Die Zeichen im Außen lesen

Noch immer beflügelt von meiner „Baumerfahrung“ an der Nordsee, stehe ich heute Morgen früh auf und folge dem Impuls, raus zu gehen und mich weiter im Kontakt mit der Natur zu üben. Die Natur offenbart sich, wenn ich aufmerksam bin. Pflanzen, Tiere oder Naturphänomene kommen zu uns, wenn sie gebraucht werden. Ich kann wochenlang an einem Baum vorbei gehen, ohne ihn sonderlich zu beachten, aber plötzlich eröffnet sich genau durch diesen Baum die passende Botschaft, die mir in einer bestimmten Situation helfen kann. Diese Symbolsprache ist Teil unseres Unterbewusstseins. Genau auf dieser Ebene antwortet mir die Natur, genau durch diesen Baum, den ich wochenlang nicht „gesehen“ habe.

Ich gehe also mit einem sehr persönlichen Thema, was mich seit einigen Tagen umtreibt und auf das ich keine Antworten finde. Ich gehe mit der Intention, achtsam zu sein und auf die Zeichen, die die Natur mir schenkt, zu achten: Auf was fällt mein Blick? Wo zieht es mich hin? Was spricht mich an? Wo gehe ich in Resonanz mit dem, was mich umgibt – positiv wie negativ? Wo fühle ich mich wohl? Wo fühle ich mich unwohl? Sehe ich etwas, das mich berührt? Erinnert mich dieses Bild an etwas? Das Gedankenkarussell dreht sich und man sucht angestrengt nach einer Lösung, und im selben Moment findet man etwas, das genau diesen Gedankengang symbolisiert.

Ich verfalle beim Gehen gerade schon wieder in mein Gedankenkarussell, da fällt mein Blick auf einen Apfelbaum auf dem Spielplatz in der Nähe meiner Wohnung. Ich bleibe stehen, und bin geschockt! Der Apfelbaum ist über und über mit einer Art Spinnennetz bedeckt. Die Blätter sind schon ganz braun und vertrocknet. Was ist mit dem Baum los? Ich trete näher und entdecke auf den Blättern, die noch saftig grün sind, massenweise gräuliche Raupen. Sie liegen übereinander, winden sich untereinander durch… Als erstes schießt mir ein „Wie ekelhaft!“ durch den Kopf. Und wirklich, es überkommt mich ein so intensives Ekelgefühl, von dem ich selbst überrascht bin. „Mach aus Deinem Herzen keine Schlangengrube“ ist der nächste Gedanke, der wie aus dem Nichts plötzlich da ist. Ja, die Raupen erinnern mich an Schlangen. An Schlangen, die alles auffressen, was sich ihnen in den Weg stellt. Ich merke eine Traurigkeit in mir aufsteigen, darüber, dass all die schönen Äpfel, die noch als klitzekleine „Möglichkeiten“ des Ausdrucks des Lebens da am Baum hängen, in diesem Jahr wohl nicht reif werden… Und es überkommt mich eine Panik, dass es ja sein kann, dass nicht nur DIESER Baum befallen sein könnte, sondern ALLE! Ich muss das überprüfen und es treibt mich weiter auf meinem Weg. Ich gehe zu der Wiese, auf der „mein“ Kirschbaum steht, der mir im letzten Jahr so oft Kraftspender war. Auf dieser Wiese stehen auch viele Apfelbäume und es überkommt mich die Sorge, dass auch mein Kirschbaum betroffen sein könnte…

