Von Kraftplätzen und heilsamen Orten

In mir brennt der Wunsch, einen Platz zu finden, an dem ich zu Hause bin, an dem ich mich wohl fühle, wo ich willkommen bin, an dem ich Kraft schöpfen und wo meine Seele heil werden kann. Einen Platz in dieser Welt für mein Holzhäuschen und mich. Meinen Platz. Aber es fällt mir so schwer, diesen Platz zu finden. Vielleicht muss er ja doch auch mich finden, ich schrieb schon mal davon…

Zu wissen, dass ich einen Platz habe, der zu mir gehört,
der auf mich reagiert, ist ein stärkendes Erlebnis.
Carlo Zumstein

Es fällt mir einfach schwer, die Kraft eines Ortes und seine Energien bewusst zu erspüren. Und dann lese ich von einer geführten Wanderung: „Das Leben und die Kräfte der Natur entdecken. Bewusst ein gesundes Miteinander von Mensch und Natur erleben. Wir gehen still und achtsam, stärken die intuitive Wahrnehmung und verweilen an heilsamen Orten mit meditativen Übungen.“ Das interessiert mich und ich gehe mit zu den Kraftplätzen und heilsamen Orten meiner Lieblings-Nordsee-Insel. Es war spannend, wie anders ich die Natur wahrnahm, die ich doch schon so oft in den letzten 43 Jahren gesehen und erlebt hatte. Plötzlich sah ich einzelne Bäume, Wildrosenhecken, Inseln im Wasser, mit ganz anderen Augen. Ich nahm sie im Einzelnen überhaupt erst mal wahr! Wir waren 8 Teilnehmerinnen und Astrid ging mit uns im Schweigen und achtsam, will heißen: sehr langsam…

Müsset im Naturbetrachten immer eins wie alles achten.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen, denn, was innen ist, ist außen.
Johann Wolfgang Goethe

Das Schweigen hilft mir wirklich, besser bei mir selbst anzukommen, im Hier und Jetzt. Meine Wahrnehmung wird feiner und sensibler. Es hilft, mich und die Umgebung besser spüren zu können. Das achtsame Gehen lässt mich innerlich ruhiger und langsamer werden und hilft mir, intuitiv den Kontakt mit der Natur bewusster aufzunehmen. Ich lerne, wirklich zu begreifen, dass wir nicht alleine sind, wir einzelnen Menschlein auf diesem Planeten. Ich lerne, was es heißt: „Verbundensein mit allem und jedem“. Dass ein Baum ein lebendiges Wesen ist, weiß mein Kopf ja schon, aber wirklich verstanden – auf der Herzensebene – habe ich es erst jetzt, auf dieser Wanderung. Ich habe gelernt, wie ich mit einem Baum Kontakt aufnehmen, mit ihm kommunizieren kann. So wie mit allen Lebewesen, Steinen und Elementen – denn alles ist beseelt. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, einen respektvollen Abstand zu haben, und dennoch im Miteinander sein zu können. Ein Gefühl für mein Gegenüber zu bekommen und mehr Mitgefühl zu haben als z.B. Wut.

Durch alle Wesen reicht der Raum:
Welteninnenraum. Die Vögel fliegen still durch mich hindurch.
Oh, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.
Rainer Maria Rilke

Mein „Erstkontakt“ war eine Erle. Ich habe mich zunächst mit ein paar Schritten Abstand vor sie hingestellt (ich will ja auch nicht, dass Andere mich einfach ohne Vorwarnung antatschen…) und habe versucht, ihre Energie wahrzunehmen. Ich habe mir vorgestellt, wie es ist, ein Baum, dieser Baum, zu sein. Hier zu stehen an diesem Ort, Jahr für Jahr. Nicht weg zu können. Es aushalten zu müssen, was um mich herum geschieht. All diese Urlauber, die quatschend und lärmend an einem vorbei rasen. Mich nicht sehen, nicht mal wahrnehmen, dass es mich gibt. Im ersten Moment kommt da ein Gefühl von Traurigkeit in mir hoch. Dieses Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden, als die, die ich in meinem tiefsten Wesen bin – ist mir ja jetzt auch nicht neu… Nicht wahrgenommen zu werden mit meinen Gefühlen, meinen Bedürfnissen. Die Grenzen, die Andere ständig überschreiten. Ich fühle mich ausgeliefert, weil ich ja als Baum nichts „tun“ kann. Ich kann die Touris nicht anschreien, dass sie doch gefälligst mal respektvoller sein sollen! Oder dem, der mich einfach antascht und mir die Blätter von den Ästen rupft, eine scheuern. Ich kann mich – vermeintlich – nicht wehren und das macht mir Angst. Ist mir aus meinem Leben auch nicht unbekannt. Ich verstehe langsam, dass Kommunikation mit Bäumen anscheinend irgendwie anders funktioniert…

Ich stelle mir meine Füße als Wurzeln vor, die in den Boden wachsen, die mich halten, verbunden mit der Erde. Meine Beine, mein Becken, meine Wirbelsäule als Stamm. Und meinen Kopf als Krone mit den Armen und Händen als Äste, die immer feiner werden. Bis hin zu den Blättern, die vielleicht meine Haare sind. Immer sensibler in ihrer Wahrnehmung. Ich fühle die Starrheit des Baums und zugleich seine Beweglichkeit. Ich schwanke und werde doch gehalten. Irgendwie verliere ich das Bewusstsein für mich selbst, für meinen Körper und fühle mich wirklich wie ein Baum. Ein Baum sein fühlt sich erstaunlich gut an.

