Nachts im Wald…

Nun war es also da, mein Wald-Wochenende! Wir waren insgesamt fünf Frauen, die irgendwo im Nirgendwo ihre Zelte aufschlugen. Für mich war dieses Wochenende die Herausforderung, mich einer meiner tiefsten Urängste zu stellen: Meiner Angst vor dem Alleinsein nachts in der Natur. Ich weiß nicht, woher diese Angst kommt. Ich habe selber nichts erlebt, was die Angst hätte schüren können. Außer meine kindlichen Ausflüge in die Welt von „XY Aktenzeichen ungelöst…“ immer freitags abends bei meinem Opa. Da gab es einige Fälle, in denen Frauen im Wald Opfer von Sexualverbrechen wurden, die sich mir sehr ins Gedächtnis – bis heute – eingebrannt und meine Ängste geschürt haben. Gleichzeitig glaube ich, dass diese Ängste auch vorher schon da waren, sonst hätten sie sich nicht mit solcher Intensität meiner bemächtigen können. Für mich fühlt es sich an wie kollektive Ängste – Ängste, die schon unzählige Frauen vor mir erfahren haben. Und mit diesem Wochenende wollte ich mich auf den Weg machen, diese Ängste zu erkunden und – vielleicht – ein wenig aufzulösen und den damit verbundenen Opfer-Schmerz zu heilen, wenigstens ein bisschen.

Der Wald hatte für mich immer schon zwei Seiten. Die eine friedliche, zeitlose, endlose, heilsame, erfrischende, beruhigende am Tag und die dunkle, unheilvolle, düstere in der Nacht, wenn die Halunken, Meuchelmörder und bösartigen Wölfe aus dem Schatten treten und es – gefühlt – kein Entkommen gibt… All diese Geschichten, Mythen und Märchen, in denen die Bösewichte im Wald leben, diesem Sinnbild der Schatten und Dunkelheit unserer Seele. Es ist, als ob bei Einbruch der Dämmerung eine Theaterkulisse der friedlichen, heilen Welt gegen die Kulisse einer Welt voller Bösartigkeit, Hinterhalt und Düsternis getauscht wird. Ich tauche an diesem Wochenende also tief ein in all die Irrationalitäten meines Unbewussten, meiner Ängste und Schatten, die ich bei Tag nicht sehen kann. Ich liebe den Wald, er ist ein Ort der Ruhe, der Kraft und des Auftankens – des Lebens – für mich. Und gleichzeitig ist es der Ort meiner größten Angst…

Schlafen im Wald
Schon bei der Zeltplatzwahl merke ich, dass mich die Angst vor meiner eigenen Courage fest im Griff hat. Drei der Frauen suchen sich schöne, gemütliche Plätze direkt im Wald unter Bäumen oder am Waldrand. Und ich? Ich Schißbuchse kriege es einfach nicht hin, meine Komfortzone zu verlassen… Ich schlage mein Nachtlager auf einer Lichtung in der Nähe einer anderen Frau und direkt neben der Waldarbeiter-Hütte auf, die wir zum Lagern unserer Sachen und im Notfall nutzen dürfen. Sicher ist sicher… Bloß nicht zu tief rein in die Düsternis des Waldes – und meiner eigenen Seele… Und trotz all dieser „Sicherheitsmaßnahmen“ ist die erste Nacht furchtbar. Ich schlafe zwar um 23 Uhr ein – nachdem irgendetwas die ganze Zeit schnüffelnd und raschelnd um mein Zelt geschlichen ist – , werde aber um 0:30 Uhr wacht und kann vor lauter Angst nicht wieder einschlafen. Zudem drückt die Blase furchtbar, aber ich trau mich einfach nicht nach draußen… Bis der Harndrang so schlimm wird, dass ich mich ganz schnell neben das Zelt hocke und froh bin, die „Tür“ hinter mir wieder zu machen zu können… Bis 4 Uhr liege ich wach, alle Sinne in Hab-Acht-Modus: Was war das? Da bellt doch ein Hund! Kommt das Bellen näher??? Am Morgen erfahre ich, dass das ein Rehbock war… Ich schlafe noch mal kurz und bin um 6 Uhr wach, völlig gerädert. „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“, singt Rio Reiser in meinem Ohr…

