Wir müssen träumen!

„Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir träumen! Sonst passiert nichts Neues…“, sagt Erwin Thoma in seinem Vortrag beim Cradle to Cradle Kongress 2017 in Lüneburg. Manchmal vergesse ich das und verliere den Traum von meinem eigenen kleinen Holzhäuschen und dem Leben in Gemeinschaft wieder aus dem Blick… Dann wird mein Traum wieder vom Alltag – manche nennen das „Realität“ – verdrängt, die Zweifel steigen in mir hoch und ich denke: „Bist Du wirklich sicher, dass das Dein Traum ist? Oder machst Du Dir vielleicht doch nur was vor?“ Und dann begegne ich wieder Menschen, die meinen Traum ganz ähnlich träumen oder stoße im Netz auf Dokus, die Menschen zeigen, die meinen Traum vom kleinen Haus schon leben! Oder ich erzähle anderen von meinem Traum und spüre die schon leicht verblassende Begeisterung wieder in mir aufsteigen… Es stimmt, ich muss mich einfach mehr mit dieser Energie aufladen, jeden Tag das Bild meiner Vision in mir aufsteigen lassen, dem Leben zeigen, dass ich das WIRKLICH will! Denn das Leben unterstützt mich. Ich muss meinen Traum nur in die Welt schicken, damit das Leben auch weiß, wie es mich unterstützen muss, damit ich ihn verwirklichen kann. Im stillen Kämmerlein vor mich hin zu träumen reicht da nicht, denn:

„Ein Traum ist eine mögliche Wirklichkeit, die darauf wartet, dass sie stattfinden darf.
Aber sie wartet nicht ewig. An irgendeinem Punkt muss man seinen Träumen helfen,
den Übergang zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schaffen,
sonst verlassen sie einen früher oder später.“

John Strelecky („Safari des Lebens“)

Und ich gebe zu, auch ich warte (zu) oft darauf, dass diese „mögliche Wirklichkeit“ meines Traums „einfach so“ stattfindet. Und ich vergesse, meinem Traum zu helfen, Wirklichkeit zu werden, und wundere mich, dass er weiterhin nur ein Wunsch bleibt…

Was brauche ich also, um mit meinem Traum vom kleinen Holzhäuschen am Ball zu bleiben? Ich muss mir mehr „Wer’s“ suchen. Hä? „Wer’s“? Was ist das denn? Oder besser: WER ist das? Nach John Strelecky sind „Wer’s“ Menschen, die meinen Traum, meinen Herzenswunsch, bereits umgesetzt und realisiert haben. Menschen, die wissen, dass dieser Traum erreichbar ist und die wissen, was man tun oder lassen sollte, um ihn zu verwirklichen. Hilfe ist also da, ich muss sie nur sehen und in Anspruch nehmen… „Wer’s“ können Menschen aus meinem Umfeld sein, die mich unterstürzen, aber auch besagte Menschen aus den Dokus, die mir zeigen, dass mein Traum doch gar nicht so unrealistisch ist, wie ich mir manchmal selbst einreden will. Sie leben ihn ja bereits, also ist er auch – für mich – realisierbar!

Und so suche ich weiter nach Menschen, die so ticken wie ich: „Wer auf etwas abfährt, findet immer Gleichgesinnte“, sagt Fritz Senn im aktuellen „Alverde“-Magazin von dm. Und wo findet man sie, diese Gleichgesinnten, die auf das Gleiche abfahren wie ich? Zum Beispiel auf dem Frankfurter Grünwärts-Festival. Am vergangenen Sonntag habe ich dort einen Vortrag über das Bauen mit Holz gehalten. Dort bin ich mit „ganz normalen“ Menschen ins Gespräch gekommen, die meinen Traum vom Leben im Minihaus genauso träumen wie ich. Ich bin also doch nicht so allein mit meiner „spinnerten“ Idee, zu leben wie Peter Lustig! Das gibt meiner Energie wieder Auftrieb und ich schmeiße mich wieder voller Elan hinein in meinen Traum vom kleinen Holzhaus… Ich zeichne weiter an meinem Grundriss, recherchiere „Wer’s“ und spreche wieder öfter darüber, in der Hoffnung auf Menschen zu treffen, die Bock haben, mit mir gemeinsam zu träumen.

