Ein anderes Leben finden

Irgendwie ist meine Angst davor, nachts im Wald zu sein, ja wirklich ein Luxus-Problem. Ich bin ja gar nicht gezwungen, im Wald schlafen zu müssen. Ich habe eine Wohnung, ein Dach über dem Kopf, ich habe genug zu essen, lebe in einem einigermaßen sicheren Land, in dem es den allermeisten Menschen einigermaßen gut geht. Ich lebe nicht in Dschibuti, wo ich als Frau nicht lesen und schreiben lernen darf, in dem es für mich keine Perspektive zu geben scheint. Und doch ist dieses Thema „Im-Wald-schlafen-Können“ so präsent. Ich möchte irgendwie gern auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Wer weiß, vielleicht werde ja auch ich mich eines Tages gezwungen fühlen, meine Heimat – den Ort, an dem ich mich nicht erklären muss – zu verlassen. Und vielleicht ist dann der Wald – oder die Wüste oder das Meer – der Ort, an dem es um mein Überleben geht.

Warum ist das für mich überhaupt ein Thema? Ich glaube, eine mögliche Antwort liegt in der Geschichte meiner Familie, in der kollektiven Erinnerung, die sich, obwohl ich selbst ihre Erfahrungen nicht gemacht habe, als ungelöste „Lebensthemen“ nicht nur in ihre, sondern auch in meine Seele eingeschrieben hat. Wie ein falschgeschriebener Code, der nur umprogrammiert werden muss, aber keiner weiß so richtig, wie das geht. Und es sind die Erfahrungen von Generationen, die immer wieder die gleichen Ängste in mir auslösen wie schon in meiner Großmutter, meiner Urgroßmutter, obwohl ich es doch, anders als sie, „so viel besser habe“,  so sicher und warm und wohlgenährt…

„Jeder Mensch hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in sich,
daran zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe ist.“
Christian Morgenstern

Heute kommt dieses Thema wieder in mir hoch. Ein Artikel auf „ZEIT online“ hat mich zu Tränen gerührt, hat etwas in mir berührt, das ich auf dieser unbewussten, unerlösten Ebene meiner Ängste selbst so gut kenne. Es war ein Artikel über Seenotrettung von Geflüchteten im Mittelmeer:  „Ohne die ‚Lifeline‘ wären wir jetzt tot“. Seenotrettung von Menschen, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben gezwungen gefühlt haben, ihre Heimat – den Ort, wo sie sich nicht erklären müssen –  zu verlassen. Und sie haben ihre Gründe. Jede einzelne Frau, jeder einzelne Mann. In den wenigen Kommentaren, die unter dem Artikel nicht auf Grund von Hass, Abwertung, Unterstellungen oder Unmenschlichkeit von der Redaktion gelöscht wurden, wird immer wieder die Frage gestellt, was denn nun der „Flucht-Grund“ der jungen Frau gewesen sei, das würde aus dem Artikel ja nicht wirklich hervor gehen. Doch, es ist nämlich ganz einfach: Sie wollte für sich ein anderes Leben finden…

„Eleham, eine Waise aus Dschibuti, einem Nachbarland Äthiopiens am Golf von Aden. In ihrer Heimat durfte sie nicht lesen und schreiben lernen – ein Grund, warum sie sich vor drei Jahren auf den Weg machte, ein anderes Leben für sich zu finden“.

Das ist aber anscheinend für viele Menschen kein wirklich gültiger Grund, warum man „flüchten“ darf. Denn da war ja nun kein Krieg. Also, wo kommen wir denn da hin, wenn hier jeder sich einfach aufmachen würde, irgendwo hin, wo er Lesen und Schreiben lernen darf! Und überhaupt: Ein anderes Leben für sich finden… Also, nun lasst aber mal die Kirche im Dorf! Wenn das jetzt jeder machen würde. Das ist hier ja nun kein Wunschkonzert. Finde Dich mal schön damit ab, dass das Schicksal nun mal vorgesehen hat, dass Du in Dschibuti geboren wurdest und eben nicht Lesen und Schreiben lernen darfst. Wir müssen uns ja auch damit abfinden, dass wir hier nun „zufällig“ in Deutschland geboren wurden. Das ist auch nicht immer leicht! Frag mal die Kinder hier, die jetzt bei der Hitze nach sechs Wochen Ferien wieder gezwungen werden, in die Schule zu gehen, die hier 10 bis 13 Jahre Lesen und Schreiben lernen MÜSSEN! Das ist nun auch kein Zuckerschlecken! Wir ertragen unser Schicksal aber und erlauben uns ja nun auch nicht, auf Wanderschaft zu gehen, weil wir ein anderes Leben für uns finden wollen! Wo kommen wir denn da hin? – Ich bitte um Verzeihung für die Ironie, aber ich bin einfach gerade sehr, sehr wütend! Und traurig. Eigentlich mehr traurig als wütend. Ja, ich könnte einfach nur hier sitzen und mir ins Hemd weinen…