Die zweite Nacht geht besser. Ich schlafe ein, muss nicht „nachts raus“ und wache tatsächlich erst um 7 Uhr auf. Erstaunlich. Schade, dass dieses Abenteuer nach zwei Nächten schon zu Ende ist, jetzt wäre ich bereit, mich mit meinem Zelt auch in die Bäume zu schlagen. Ich nehme den Impuls mit, in Zukunft öfter draußen zu schlafen. Auf dem Balkon, im Garten, mit und ohne Zelt, um mich so dem Schlafen im Wald langsam anzunähern: Was ist der nächstmögliche Schritt?

Eine Hütte im Wald
Es gibt vier Dinge, die beim (Über)Leben in der Wildnis überlebenswichtig sind: Schutz, Flüssigkeit, Nahrung und Wärme. Schutz ist immer das wichtigste, alles andere variiert in der Priorität. In der Wüste ist Flüssigkeit sicher viel wichtiger, als im Winter in Schweden… Jetzt geht es um Schutz und Wärme im Winter: Wir bekommen die Aufgabe, eine Hütte zu bauen. Im Wald. Mit dem, was der Wald hergibt. Wir bekommen eine kleine Klappsäge und 3 Stunden Zeit. Die Hütte soll im Winter einer Person Schutz geben und ohne Schlafsack warm genug sein… Puh, das ist ja mal eine Herausforderung!

Wir sind zu dritt und suchen zunächst einen geeigneten Platz. Es kommen verschiedene Plätze in Frage, aber irgendwas ist ja immer: Zu viel Dickicht, zu wenig Dickicht, zu viel Wind… Wir einigen uns auf einen Platz zwischen 6 Buchen, die einen kleinen Kreis bilden (letztens habe ich gelernt, dass Buchen gern in „Familien“ stehen). Zwei der Buchen umschlingen sich wie ein Liebespaar. Das kann nur ein guter Platz sein… Wir haben Glück und ein paar Meter weiter liegt eine große vom Sturm entwurzelte Fichte. Ein großartiges Materiallager! Zunächst brauchen wir aber erst mal ein statisch stabiles Grundgerüst. Mit einigen dickeren Ästen bilden wir zwei tipi-artige Konstruktionen, die wir mit einer Firstpfette verbinden, um „auf Länge“ zu kommen, damit frau sich im Nachtlager auch ein wenig ausstrecken kann. Dann kommt die erste Schicht Fichtenzweige drauf. Dann Reisig, als Trägermaterial für eine weitere Schicht Laub. Dann noch mal Fichtenzweige. Untenrum soll ein Ringanker aus Ästen und Laub vor Zugluft am Boden schützen.

Es ist ein wunderschönes Ei geworden, das sich ganz natürlich an die Bäume schmiegt, die es halten. Schutz ausstrahlen tut sie schon mal, die Hütte, ob sie auch wirklich schützt und wärmt (im Winter…) wissen wir nicht. Ich stelle mir die Frage, ob ich in dieser Hütte heute Nacht schlafen will. Sie ist so gemütlich! Ich bin hin und her gerissen, entscheide mich aber dagegen. Zu weit weg von den anderen. Wenn die jetzt ihre Zelte direkt neben der Hütte aufschlagen würden, dann schon. Aber so? Allein im dunklen Wald? Nein!

Erkenntnis des Tages: Die Natur ist mein Spiegel! Das Hütte-Bauen hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht! Es war wie eine Rückverbindung zu meiner Kindheit, in der ich oft Buden gebaut habe. Auch draußen, mit den langen Bohnenstöcken bei meinem Opa, abgedeckt mit Moos und Tannenzweigen. Oder Höhlen, die ich entdeckt habe im tiefen Tannendickicht: „Bleib auf Deinem Weg und bau Dein Tiny House“, sagt mir diese Erfahrung. Und auch das Thema „Gemeinschaft“ taucht immer wieder auf: Gemeinsam die Hütte bauen, gemeinsam kochen, gemeinsam Feuer machen: „Bleib auf dem Weg hin zu gemeinschaftlichem Leben, bei dem jede/r ihre/seine Fähigkeiten einbringen kann“. Wichtigste Erkenntnis: Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, mit WEM. Wenn ich mein Herz öffne, dann geht das mit nahezu jedem Menschen…

Letztendlich ist die Hütte viel zu hoch geworden, das hält im Winter nicht wirklich warm. Und wir hätten noch viel mehr Waldmaterial von außen drauf packen müssen – mindestens 30 cm, auch auf dem Boden. Aber für das erste Mal war das schon ziemlich gut und für meinen Mittagsschlaf hat es allemal gereicht!

