Auf Sand gebaut

Dass der Sand auf der Erde knapp wird, darüber spreche ich schon länger auch in meinen Vorträgen über das Bauen mit Holz. Denn auch da ist Holz als nachwachsender Rohstoff eine wundervolle Alternative. Es schont den Verbrauch von Sand, den wir viel dringender an anderen Stellen brauchen, als in Gebäuden, wo er als Verbundstoff in Beton nie wieder in seinen Urzustand zurück recycelt werden kann. Der Sand wird so knapp, weil er in so vielem steckt, nicht nur in Häusern – auch in Dingen, in denen man ihn gar nicht vermutet: Lebensmitteln, Autos, Smartphones…  Sand ist – nach Wasser – der am meisten konsumierte natürliche Rohstoff weltweit. Damit ist Sand eine der wichtigsten Grundlagen unserer modernen Gesellschaft, sie ist quasi „auf Sand gebaut“. Und die ist damit, wie das Sprichwort schon sagt, auch ganz schön fragil und instabil, zumindest wenn uns der Sand ausgeht. Und das ist immer mehr spürbar, auch wenn wir es erst mal – noch – nicht sehen. Das Drama spielt sich – mal wieder – an anderen Ecken der Erde ab, als in unserer kleinen, heilen Welt in Deutschland: Karibik, Indonesien, Australien, China. Und wir sind – mal wieder – die (Mit)Verursacher*innen mit unserer schönen Glitzer-Konsum-Welt. Sand ist so begehrt, dass ihn zu klauen ein ebenso lukratives „Geschäft“ ist, wie Elektrokabel von Baustellen zu stehlen, um an das begehrte Kupfer – eine weitere Ressource, die zur Neige geht – zu kommen.

„In Jamaika war über Nacht ein ganzer Strand verschwunden. Diebe hatten 2008 unbemerkt 500 Lkw-Ladungen Sand abtransportiert. Vom 400 Meter langen Strand von Coral Spring blieb nichts außer einer tiefen Grube. Gefasst wurden die Täter nie. […] Ohne Zweifel war der Raub ein lukratives Geschäft – die Ressource ist begehrt.“
SPIEGEL online

Geschätzt 50 Milliarden Tonnen pro Jahr werden mittlerweile weltweit verbraucht. Eine für meinen Verstand unfassbare Zahl! Wie viel ist das „in echt“? Wie groß muss der Sandhaufen sein, damit ich mir das überhaupt vorstellen kann? Besser greifen kann ich es, wenn ich es umrechne: 18 Kilogramm täglich pro Erdenbürger. Auch noch unvorstellbar, weil ich mich nicht entsinnen kann, 43 Jahre lang täglich so viel Sand gebraucht zu haben… Noch eine Zahl, um das Problem greifbarer zu machen: In einem Einfamilienhaus stecken schätzungsweise 200 Tonnen Sand. 50 Milliarden Tonnen… Das übersteigt mittlerweile bei Weitem das, was durch Verwitterung von der Natur jährlich „nachproduziert“ wird.

Bei meinen Vorträgen kommt dann immer die Anmerkung: „Aber wir haben doch so viel Sand! In den Wüsten.“ Nur, wer in Baustoffkunde im Architekturstudium aufgepasst hat, weiß: Der ist als Zuschlag für Beton nicht geeignet. Die Körner sind vom Wind so glatt und rund geschliffen, dass sie sich kaum verhaken können und nicht haften. Das hat zur Folge, dass Wüstenstaaten wie Saudi-Arabien oder Dubai für ihre Mega-City-Projekte Sand in Australien kaufen. Neben dem Verbrauch der Ressource Sand kommt dann noch der Energieaufwand für den Transport dazu. Sind wir eigentlich wahnsinnig?