Denn alleine macht mir das auch alles eigentlich keinen Spaß. Ich bin ein menschliches Wesen und als solches „sozial“. Wikipedia sagt dazu (Stand heute): „In der Umgangssprache bedeutet ‚sozial‘ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies schließt die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren und sich einzufühlen mit ein. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und eigene Interessen zurückzustellen.“  – Ich will nicht als Einsiedlerin irgendwo im Nirgendwo allein in meiner Hütte vor mich hin schweigen, ich will MEIN Leben gemeinsam mit anderen und damit letztendlich auch DAS Leben – sprich unsere gemeinsame Welt –   mitgestalten. Was nützen mir all meine Talente, Fähig- und Fertigkeiten, wenn ich sie nicht einbringen kann zum Wohle aller? Ich bin schon immer der Überzeugung gewesen, dass, wenn es der Gemeinschaft gut geht, auch automatisch mir gut geht. Ich war nie überzeugt vom aktuellen Geschäftsmodell der Konkurrenz. Ich glaube an Kooperation. Erwin Thoma beschreibt das immer so schön am Gesellschaftsmodell des Waldes: Wenn die Bäume irgendwann ihren Platz im Leben gefunden haben, sobald sie ihre eigene Existenz abgesichert haben – „oben angekommen sind“ –, dann werden sie „brüderlich“: sie wollen, dass es ihren Nachbarn gut geht. Denn sie wissen, dass es dann auch ihnen gut geht. Das heißt: Wenn die eigene Existenz gesichert ist, braucht es keine Konkurrenz mehr. In unserem Wirtschaften ist es aber genau umgekehrt: Wenn Deine Existenz gesichert ist, muss Du weiter wachsen und Deine Konkurrenz ausschalten! Das ist nicht „brüderlich“, das ist raffgierig und „a-sozial“… und immer verbunden mit großen Kraftanstrengungen. Es ist so wahnsinnig anstrengend, immer gegen alle anderen kämpfen zu müssen… statt sich zu ergänzen, zu unterstützen, „sozial“, und damit „menschlich“ zu sein.

Der Wald erscheint mir dabei oft viel „menschlicher“ als wir Menschen selbst: Bäume unterstützen sich, sie warnen sich gegenseitig mit Duftstoffen vor Angriffen durch Schädlinge, kommunizieren über ein weit verzweigtes Wurzelnetz miteinander, ernähren und versorgen kranke und alte Bäume über lange Zeit mit: Kooperation„Brüderlichkeit“ – statt Konkurrenz. Also könnte ich sagen, die Bäume sind schon mal „Wer’s“, die mir zeigen, wie gemeinschaftliches – kooperatives – Leben gelingen kann. Die machen das ja schon ein paar Millionen Jahre länger als wir Menschen. Und erstaunlicher Weise gibt es ihn immer noch, den Wald. Es scheint also ein Erfolgsmodell zu sein, diese „Brüderlichkeit“…

Ich glaube also weiter an ein „leichteres“ Leben in Gemeinschaft, an die erfolgreiche Kooperation – also das „Zusammen-Wirken“ – von Gleichgesinnten, die „Brüderlichkeit“ der Menschen und versuche in kleinen Schritten den Übergang zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schaffen … um ihn irgendwann zu realisieren, meine Traum vom kleinen Holzhäuschen!

Wenn einer allein träumt,
ist es nur ein Traum.
Wenn Menschen gemeinsam träumen,
ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.

Dom Hélder Câmara

 

Links

„Mein Haus zieht mit“, ZDF Mediathek – Film

„Leben in kleinen Häusern – weniger ist mehr“, FEATVRE – Film