Wie viele Menschen gibt es in Deutschland, die mittlerweile auch „ein anderes Leben für sich finden“ wollen? Die nach einem lebensbedrohlichen Unfall, einer schweren Krankheit, einem Burn-Out oder einfach, weil sie die kapitalistische Marktwirtschaft, dieser ganze Ersatz-Befriedigungs-Konsum, nicht glücklich macht, merken, dass sie so, wie bisher nicht weiterleben wollen. Die als Banker irgendwann ausgebrannt sind und irgendwo ‘ne Bratwurstbude aufmachen oder eine Alm-Hütte übernehmen, weil sie diesen ganzen Druck nicht mehr aushalten und sich nach „einem anderen Leben“ sehnen? Ja, wenn Du Geld hast, dann ist das ja auch kein Problem. Dann stimmt das Freiheits-Versprechen schon, dass jeder der werden kann, der er werden will, dass jede ihr Leben so gestalten kann, wie sie es sich wünscht. Wenn Du aber kein Geld hast, keinen Job, nichts zu essen, nicht mal lesen und schreiben kannst, dann hast Du nun mal leider Pech gehabt! Dann gibt es für Dich kein „anderes Leben“. Und es wäre nett, wenn Du uns bitte nicht weiter mit Deinen Problemen behelligen würdest, wir haben nämlich selbst genug. Und eins davon wirst Du sein, Eleham, solltest Du auf die Idee kommen, doch von Portugal weiter nach Deutschland reisen zu wollen… (Jetzt bin ich gerade wieder mehr wütend als traurig, für den Fall, dass das emotional nicht rübergekommen sein sollte…)

Ja, und wie hat Eleham jetzt die Überfahrt bezahlt? Wenn sie doch kein Geld hat? „Ein Libyer habe für Elehams Überfahrt bezahlt – wie viel, das weiß Eleham nicht. Nur, dass er sagte, sie müsse gehen. Seine Familie dürfe nicht erfahren, dass er sich mit ihr eingelassen und ein Kind mit ihr habe. ‚Ich habe ihn nie gewollt, aber er mich, und nur das zählte‘, erzählt sie leise“. Frauen müssen sich prostituieren, Männer werden wie Sklaven (hierzu „empfehle“ ich den Artikel „Libyen: Es gibt dort keine Menschlichkeit“ – auch ZEIT online) gehalten, Migranten werden in Libyen von einem Händler zum nächsten weiterverkauft und von Schmugglern, Milizen oder privaten Geschäftsleuten ohne Bezahlung zum Arbeiten gezwungen. Sie schlagen die Menschen und sperren sie ein. Die Menschen, die es nicht geschafft haben in einer Nussschale über das Mittelmeer zu kommen und nach Vorstellung z.B. der aktuellen italienischen Regierung wieder nach Libyen zurückgebracht werden, kommen in Internierungslager, wo sie – mit Wissen der UN – zusammengepfercht wie Tiere unter dreckigen und unhygienischen Bedingungen vor sich hin vegetieren, teilweise gefoltert werden, um Geld von ihren Angehörigen in ihrer Heimat zu erpressen. Ersetzen wir „Libyen“ durch „von Deutsche besetzte Ostgebiete“ und „Internierungslager“ durch „Konzentrationslager“, stellen wir fest, dass Geschichte sich fortwährend wiederholt… Wenn wir nicht anfangen, all diese kollektiven „falschen“ Codes, die in uns allen wirken, aufzulösen, zu er-lösen, wird sich dieser Kreislauf von Gewalt, Gefangenschaft und Ausbeutung auch weiterhin fortsetzen. Das Leben präsentiert einem die immer gleichen Themen halt so lange, bis man erkennt, dass man was ändern muss…