Jetzt bin ich auf der Ebene, wo ich mich traue, mit dem Baum vor mir direkter in Kontakt zu treten. Ich bitte um die Erlaubnis und mache ein paar Schritte auf ihn zu. Ich stehe ganz dicht vor seinem Stamm und spüre die Energie. Es ist sehr nah. Würde ich so nah bei einem Menschen stehen, den ich genauso lange kennen würde wie diesen Baum (ungefähr 5 Minuten), würde ich sofort wieder Abstand nehmen. Viel zu nah! Bei diesem Baum ist das anders. Ich schließe die Augen und berühre seinen Stamm. Ich spreche immer von „ihm“, dem Baum, dabei ist die Energie dieser Erle für mich eindeutig weiblich! Ich schließe die Augen und berühre ihren Stamm, ihren Körper. Er fühlt sich an wie die Rundungen einer Frau, so grazil, ja, sinnlich und weich in seiner Form. Ich denke: Wenn jetzt einer, der hier unbedarft vorbeischlendert, meine Gedanken lesen könnte, würde er denken: Spinnt die? Aber so ist es. Ich habe das Bedürfnis, mich an diesen Körper zu lehnen, ja, an ihn zu schmiegen. Als ich dies tue, streichelt mich etwas ganz sanft im Gesicht. Wie die zarten Fingerspitzen eines geliebten Menschen. Ich bin irritiert und öffne kurz die Augen. Es ist ein dünner Ast mit jungen Blättern, der ganz sanft mit dem Wind meine Haut berührt. Ich schließe schnell die Augen wieder, um mich diesem Gefühl noch etwas hinzugeben. Da ruft uns Astrid schon zurück. Ich erschrecke fast, denn die „Wirklichkeit“ um mich herum existierte in diesem kurzen Augenblick, der sich anfühlte wie Ewigkeit, nicht mehr… Ein schneller Abschied von meiner „Geliebten“ (ja, das war diese Erle für mich für diesen kurzen Moment…), ein stiller Dank, ein Moment des Nachspürens und weiter ging die Wanderung.

Erst das starke persönliche Erlebnis vermittelt die Gewissheit,
dass an diesem oder jenem Ort etwas in uns passiert ist und infolgedessen wir auch offen dafür sind, dass Ähnliches woanders erneut geschieht.
Blanche Merz

Wir haben noch mehr solcher Übungen gemacht wie Tagträumen üben oder eine Meditation über die Liebe. Aber nichts von dem hat mich nachhaltig so berührt wie die Begegnung mit diesem Baum. Ich habe eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, die Kraft der Natur, die Energie eines Ortes zu (er)spüren. Und ich weiß, dass es mir helfen wird, meinen Ort der Kraft zu finden und mit dem Platz für mein Holzhäuschen in Kontakt zu kommen.

Sicher werde ich diese Art der Kommunikation noch ein wenig üben. Ob mit Bäumen, Pflanzen, Tieren oder ganzen Orten und Landschaften. Wahrgenommen habe ich diese Art des In-Kontakt-Seins zum Beispiel schon ganz konkret, als ich mich vor meiner Abreise vom Meer verabschiedet habe. Ich habe richtig gespürt, dass es eine Grenze gibt, eine unsichtbare Linie, ab der sich das Gefühl des sich Hingezogen-Fühlens zum Wasser wandelt in ein Stehen-Bleiben-Müssen vor dieser Urgewalt, dieser Kraft des Meeres, die mich schon fast ein Stück zurückschleudert und mir den Atem für einen Moment stocken lässt. Ich mache ein paar Schritte nach hinten und spüre genau den Moment, an dem ich verweilen kann, ohne von meiner eigenen Sehnsucht nach vorne gezogen, noch von meinem Gegenüber, in diesem Fall dem Meer, seine Grenze sehr deutlich gezeigt zu bekommen. Zu spüren, wie die Grenze sich dann ganz langsam auflöst und eine Verbindung von meiner Energie mit der Energie des Meeres möglich wird. Wie unsere Energien verschwimmen und eins werden. Einfach stehen und Einssein mit der Energie des Meeres. In Ewigkeit. Amen.

Bist Du auf der Suche nach einem Kraftplatz, so finde erst einmal Deine eigene Kraft.
Halte Dich an das, was Du bist und was Du kannst, sonst hast Du nichts entgegenzusetzen,
wenn das unsichtbare Meer Welle um Welle über Dich hinwegschleudert.
Luisa Francia