Heimat ist…

„Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muss“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn auf dem Kirchentag in Münster. Dieser Satz berührt etwas in mir. Gerade jetzt, wo ich über „Heimat“ und „Zuhause-Sein“ so intensiv nachdenke. Heißt „Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muss“, soviel wie „Heimat ist, wo ich verstanden werde?“ Und wenn, wie verstanden? Sprachlich? Kulturell? Oder doch im Herzen? Sprachlich verstanden werde ich zumindest in Deutschland. Aber auch in Österreich, der Schweiz, vielleicht sogar in Namibia, als ehemalige deutsche Kolonie. Nun würde ich Namibia, aber auch Österreich und die Schweiz, nicht als meine Heimat bezeichnen. Und wenn ich ehrlich bin, auch Deutschland nicht. Deutschland ist für mich das Land, in dem ich geboren wurde. Es ist mein Herkunftsland, aber mein Heimatland? Sprachlich fühle ich mich hier „zuhause“, weil ich in keiner anderen Sprache so gut denken, reden, schreiben – und auch irgendwie fühlen kann. In ihr fühle ich mich verstanden, zumindest rein „sprachlich“. Nicht in jedem Dialekt, aber grundsätzlich ist die deutsche Sprache meine Heimat. Das ist auch der Grund, warum ich mich schwer tue, mein Zuhause, den Platz für mein kleines Holzhäuschen, außerhalb des deutschen Sprachraums zu suchen.

Heimat ist also für mich in jedem Fall – auch – die deutsche Sprache. Aber ist damit Deutschland meine Heimat? „Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen“, schreibt Wikipedia. Kulturell hat Deutschland mich sicherlich geprägt. Wie sehr, merke ich vor allem dann, wenn ich im Ausland bin. Wenn ich feststellen muss, dass ich doch oft gar nicht so tolerant und offen bin, wie ich immer wieder meine, zu sein. Wenn es mir schwerfällt, besonders fremde – mir völlig unverständliche – Aspekte einer anderen Kultur, einer anderen Geschichte, zu akzeptieren und nicht zu bewerten.

Allerdings passiert mir dies auch ziemlich oft im „eigenen Land“… Wie oft verstehe ich meine eigenen „Landsleute“ nicht! Selbst Menschen, die mir nahe stehen. Viel schlimmer ist jedoch, mich selbst nicht verstanden zu fühlen. Wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber ist nicht in der Lage, sich in „meine Schuhe zu stellen“ und ganz bei mir zu sein. Auch, wenn er mich überhaupt nicht versteht, weil er selbst die Situation – aus seiner Perspektive – ganz anders sieht oder anders handeln würde. Aber geht es darum eigentlich wirklich, dass mein Gegenüber mich verstehen MUSS? Es ist schön blöd, wenn es mir erst dann gut geht, ich mich erst dann angenommen, gesehen, geliebt fühle, wenn er oder sie mich doch endlich verstehen würde… Was, wenn das nie passieren wird? Was, wenn es gar nicht möglich ist, jemand anderen wirklich zu verstehen? Dann kann ich mich daran abarbeiten, und werde es doch nie erreichen…

Je länger ich darüber nachdenke, desto besser verstehe ich, dass „Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muss“ nicht automatisch heißt „Heimat ist, wo ich verstanden werde“… Aha! Erkenntnis des Tages: Es kann sein, dass mein Gegenüber mich gar nicht – nicht ein klitzebisschen – versteht. Es ist wahrscheinlich ziemlich sicher so. Und es kann sein, dass ich mich selbst auch gar nicht erklären muss, um angenommen, gesehen, geliebt zu werden, so wie ich halt nun mal bin… Weil mein Gegenüber gar nichts wissen muss von mir. Wenn das Herz offen und Bewertungen und Urteile nicht mehr nötig sind, um sich selbst zu verorten in dieser Welt.