Auf dem Weg komme ich an vielen Apfelbäumen vorbei, alle befallen, alle eingesponnen in ein dichtes Netz. Teilweise hängt das Netz schon in Fäden bis zum Boden, wie in einer schlechten Geisterbahn… Mein Herz schlägt schneller als ich um die Biegung komme und die Wiese schon von weitem sehe. Mein Kirschbaum ganz am Ende steht da, majestätisch, divenhaft, wie eh und je in seinem prächtigen grünen Kleid. Puh, zum Glück! Ihm ist also nichts geschehen! Aber ich sehe schon die vielen Apfelbäume, alle braun und beim Näherkommen alle eingesponnen. Ich schlage mich durch das hohe Gras der Wiese und bleibe inmitten dieses Desasters stehen. Und ich versuche in Kontakt zu kommen. Natürlich „antwortet“ mir die Natur nicht „in echt“. Es sind vielmehr Gedanken und Gefühle, die in mir aufsteigen, die ich als Antworten wahrnehme, mit denen ich in Resonanz gehen kann. Als erstes bemerke ich eine Wut auf diese Scheiß-Raupen in mir aufsteigen. Ich unterteile die Apfelbäume in die „Guten“ und die Raupen in die „Bösen. Die „bösen“ Raupen, die einfach „unsere“ Äpfel, unsere Nahrung auffressen! Erste Lektion: „Wie kommst Du darauf, dass die Apfelbäume die „Guten“ sind und die Raupen die „Bösen“?“ Hm, ja stimmt. Die Raupen sind wie die Apfelbäume (und ich) Lebewesen, die auch nur „gut“ leben wollen. Okay, Botschaft angekommen: „Hör auf zu bewerten, auch wenn Dir das, was sich da vor Deinen Augen abspielt, gerade grauenhaft erscheint…“ Zweite Lektion: „Halte Dein Herz offen.“ –  „Mach aus deinem Herzen keine Schlangengrube“ war der Satz am ersten Apfelbaum. Ja, in den letzten Tagen war mein Herz nicht sehr weit und mein innerer Horizont nicht sehr klar… „Mach Dein Herz wieder auf und lass all die Schlangen hinein und erkenne, dass Du nicht sterben wirst. Halte es aus – so wie der Apfelbaum es „aushält“ und nicht stirbt. Halte Dein Herz offen und schau, was geschieht – ohne zu bewerten.“

Ich bleibe noch ein wenig mit mir und den Apfelbäumen und meinen ganz persönlichen Gedanken dazu, dann verabschiede ich mich, bedanke mich und gehe mit deutlich leichterem Herzen nach Hause. Ich habe meine Antwort bekommen: „Halte Dein Herz offen und schau was geschieht – ohne zu bewerten.“

Zu Hause muss ich erst mal nachschauen, was es denn nun genau mit diesen Raupen auf sich hat. Ich lese, dass viele Apfelbäume in diesem Frühjahr von der Apfelbaumgespinstmotte – Yponomeuta malinella – heimgesucht werden. Das massenhafte Auftreten in größeren Abständen sei typisch. Gesunde Bäume überstehen diesen Angriff aber wohl unbeschadet und treiben wieder neu aus. Aha, also alles gar nicht so schlimm. Ich bin erleichtert. Und bin gleichzeitig total erstaunt über meine heftige Reaktion. Ich erinnere mich auch, dass ich bestimmt schon in der Vergangenheit von der Apfelbaumgespinstmotte befallene Apfelbäume gesehen habe, aber ehrlich gesagt, ich hab mich bisher nicht sonderlich für Apfelbäume interssiert… Dieses Mal ist es anders. Irgendetwas in mir ist in Resonanz gegangen, ist mitgeschwungen mit dem, was sich mir da zeigt und hat dadurch die Antworten auf mein Thema in mir aufsteigen lassen. Es hat mir geholfen, hinter die Dinge zu sehen, hinter das, was ich meine zu sehen, wenn es mir nicht gelingt, mit dem Herzen zu sehe. Denn:  Das Wesentliche ist für die Augen ja unsichtbar…

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
Du mein tieftiefes Leben;
dass Du weißt, was der Wind Dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn Dir einmal das Schweigen sprach,
lass Deine Sinne besiegen.
Jedem Hauch gieb Dich, gieb nach,
er wird Dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass Dir das Leben gelinge,
breite Dich wie ein Federkleid
über die sinnenden Dinge.

Rainer Marie Rilke