Ich habe Feuer gemacht…
Ich lerne, wie man ein Kochfeuer entzündet. Dazu sammle ich ordentlich Zunder – Gewölle von der Weide, Reisig, Gras – alles schön trocken natürlich. Daraus mache ich ein Glutnest, das ich anzünde. Darauf kommen kleine trockene Zweige und wenn das schön brennt, dann kommen die größeren Scheite dazu. Zum Kochen braucht es viel Glut, weniger Flammen. Ich bin sehr stolz – ich traue mich Feuer zu machen! Respekt ist noch da, aber das Feuer ist mein Freund geworden. Jetzt muss ich zumindest schon mal nicht draußen erfrieren und kann mir was zu Essen kochen. So wie wir: Am ersten Abend haben wir Paprika und Zwiebeln mit Kartoffeln auf einer gusseisernen Pfanne über dem Feuer geschmort, mit in Beinwell gewickeltem Schafskäse, paniert mit Knäckebrotbröseln. Eine Wucht! Danach das Popcorn im Topf in der Glut… Am zweiten Abend gab es Pizza Calzone. Klasse! Und zum Dessert Pfannkuchen mit frisch gesammelten Waldhimbeeren. Köstlich! Die Brennnessel-Chips zum Knabbern am Feuer danach waren überraschend gut. Also, auch verhungern muss ich nicht. Vielleicht verdursten? Wir haben einen kleinen Exkurs gemacht zum Thema „Wassersuche“, wie man Wasser in der Natur filtern kann und dass Abkochen ganz wichtig ist!

Mein geheimer Platz
An diesem Wochenende ging es darum, dass wir uns (als Frauen…) wieder frei und vertraut in der Natur bewegen und dass wir uns daran erinnern, was wir eigentlich alles ohne moderne Hilfsmittel hinbekommen und was uns die Natur zum Leben schenkt: Material, um eine Hütte zu bauen für den Schutz; Holz, um ein Feuer entzünden zu können für die Wärme; Wasser, um nicht zu verdursten – Flüssigkeit; Wildpflanzen, um uns ein Abendessen zubereiten zu können – Nahrung. Dafür brauchen wir Vertrauen, Vertrauen in uns – unsere eigenen Fähigkeiten –, und in die Natur, dass sie schon für uns sorgt. In dem Erleben, was ich tatsächlich alles kann, werde ich neugieriger und mutiger, damit wächst auch das Gefühl, wieder stärker mit der Natur verbunden zu sein. Ich komme wieder zuhause an – zuhause in mir und zuhause in der Wildnis.