Vielleicht muss ich Heimat auch erst mal bei mir selbst suchen – in meinem Herzen finden. Dann habe ich vielleicht auch nicht mehr das Bedürfnis, „man“ möge mich doch bitte endlich verstehen; möge mich doch endlich so sehen, so annehmen, wie ich wirklich bin. „Liebe Dich selbst, und es ist egal, wen Du heiratest“ (Eva-Maria und Wolfram Zurhorst) ploppt spontan in mir auf. Es geht nicht darum, allein meine Kreise auf der Lebensbahn zu ziehen und niemanden mehr zu „brauchen“, wenn ich nur erst mal gelernt habe, mich selbst zu lieben, mir selbst Heimat zu sein. Aber ich glaube, erst dann, wenn ich weiß, dass ich allein sein kann, wenn sonst alles wegfällt und ich auch in den leeren Momenten gern mit mir zusammen bin  –, ohne im Mangel zu sein, ohne zu vermissen, ohne Sehnsucht, ohne zu „brauchen“ – dann bin ich auch erst wirklich unabhängig, sprich: innerlich frei, Gemeinschaft mit Anderen – ob Familie oder LebenspartnerIn(nen) oder WG oder Kommune oder Haufendorf – wirklich in Fülle leben zu können. Frei, ganz „selbst-verständlich“ zu geben, statt immer erst vom Anderen etwas bekommen zu wollen, zu „brauchen“…

Ja, ich bin als Mensch ein soziales Wesen, ohne soziale Kontakte, Berührungen und Austausch werde ich krank, verkümmert meine Seele, lerne ich nicht mehr, wachse ich nicht mehr. Aber das Tolle ist: Ich kann mir das auch alles selbst geben! Wenn ich mich selbst liebe, wenn ich mich selbst annehme, so wie ich bin, wohlwollend und liebevoll. Letztendlich ist es eine Grundvoraussetzung, um von Anderen geliebt zu werden, dass ich mich selbst liebe: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ sagte Jesus und meinte damit wahrscheinlich genau das. Nicht erst den Nächsten lieben, nee, erst mal sich selbst lieben. Wenn das klappt, dann kann ich mich auf mein Gegenüber wirklich vom Herzen her einlassen. Ich brauche das „Du“ – „das andere Ich“, das Spiegeln meiner Seele in meinem Gegenüber, um die Heimat in mir selbst überhaupt entdecken, mich in der Welt verorten zu können. Dabei hilft, neugierig zu sein auf das, was der Spiegel mir zeigt – ohne zu bewerten, statt Angst zu haben vor meiner inneren Wirklichkeit und mich umzudrehen und wegzulaufen, weil ich im Spiegel vielleicht auch mal „nicht gut“ aussehen könnte, weil ich in meine eigenen Abgründe schauen muss. In das, was ich nicht an mir sehen will: Eifersucht – weil jemand anderes etwas bekommt, was ich doch meine so sehr selbst zu brauchen; Überheblichkeit – weil ich mich selbst nur dann lieben kann, wenn ich alle anderen um mich herum klein mache; Gier – weil ich Angst habe, nicht „genug“ zu sein und zu bekommen…

Es ist eben nicht immer „schön“, was man da im Spiegel des Anderen über sich selbst erfährt… Und genau hier bietet mir das Leben wieder neue Chancen zu wachsen, diese Abgründe sichtbar zu machen, bewusst zu machen, ins Licht zu holen. Und zu sagen: „Hallo Eifersucht. Jetzt lernen wir uns endlich mal richtig kennen. Eins interessiert mich schon so lange: Warum bist Du da? Warum bist Du wichtig? Was kannst Du mir über mich sagen?“ Und dann kann die Eifersucht erzählen: Von tiefen Verletzungen, alten Mustern, von zerstörtem Vertrauen in das Leben – Geschichten aus vergangenen Zeiten. Und dann kann ich die Eifersucht annehmen, so wie sie nun mal gerade da ist. Ein Gefühl, das mich behindert, innerlich frei zu sein; das mich blockiert. Aber das auch irgendwie einen Sinn hatte. Früher einmal. Dass es einmal einen „guten“ Grund gab, warum sie entstanden ist. Und dann kann ich die Eifersucht in den Arm nehmen und sagen, dass ich sie lieb habe, weil ich sie nicht mehr bewerte. Und dann kann die Eifersucht sich wandeln, vielleicht in das Wohlwollen, dem anderen gönnen zu können, dass er glücklich ist. Eben auch ohne mich. Weil mein Herz wieder offen ist und weit.

