Wohnen wie Peter Lustig

„Tiny Houses gibt es jetzt sogar bei Tchibo. Sind die Minihäuser die Rettung für Großstädter in Wohnungsnot?“ titelte Spiegel online vor ein paar Tagen. Jetzt bin ich nicht mehr allein mit dem Thema. Es scheint in der Gesellschaft langsam anzukommen. Jetzt wohnen nicht mehr nur spleenige Fernsehmoderatoren wie Peter Lustig in Minihäusern. Das erinnert mich an “Löwenzahn“. Ich mache eine kleine Zeitreise und schaue mir die ersten Folgen im Internet an und erinnere mich, dass ich damals als Kind schon begeistert war von Peters Bauwagen. So wollte ich später auch mal wohnen…

Ich erinnere mich noch an die allererste Folge. Peter sitzt in seinem Garten und der neue Flughafen wird eröffnet. Es ist ihm zu laut und er sinniert mit seiner Freundin Trude, wie man denn sonst noch so wohnen könnte. Erste Idee Segelboot: Nur, wohin mit den Möbeln? Oder Hausboot: Viel zu viel (Schiffs)Verkehr auf den Flüssen und Abwasser aus den Fabriken. Und anlegen darf man auch nicht, wo man will. Eisenbahnwagon? Einfach an einen D-Zug drangehängt und verreisen, wohin man will? Man kann nur nicht einfach austeigen…  Oder ein Wohnwagen? Zu teuer, zu klein, zu ungemütlich, man kriegt seine Möbel nicht rein… – Jetzt hab ich‘s! Jetzt weiß ich genau, was ich brauche! Es ist schön groß, hat vier Räder, ich krieg all meine Möbel rein und ich kann mich schön drin einrichten. Ein Bauwagen! Ein Minihaus auf Rädern! – Schwupps, einfach hinter den Käfer geklemmt und los geht’s. So einfach kann es sein…

Da steht er nun, der Bauwagen. Jetzt müssen nur noch die Möbel rein. Fertig. Abschied vom kleinen Häuschen. Hund Willy sitzt traurig neben dem Ofen und Peter sinniert: „Leer ist jetzt das Haus, und traurig. Und von mir bleibt keine Spur. Doch, hier hing das Bild von Opa. Dort stand meine alte Uhr. Und hier über diese Stufen ging ich so oft rein und raus. Die sind schon ganz krumm getreten. Tschüss, mein kleines altes Haus.“ Etwas Sentimentalität darf schon sein. Aber nicht zu viel, denn das Abenteuer ruft… Auf geht’s!

Nur, wohin? – Warum fährst Du nicht? – „Ja, wohin soll ich denn fahren?“, fragt Trude. – Das weiß ich doch nicht, fahr einfach los. – „Nee, erst musst Du mir genau sagen, wohin Du willst.“ – Jetzt wird es spannend! Denn genau an diesem Punkt stehe ich ja auch gerade! Wo soll es denn hingehen? Die Reise mit meinem kleinen Holzhäuschen? – Ja, das weiß ich doch nicht, fahr einfach los! – Bei Peter hat der ganze Prozess gerade mal 17 Minuten und 31 Sekunden gedauert… wenn es mal so einfach wäre. Einfach Landkarte aus dem Handschuhfach nehmen und gucken: Straßen führen überall hin, in jede Stadt, in jedes Dorf, ans Meer, ins Gebirge… – Wie soll ich mich denn da entscheiden können? – Ja, genau Peter! Ich weiß genau, was Du meinst! –  „Erst musst Du mir genau sagen, wohin Du willst. Vorher fahre ich nicht los.“ – Ist Trudchen vielleicht das Universum, dem man auch ganz genau sagen muss, was man will? Erkenntnis des Tages: Überlege Dir genau, was Du wirklich willst!

Okay, man kann ja mal imaginieren: – Auf einem Berg möchte ich stehen! – „Aber ist es da nicht kalt? Und einsam?“ – Dann vielleicht am Meer? – „Hm, am Strand darf man auch nicht einfach stehen…“  – Dann vielleicht an einen See? Ja, ein schöner, stiller See. –  „Aber das Seeufer gehört ja jemandem. Und der wird das bestimmt nicht erlauben.“ – Naja, all die schönen Plätze auf der Welt gehören ja immer jemandem und da kann man sich nicht so einfach hinstellen. – Warum eigentlich nicht? Wer sagt eigentlich, dass Boden, die Erde, überhaupt jemandem gehören darf? Die Menschen haben schon merkwürdige Vorstellungen, irgendwie… „Meins. Deins. Das sind doch bürgerliche Kategorien“, sagt das kommunistische Känguru bei Marc-Uwe Kling.