Das Gefühl der Verbundenheit mit mir und der Natur spüre ich deutlich, wenn ich meinen geheimen Platz immer wieder aufsuche. Den Ort, an dem ich mich – auch allein – geborgen und sicher fühle. Der mir das Vertrauen vermittelt, dass ich hier sein kann, wie ich bin. Mein geheimer Platz ist – mal wieder – ein Kreis, eine Familie, von Bäumen. Zwei Eichen und vier Buchen. In der Mitte ein moosbewachsener Baumstumpf. Ein friedlicher Platz. Es gibt immer wieder Zeit, den geheimen Platz zu besuchen und bei jedem Besuch ist es anders. Mal sitze ich einfach auf dem Baumstumpf, mal lege ich mich auf den Waldboden und betrachte das in unterschiedlichen Grüntönen leuchtende Blätterdach. Dann lege ich mich bäuchlings ins Laub und betrachte den Mikrokosmos, der sich vor mir auftut: Kleine Keimlinge, die mal große Bäume werden – in Jahrzehnten…, Käfer und Ameisen, die sich über Berg und Tal ihren Weg bahnen. Als ich aufstehe, erscheint mir der Rest der Welt unendlich viel größer. Ich mache eine Baummeditation, versetze mich hinein, wie es wohl ist, hier einfach Jahr für Jahr zu stehen. Die Jahreszeiten, das Wetter, die Tiere – und Menschen – die sich hier so rumtreiben, an mir vorüberziehen zu lassen. Bäume haben vermutlich ein völlig anderes Zeitempfinden als wir Menschen. Wenn ich mich an einen Baum lehne und eine halbe Stunde dort sitze, denkt der Baum wahrscheinlich – sobald ich wieder fort bin: „War da was?“ Ich stelle mir vor, dass es so ist wie bei den Ents in „Der Herr der Ringe“. Die bewegen sich und sprechen auch immer wie in Zeitlupe. Mein Besuch bei meiner Baumfamilie war für die Bäume wahrscheinlich auch nur ein Wimpernschlag. Mich haben diese Momente jedoch unendlich bereichert. Ich bin achtsamer geworden und mein Blick auf die Natur hat sich noch mal verändert. Der Abschied von meinem geheimen Platz ist mir schwer gefallen. Gerade hab ich ihn mir vertraut gemacht, und schon muss ich weiterziehen…

Ein Buch-Tipp zum Schluss
„Der Geschmack von Laub und Erde: Wie ich versuchte, als Tier zu leben“, so heißt das sehr lesenswerte Buch von Charles Foster, an das ich an diesem Wochenende im Wald oft denke. Aus dem Kladden-Text:  „Was fühlt ein Tier, wie lebt es und wie nimmt es seine Umwelt wahr? Um das herauszufinden, tritt Foster ein faszinierendes Experiment an. Er schlüpft in die Rolle von fünf verschiedenen Tierarten: Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler. Er haust in einem Bau unter der Erde, schnappt mit den Zähnen nach Fischen in einem Fluss und durchstöbert Mülltonnen auf der Suche nach Nahrung. Er schärft seine Sinne, wird zum nachtaktiven Lebewesen, beschreibt wie ein Weinkenner die unterschiedlichen »Terroirs« von Würmern und wie sich der Duft der Erde in den verschiedenen Jahreszeiten verändert. In die scharfsinnige und witzige Schilderung seiner skurrilen Erfahrungen lässt er wissenswerte Fakten einfließen und stellt sie in den Kontext philosophischer Themen. Letztendlich geht es dabei auch um die eine Frage: Was es bedeutet, Mensch zu sein.“ Auch mich treibt die Frage um: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Mensch zu sein in der Wildnis? Und bin ich noch dieselbe, wenn ich mich auf die Natur eingelassen habe – nachts, im Wald? Nein, wahrscheinlich nicht. Ich habe mehr Vertrauen in mich und in meine Fähigkeiten. Ich bin mutiger und habe Lust auf Abenteuer. Ich habe mich verwandelt, in eine Andere. Bessere?

Nachts im Wald

Ich glaube, die Erde erinnert sich an mich,
sie nahm mich so zärtlich zurück,
ordnete ihre dunklen Röcke,
ihre Taschen voller Flechten und Samen.

Ich schlief wie nie zuvor,
ein Stein im Flussbett,
nichts zwischen mir
und dem hellen Feuer der Sterne

außer meinen Gedanken,
und sie flogen schwerelos davon,
wie Falter in der Nacht,
unter den Zweigen
der makellosen Bäume.

Die ganze Nacht hindurch hörte ich
Die winzigen Königreiche atmen,
die Insekten und Vögel,
die ihre Arbeit in der Dunkelheit tun.

Die ganze Nacht hindurch schwebte ich auf und ab,
so als befände ich mich im Wasser.
Ein schimmerndes Schicksal hielt mich
am Boden fest.

Als der Morgen dämmerte,
hatte ich mich bereits
unzählige Male verwandelt
in etwas Anderes, Besseres.

Mary Oliver

Links

Fünf Trekkingplätze für Nächte in der Wildnis – Spiegel Online