Zu oft habe ich mich diesen Wachstumschancen in der Vergangenheit entzogen, indem ich „geflüchtet“ bin – aus Situationen, die mich überfordert und die mir Angst gemacht haben. Ich bin „geflohen“ vor Menschen, von denen ich mich verletzt gefühlt habe, nicht verstanden, nicht geliebt – hab mein Spiegelbild nicht sehen wollen… und bin dadurch immer wieder aufs Neue „heimatlos“ geworden. Heute laufe ich nicht mehr weg, wenn der Sturm um mich herum – in mir – tobt. Ich halte aus. Ich halte aus, bis der Sturm sich irgendwann legt und beobachte neugierig, wie der Wind Veränderung in das Bestehende, Bisherige bringt und alles durcheinander wirbelt, die Karten neu mischt. Ich bewerte nicht, ich (ver)urteile nicht. Es ist wie es ist. Und morgen ist ein neuer Tag…

Das lerne ich gerade von den Bäumen, sie können so wunderbare Spiegel sein. Auch sie halten aus, wenn der Sturm um sie tobt. Was bleibt ihnen auch übrig? Und sie vertrauen darauf: Auch das geht wieder vorbei. Und morgen ist ein neuer Tag. Die nächste Blüte kommt bestimmt und damit neue Früchte – neue Ideen und neue Möglichkeiten. „Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muss“: Ein Baum muss sich nicht erklären. Die Natur braucht keine Erklärungen. Die Natur bewertet nicht, beurteilt nicht. Sie teilt nicht ein in „gut“ oder „böse“, in „schön“ oder „hässlich“, „richtig“ oder „falsch“. In der Natur kann ich sein, wie ich bin und wer ich bin. Ich fühle mich von der Natur angenommen, weil sie mich nicht bewertet. Vielleicht ist DAS „Liebe“ – einfach nicht zu bewerten? Angenommen zu werden, wie man ist? Sich nicht erklären zu müssen? Ist „Liebe“ dann vielleicht auch „Heimat“? Heimat ist für mich kein Ort, Heimat ist ein Gefühl: Das Gefühl, mich nicht erklären zu müssen. Heimat entsteht – für mich –, wenn ich die Fähigkeit habe, mich wohl zu fühlen, egal wo ich bin. Unabhängig von einem Ort im Außen. Heimat kann ich mir machen. Egal wo. Heimat ist ein Ort in meinem Herzen…

Und die Frage für mich und mein Holzhäuschen ist einmal mehr: Wie und mit wem will ich eigentlich leben? Wenn ich DIE Antwort gefunden habe, ergibt sich das wo wahrscheinlich von allein… Bis dahin mache ich es wie die Bäume: Ich halte aus und beobachte, was geschieht. Bis der Sturm – mein Herz – sich wieder beruhigt, das Meer in mir wieder ruhig wird und mein innerer Horizont wieder klar. Dann wird auch mein Bild von „Heimat“ und „Zuhause-Sein“ klarer werden. Und dann  werde ich wissen, wo mein Platz ist. In meinem Herzen und auch in der Welt.

Als ich mich selbst zu lieben begann…

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist –
von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: Das nennt man AUTHENTISCH SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen
und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich: Das nennt man REIFE.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht,
was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
Heute weiß ich: Das nennt man EHRLICHKEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“,
aber heute weiß ich: Das ist SELBSTLIEBE.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: Das nennt man DEMUT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben
und mich um meine Zukunft zu sorgen.
Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet,
so lebe ich heute jeden Tag und nenne es BEWUSSTHEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten,
denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN!

 Charlie Chaplin