Und wir in unserem kleinen, weit entfernten Deutschland meinen immer noch, wir hätten damit nix zu tun. Spannend. Ich persönlich kann verstehen, warum sich Menschen aus Ländern, in denen es für sie kein „gutes Leben“ gibt, aufmachen, ein „anderes Leben“ zu finden. Die Gründe dafür sind mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Ich bewerte nicht, ob der eine „Flucht“-Grund „legitim“ ist in meinen Augen und der andere nicht. Jemand hat beschlossen, dass er so nicht weiterleben will. Punkt. Und er will das ändern. Er wird schon seine Gründe dafür haben und wer bin ich, das zu bewerten, ob das nun ein „rechtmäßiger“ Grund für Flucht ist oder nicht? Was heißt auch schon „rechtmäßig“? Irgendwann nach dem 2. Weltkrieg haben irgendwelche Leute, die auch nur ganz zufällig in ihr Leben gepurzelt sind, festgelegt, dass es eine Unterscheidung zwischen „politischen Flüchtlingen“ und „Wirtschafts-Flüchtlingen“ geben sollte. Was für ein Quatsch! Wenn jemand aus wirtschaftlichen Gründen sein Heimatland verlässt, weil die wirtschaftlichen (Über)Lebensbedingungen kein „gutes Leben“ ermöglichen, liegt das letztendlich IMMER an der Politik.

Ich habe sowieso ein großes Problem mit diesem Wort „Flüchtling“. Was ist das? Ein Zwerg auf der Flucht? Die Endung „-ling“ erzeugt in mir immer ein Bild von etwas ganz Kleinem: „Pfifferling“ – ein kleiner Pilz, „Frischling“ – ein kleines Wildschwein, „Kohlweißling“ – ein kleiner Schmetterling und so weiter. Wenn man „Wörter mit LING am Ende“ im Internet eingibt, kommen wahnsinnig viele Begriffe zu kleinen Pflanzen und Tieren. Na gut, es gibt auch den „Findling“ – ein großer Stein, das ist mal was Großes, oder den „Häuptling“, der ist jetzt ja auch nicht gerade – zumindest was seine Macht angeht – klein. Aber ich denke bei „Flüchtlingen“ immer an Hobbits („Halblinge“) auf der Flucht vor Sauron. Es macht die Menschen so klein, es reduziert sie auf diese anscheinend einzige Rolle in ihrem Leben – Flüchtling sein. Dabei sind sie, sind wir alle, doch immer so viel mehr als nur „Flüchtling“, Mann oder Frau, homo- oder heterosexuell… Das sind doch alles Etiketten, die wir uns selbst aufkleben, weil wir meinen, uns dann selbst besser zu kennen und zu verstehen oder die uns andere aufkleben bzw. wir anderen aufkleben. Ich persönlich spreche lieber von „Geflüchteten“ oder von „Menschen auf der Flucht“ oder „Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, aus welchen Gründen auch immer“. Dieses Wort „Flüchtlinge“ entfremdet so, es entfremdet diese Menschen von uns, als ob sie einer anderen Art angehören würden und keine Menschen wären. Und das macht es uns natürlich leichter, einen immer „entmenschlichteren“ Blick auf das Thema zu haben. Da treiben „Flüchtlinge“ im Meer, keine „Menschen, die sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen“. Darum versuche ich, das Wort „Flüchtlinge“ in meinem Wortschatz umzuprogrammieren und mir Menschen vorzustellen, die ganz einfach in Not sind und die Hilfe brauchen, weil sie sonst sterben.