„Vielleicht ein Campingplatz?“ – Nee, also ein Campingplatz ist es auch nicht. Trudchen hat die rettende Idee: Ihr Schrebergarten am Stadtrand! – „Da fahrend wir jetzt hin und wenn’s Dir gefällt, dann kannste da wohnen!“ – Ja, wenn es mal so einfach wäre… Ist ja eine Kindersendung, in „echt“ ist es leider komplizierter… Hach, hätte ich doch auch eine Trude, die mir sagt: „Komm, stell Dein Häuschen einfach in meinen Garten. Und richte Dich so ein, so wie Du magst.“ Das wäre schön…

Der Bauwagen steht an seinem Platz. Das Wichtigste: Es sich erst mal gemütlich machen! Orientteppich als Markise, Liegestuhl darunter, mehr braucht’s nicht. Der Postbote kommt: „Oh, wird hier gebaut?“ – Nee, gebaut wird hier nicht. Es ist ja schon fertig! – „Aber der Briefkasten fehlt. Und die Nummer. Wenn Sie hier länger wohnen bleiben wollen, brauchen Sie eine Hausnummer.“ – Aha. – „Und außerdem brauchen Sie Wasser. Wasser zum Trinken, zum Waschen, zum Zähneputzen, zum Kochen.“ – Ja, kommt. – „Apropos Kochen. Gas. Sie haben ja kein Gas hier. Sie brauchen Gas zum Kochen, und zum Heizen.“ – Ja, genau. Gas kommt auch. – „Wie ist das mit dem Licht? Sie haben ja gar keine Steckdosen! Sie brauchen auch Strom.“ – Ja, Strom kommt auch. –  „Strom für den Toaster, für den Wasserkocher, für das Radio, den Plattenspieler, für den Kühlschrank. Müssen Sie alles bedenken.“ – Ja, ja, das kommt alles. – „Und: Abfälle! Was meine Sie, was hier täglich anfällt? Wurstpellen, Kartoffelschalen, Konservendosen. Das stinkt doch, das muss doch weg! Also brauchen Sie: Was? Einen Abfalleimer!“ – Der ist da. Es ist alles da. Eins nach dem Anderen. Ich mach immer erst das Eine, dann kommt das Andere. Jetzt mache ich erst mal das Eine, das sind erst mal die Möbel. Die Möbel müssen nämlich in den Wagen. Und wenn se drin sind, mach ich‘s mir gemütlich und überlege mir, was ich als nächstes tu. Und dann kommt das Andere. – „Was? Sie wollen die Möbel alle da in den kleinen Wagen bekommen?“ – Ja klar. – „Na dann, alles Gute.“

Das kenne ich: Erst mal gucken, ob die Möbel auch alle reinpassen! Und ich beschließe, mich wieder an meine Zeichnungen zu setzen: Grundriss, Schnitte, Ansichten. Genau ausmessen, ob alles reingeht, was ich so besitze. Und wenn etwas nicht passt, mich fragen, ob ich es wirklich brauche.