Sand, der durch Wind entsteht, ist also nicht zu gebrauchen. Stattdessen holen wir den Sand aus den Tiefen der Meere, wie in Asien, oder auch in Deutschland aus Flüssen und Seen. Wir kennen sie alle, die schönen Baggerseen, die uns in heißen Sommern wie diesem wunderbare Abkühlung verschaffen. Nur, ohne unseren Hunger nach Sand und Kies gäbe es die gar nicht. Und Deutschland kann mit seinen paar Kiesgruben seinen Hunger nach Sand auch schon lange nicht mehr allein stillen. Wir liegen auf Platz 8 auf der Liste der Importländer (auf Platz 1 liegt übrigens Singapur).

An was man alles denken muss. Ich erkenne immer wieder, dass ich – frei nach Sokrates – nichts weiß. Jedenfalls nur ganz wenig von dem, was hier in der Welt zwischen Himmel und Erde geschieht. Klar, für Gebäude braucht man Sand, das zumindest habe ich spätestens im Studium verstanden. Aber wo der her kommt hat mich ehrlich gesagt nie interessiert. Genauso wie es mich nie interessiert hat, woher die billigen Jeans im Klamotten-Fast-Food-Laden kommen oder die billigen Hühnerbeine beim Discounter. Ich habe mir einfach nie Gedanken gemacht, wie viel Sand wir als Menschen so brauchen, wofür wir in brauchen und ob das ein Problem sein könnte. So, wie ich mir über Plastik wenig Gedanken gemacht habe, bis die ersten Bilder von völlig vermüllten Karibik-Stränden mein Bewusstsein verändert haben. Mich überkommt der zynische Gedanken, dass es ja dann auch nicht tragisch ist, wenn die Strände dieser Welt durch den Sand-Raubbau verschwinden, wenn man sie unter dem ganzen im Meer treibenden Plastik sowieso nicht mehr sehen kann…

Sand ist ein ganz besonderes Material, geschaffen durch die ungezähmten Naturgewalten Wind und Wasser. Am Strand meiner kleinen Nordseeinsel, wenn mein Herz ganz weit wird und mein Horizont klar, wenn ich diesen unfassbar feine Sand an meinen nackten Füße spüre, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie viel Kraft es braucht, und wie viel Zeit, dass die immer wiederkehrenden Wellen im Rhythmus der Gezeiten aus Muscheln und Gestein über Jahrhunderte diesen feinen Stoff erzeugen, der meinen Körper wie kühlende Seide umfließt. Und wenn ich in Jordanien im Wadi Rum stehe und mir vorstelle, wie die Erosion über Jahrmillionen aus dem Gestein all diese bizarren Felsformationen und dieses Meer aus wundervoll feinem, roten Sand geschaffen hat, der mir die Fußsohlen verbrennt, wenn ich meine Schuhe ausziehe, dann werde ich ganz ehrfürchtig und demütig vor dem, was Natur kann. Dann fühle ich mich ganz klein, wie ein klitzekleines Sandkorn in einem unendlichen Sand-Universum.