Mir kommt das Ende aus „Schindlers Liste“ in den Sinn, als die geretteten „Schindler-Juden“ Oskar Schindler aus Dankbarkeit den Ring aus ihrem Zahngold überreichen mit dem Text aus dem Talmud:

„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt…“

Ich hör sie schon wieder, all die, die sagen: Ja, aber wir können doch nicht alle retten…! Konnte Schindler auch nicht, aber es waren immerhin 1.200 Menschenleben, 1.200 Welten. Schindler konnte es irgendwann nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren, mit seinen Werten, diese Menschen in den Tod zu schicken. Und ich kann es auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, mit meinen Werten, dass die Welt zusieht, wie jährlich hunderte Menschen, die gerettet werden könnten, sterben müssen, weil es „nur“ Flüchtlinge sind. Ja, es sind viele, sehr viele Menschen. Und ja, vielleicht – sehr wahrscheinlich sogar – können wir sie nicht alle retten. Aber wenn wir uns mit der Menschlichkeit in uns verbinden, dann geht es gar nicht anders, als das wir es wenigstens versuchen…

Vielleicht können wir uns da ein Beispiel an Portugal nehmen: „Die Regierung unter dem sozialistischen Regierungschef António Costa hat angekündigt, mehr Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Sie kritisiert sogar, dass Flüchtlinge in andere europäische Länder weiterziehen, obwohl sie in Portugal bereits registriert wurden. […] Eleham und Abdel Karim wollen in Portugal bleiben, sagen sie. Sie will endlich lesen und schreiben lernen, auf Portugiesisch. Und danach so schnell wie möglich arbeiten. Irgendetwas. Vielleicht in der Landwirtschaft, die Helfer braucht. „Wir können diesem Land nützlich sein“, sagt Eleham. Am Mittwoch, nur drei Tage nach ihrer Ankunft, beginnt bereits ihr Sprachkurs. […] Die Sprachlehrer kommen etwa direkt in das Aufnahmezentrum. Die Kurse beschränken sich nicht auf Vokabeln und Grammatik. Die Lehrer gehen mit ihren Schülern einkaufen und in Museen, sie kochen und backen zusammen portugiesische Spezialitäten. Auch Kultur und Traditionen des Landes sollen vermittelt werden. Diejenigen, die sich bereits verständigen können, erhalten ein Bewerbungstraining für Vorstellungsgespräche und Fortbildungskurse. Und sobald eine erste Bewilligung zum Bleiben besteht, gibt es auch eine erste Arbeitserlaubnis.“

Sicherlich ist es eine andere Situation in Portugal, bisher sind sehr wenige geflüchtete Menschen dort angekommen. Aber es zeigt zumindest die MÖGLICHKEIT, dass es auch anders geht. Wenn man’s will… Dabei denke ich an die Postkarte einer lieben Freundin (die sich sehr in der „Flüchtlings“-Hilfe engagiert):

„Alle sagten: Das geht nicht! – Und dann kam einer,
der wusste das nicht und hat es einfach gemacht.“

Das hat auch mit der eigenen Haltung zu tun, dem eigenen Erleben, den eigenen Erfahrungen: „In Portugal können sich die Flüchtlinge der Solidarität der Portugiesen gewiss sein. Es gibt keine einzige Partei oder gesellschaftliche Gruppierung, die sich öffentlich gegen die Aufnahme ausspricht. Eher wird die Regierung aufgefordert, mehr zu tun und ihre Ankündigungen mit finanziellen Mitteln zu unterstützen. Das liege, sagt Matos, zu einem Teil gewiss daran, dass die Zahl der Flüchtlinge so gering sei und Menschen aus Afrika im Straßenbild kaum auffallen würden: Sie unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von Zuwanderern aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien Brasilien, Angola oder Mosambik. „Ganz sicher aber hat es damit zu tun, dass viele Portugiesen während der Diktatur und in den vergangenen Krisenjahren auswanderten“, sagt Matos. „Wir wissen, was es heißt, Fremde zu sein.“ 

Das wäre schon ein schönes Ende für diesen Text, aber ich möchte gern mit etwas sehr Persönlichem schließen. Meiner eigenen Familiengeschichte, die mir immer wieder zeigt, warum mich diese Thema so tief im Herzen, im Urgrund meines Seins berührt. Denn auch ich bin ein Kind von „Flüchtlingen“. Oder besser „Vertriebenen“ – auch so ein Etikett… Meine Familie väterlicherseits hat den Krieg relativ unbeschadet in einem klitzekleinen, politisch-strategisch völlig unbedeutenden Dorf in Ost-Brandenburg überstanden, bis dann im Januar 1945 die ersten deutschen Soldaten völlig zerlumpt aus den umliegenden Wäldern humpelten und klar war, als nächstes kommt „der Russe“.

