben, die Liebe, fließt durch mich hindurch und die Fantastischen Vier singen in mir: „Du spürst die Lebensenergie, die durch Dich durchfließt, das Leben wie noch nie in Harmonie… Es gibt nichts zu verbessern, nichts was noch besser wär‘, außer Dir im Jetzt und Hier und dem Tag am Meer… Es macht sich Zeitlosigkeit breit, der Rhythmus der Wellen als Zauber der Monotonie – das Leben ist ein Fluss, der fließen muss… Und die Erkenntnis bringt die Kraft, mit der Du Dich befreist und dabei frei von Angst ganz gelöst, erlöst was in dir döst…“

Das Meer hat eine ungeheure Macht, etwas in mir zu er-lösen, zum Klingen zu bringen, das zeitlos ist. Es ist etwas Urgewaltiges, das mich ganz ehrfürchtig sein lässt. Diese Energie, die durch mein Herz fließt, die mir den Atem stocken lässt, weil nicht mehr ich es bin, die atmet, sondern das Meer, das Leben, mich atmet und ich ein Teil dieses großen, unendlichen Organismus bin, den man Leben nennt… Die Wellen kommen, die Wellen gehen, ich atme ein, ich atme aus. Unter mir die Erde, die mich trägt, über mir der Himmel, der mich hält. Dazwischen ich, der magische Moment, in dem das Irdische und das Himmlische sich berühren. Das Leben findet mich. Gerade jetzt, in diesem Moment an diesem Tag am Meer, ist alles gut.

Rüm Hart, Klaar Kiming – Ein weiter Horizont, ein großes Herz, offene Ohren, offene Augen, ein wacher Verstand, das ist es, was wir brauchen, um uns nicht zu verschließen, um nicht hart zu werden, um Wärme spüren zu können, aber auch Wärme geben zu können, um den Fremden willkommen zu heißen, seine Eigenarten interessant zu finden und ihn als Bereicherung zu empfinden und dann nach Wegen zu suchen, dass man irgendwie miteinander klar kommt.

Reinhard Mey