Peter macht das einfach „Eins zu Eins“. Bauwagen die Erste: Standuhr, Zimmerpflanze, Vertiko, Globus, Tisch, Stühle, Stehlampe, Tischdecke rein… – Wohnen kann ich jetzt hier. Aber Moment, ich muss ja auch kochen! Ich brauche eine Küche. Dann muss wieder was raus! – Standuhr, Stehlampe, Zimmerpflanze wieder raus. Küchenschränke, Kühlschrank, Herd, Spüle, Tisch und Stühle rein. – Die Küche ist komplett. Aber Moment, wo wohne ich denn jetzt? Und wo schlafe ich? Ich brauche unbedingt ein Bett! Das Bett muss hier rein. Dann muss aber wieder was raus. – Also Tisch, Stühle, Küchenschrank, Herd, Spüle, Kühlschrank wieder raus. Bett, Korbsessel, Ofen, Lattenrost, Matratze Teppich und Kleiderschrank rein. – Schön! Aber, vorm Schlafengehen muss ich mich ja waschen. Ich brauche hier eine Badewanne. Also, alles wieder raus. Und Toilette, Spülkasten, Waschbecken, Spiegel, Badewanne und Badematte rein. – Der Wagen ist eindeutig zu klein. Ich bräuchte mindestens drei davon: Einen, in dem ich wohne und schlafe, einen, in dem ich koche und esse und einen, in dem ich mich wasche und aufs Klo gehe. Aber, braucht man denn wirklich für alles ein eigenes Zimmer? Jetzt hab ich’s! So mach ich’s! – Bett auseinander sägen, zwei Sitzbänke draus gebastelt. In die Mitte eine Schranktür, von der Decke abgehängt. Matratzen drauf. Fertig ist das Bett. Pfiffig! Bequem sieht zwar anders aus, aber es ist praktisch. Der Mittelteil wird am Tage einfach an die Decke gezogen und der Raum wird zum Wohnzimmer! Mittlerweile hat der Bauwagen auch eine Dachterrasse mit einer Treppe aus Stühlen und ein Klo draußen im alten Schrank, einen Vitrinenschrank als Erker und das Bad im Freien, ein Freibad! Fertig ist das Haus. – Jetzt hab ich alles, was ich brauche. Ich hab ein Badezimmer, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer, ne Küche und ein Klo im Schrank. – So einfach kann es sein. Zum Einzug gibt es Brot und Salz: „Das Brot, weil es das Notwendigste ist, was Du zum Leben brauchst, und dass es Dir niemals ausgeht. Und das Salz, als Zeichen der Freundschaft, soll Dich zum Wohlstand führen. Denn in früherer Zeit war Salz eine große Kostbarkeit.“ – Wieder was gelernt…

Eine Hausführung ist schnell gemacht: Im Schlafzimmer wird mit einem Hauruck das Bett an die Decke gezogen – tada! Das Wohnzimmer. Und da drüben ist das Arbeitszimmer. Alles schwenkbar: Die Tischplatte schwenkt nach oben und die Schränkchen nach vorn und nach Feierabend wird einfach alles wieder weggeschwenkt. Nächste Abteilung: Die Küche. Hier ist alles, was ich vorher auch schon hatte. Töpfe, der Herd, Spüle, Pfannen und Tassen. – „Gibt’s denn auch schon Licht?“ – Ja, hier, die Kerze. –  „Nee, richtiges Licht. Strom!“ – Nein, den gibt’s noch nicht. –  „Dann kannste mir auch keinen Kaffee kochen.“ –  Doch, natürlich! Wir machen ein Feuerchen im Garten! Ach, ich hab ja noch gar kein Wasser… – „Du musst so schnell wie möglich Wasser bekommen.“ – Ja, ja. Und eine Türklingel und eine Hausnummer und einen Briefkasten und einen Abfalleimer… das hab ich alles schon mal gehört. – „Ja, aber das ist doch wichtig!“ – Ich musste doch erst mal sehen, ob ich hier überhaupt drin leben kann. Ob ich meine Möbel hier rein kriege, bevor ich hier Leitungen verlege für Strom und Rohre für Wasser! – Erkenntnis des Tages: Immer Eins nach dem Anderen…

Das Wasser kommt und auch der Strom. Und die Türklingel und die Hausnummer und der Briefkasten. Das gehört sich so. Das muss sein. Es kann ja nicht jeder hier einfach machen, was er will! Schade eigentlich…

Ich konnte mich noch genau an diese ersten „Löwenzahn“-Folgen erinnern. Diese Art zu Leben hat schon damals meine Kinderseele berührt und berührt sie immer noch. Ich werde weiter am Ball bleiben, meinen Traum weiter träumen und versuchen, mein kleines Holzhäuschen zu bauen. Irgendwo in einem Garten – Ob das Universum mich wohl gehört hat…;o)

Wir sichern uns die Heimat nicht durch den Ort, wo,
sondern durch die Art, wie wir leben.

Georg (Karl Friedrich Theodor Ludwig) Baron von Örtzen

 

Links

„Löwenzahn – Folge 1: Peter zieht um“ – Film

„Löwenzahn – Folge 2: Mein neues Haus“ – Film