Was hat das jetzt alles mit den „Flüchtlingen“ von heute zu tun? Meine Oma hat im Januar 1945 den Pferdewagen angespannt und wollte mit ihren Kindern fliehen. Aber der Schnee lag so hoch, es gab kein Durchkommen. Da hat sie gesagt: „Wir kehren um. Wenn die Russen uns erschießen wollen, dann sollen sie es auf unserem Hof tun.“ Die Russen haben sie nicht erschossen. Nach schrecklichen Monaten der immer wiederkehrenden Belagerung durch russische Soldaten, mit all den Ängsten, das nicht zu überleben, wurden sie im Juni 1945 von den Polen, die Ost-Brandenburg zugesprochen bekommen haben, aus ihrer Heimat vertrieben. Nun kann man sagen: Ja, aber sie waren Deutsche und kamen ja im Westen wieder zu Deutschen, nach Deutschland. Das war doch immer noch ihre Heimat! Geografisch ja, aber menschlich nicht. Die Menschen, die aus den Ostgebieten geflüchtet sind oder vertrieben wurden, wurden nicht mit offenen Armen empfangen, wie die Portugiesen die Menschen, die es über das Mittelmeer geschafft haben, willkommen heißen. Nein, obwohl Deutsche, waren sie doch Menschen „zweiter Klasse“ (damit kannte man sich in Deutschland ja aus…). Niemand wollte sie haben, niemand wollte, dass sie in ihr Haus, ihre Wohnung, auf ihrem Hof einquartiert wurden. Niemand wollte mit ihnen wirklich von Herzen, mit-menschlich, das Essen teilen. Dabei hatten sie doch die gleiche Hautfarbe, die gleiche Sprache, die gleiche Kultur… all das, was es angeblich so schwierig macht, die „Flüchtlinge“ zu integrieren, die eine andere Hautfarbe, eine andere Sprache, eine andere Kultur haben…

Ich habe diese Zeit, heimatlos auf der Flucht oder vertrieben im eigenen Land zu sein, nie selbst erlebt. Und doch leben all diese Erfahrungen auch ein Stück weit in mir. Und ich will nicht verbittern und als „ewig Gestrige“ dem Heimatkult einer Erika Steinbach (ehemalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen) frönen und das Lied des Horst Seehofers und der AfD singen, das da heißt: „Schickt die Flüchtlinge zurück in ihre Heimat. Da gehören sie hin“. Fakt ist, die aktuell Geflüchteten würden, wenn die Bedingungen anders, besser, wären, zum Großteil wohl lieber in ihrer Heimat bleiben – da, wo sie sich nicht erklären müssen -, genau wie meine Familie damals. Ich bin dankbar, dass es Menschen in Westdeutschland gab, die meinen Vater, meinen Onkel, meine Tanten, meine Großmutter, in ihrem Haus aufgenommen haben, ihnen Essen für Arbeit gegeben haben. Die mit-menschlich waren, so gut es ihre Bedingungen nach so einem Krieg eben zugelassen haben. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit, obwohl ich selbst erst Jahrzehnte später geboren wurde.

Das ist für mich die Verbindung im Herzen zu den 65 Millionen Menschen, die aktuell weltweit auf der Flucht sind, vertrieben wurden und Asyl suchen. Denn die Erfahrungen meiner Familie haben mich gelehrt: Und auch wenn wir nicht viel haben – materiell gesehen – oder nicht viel tun können, wir können zumindest eins tun: Unser Herz offen halten und mit-menschlich anerkennen, dass jeder Mensch das Recht hat, zumindest zu versuchen „ein anderes, besseres, Leben zu finden“.

„Ehrlich gesagt war es mir egal, wohin sie mich bringen würden. Von Portugal hatte ich nie zuvor gehört. Ich hätte jedes Land, das mich aufnehmen wollte, mit Dankbarkeit akzeptiert.“

Eleham aus Dschibuti

 

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Seenotrettung:  „Ohne die ‚Lifeline‘ wären wir jetzt tot“ – ZEIT Online