Sand ist unglaublich sinnlich, ein Element der Natur, das mein Herz immer wieder berührt. Das mich an unbeschwerte Zeiten am Nordseestrand denken lässt, an abenteuerliche Nächte in der Wüste, immer, wenn ich auf dem Sideboard die Flaschen mit meinen Sand-Souvenirs (ja, ich muss erkennen: auch ich bin eine Sanddiebin…) schaue. Der feine weiße Nordseestrand in einer alten Schnaps-Flasche aus Oldenburg lässt mich das Rauschen der Wellen hören, das Geschrei der Möwen am blauen, klaren Nordsee-Himmel. Ich habe sofort den Geruch von frischer, salzgeschwängerter Meeresbrise in der Nase, gemischt mit dem feinen Duft der Wildrosen und, ja, von Pferdeäpfeln (der für mich irgendwie immer zur Nordsee dazu gehört, denn meine kleine Nordseeinsel ist autofrei…). Ich spüre den Wind und die Sonne auf meiner Haut, schmecke das Salz und die Fischbrötchen, die es so leider nicht mehr gibt, nachdem der Fischhändler meiner Kindheit einfach in Ruhestand gegangen ist… Ich erinnere mich an die unbeschwerten Nordseeinsel-Sommer, die irgendwie immer gleich waren, voller Sonne und Strand, Regen und Insel-Kino, Wind und Fahrradfahren, Rosinenstuten mit Pflaumenmus, Grießbrei mit Zimt und Zucker, und die heute ein Gefühl von „Zuhausesein“ bedeuten. Der rote Sand der Wüste Jordaniens in der Wasserflasche daneben ist genau das Gegenteil: das Gefühl von „Unterwegssein“ in der Fremde. All die exotischen Gerüche nach Salbei-Tee im Beduinen-Zelt, Kreuzkümmel, Kardamom, der Geschmack von köstlichem Falafel mit rauchig-sesamigem Humus. Das Gefühl, wie kühles Wasser die Kehle hinabrinnt. Die brennende Sonne auf der Haut, der Fahrwind des Pritschenwagens, der ein wenig Abkühlung bringt. Die Unsicherheit der Wüsten-Nacht, die kühl ist und unheimlich. Der Himmel über der Wüste, der unendlich erscheint, über dem wogenden Meer der roten Sanddünen. Die Zeitlosigkeit dieser Landschaft, die scheinbar immer da war und immer da sein wird, und sich doch täglich verändert. Das Gefühl von Unendlichkeit überkommt mich. Und tröstet mich. Sand ist ein besonderes Element, das die Seele, zumindest meine Seele berührt.

Und dann sind da wieder diese riesigen Bagger, die Tonne für Tonne dieses sinnlichen Stoffs aus den Meeren holen, damit er zu starrem Beton werden kann. Was für ein Quatsch. Heute sehe ich die Häuser hier um mich in dieser großen Stadt, in der ich lebe, mit anderen Augen. Ich sehe den Sandstrand, der in ihren Wänden verschwunden ist, in den Fenstern der glänzenden Banken-Türme. Ja, auch das ist mir nicht bewusst gewesen: All das Glas, das uns in all diesen modernen Gebäuden umgibt, besteht aus geschmolzenem Sand, Siliciumdioxid für die, die es genau wissen wollen. Und ich merke, dass es in meinem Kopf immer klarer wird: Houston, wir haben ein Problem… Woher soll all der Sand zukünftig kommen, den wir in unserer hochtechnologisierten Welt brauchen? Vom Mars vielleicht? Eine Alternative gibt es bisher nicht. Keine Ahnung, ob man bisher überhaupt danach gesucht hat, Sand war ja immer ausreichend vorhanden. Mir fallen da gleich zwei Ansätze ein, die uns helfen könnten, Sand zu sparen:

Bauen mit Holz
Holz ist ein so wundervoller Baustoff, der immer wieder nachwächst – und zwar schneller als Sand… Mit Holz zu bauen ist ressourcenschonend, energiesparen, ökologisch, müllfrei und gesund – wenn es richtig ver- und bearbeitet wird, nämlich ohne Leime, Gift und Holzschutzmittel. Holz ist ein natürliches Produkt, das die Natur uns in Massen immer wieder neu schenkt, das ohne viel Technik auskommt. Auch das hilft, Sand zu sparen. Wir erinnern uns: Technik braucht viel Sand. Ganz ohne Sand wird es nicht gehen. Auch Holzgebäude brauchen z.B. Fenster. Aber Glas kann ein wunderbares Recycling-Produkt sein, das man wieder einschmelzen kann, um neues Glas daraus zu machen. Damit komme ich auch schon zu meinem zweiten Vorschlag, über Holz habe ich an anderer Stelle schon viel geschrieben:

Kreislaufwirtschaft
Stark verbunden mit dem Thema „Bauen mit Holz“ ist das Konzept „Cradle to Cradle“. Heißt übersetzt „von der Wiege zur Wiege“ und bedeutet nichts anderes, als dass wir eine Welt(wirtschaft) kreieren, in der es keinen Abfall mehr gibt, den wir auf Deponien einlagern oder verbrennen müssen. Was wäre wenn… wir in einer Welt ohne Müll leben würden? In der die Rohstoffe, die wir der Erde entnehmen, in einem immerwährenden in sich geschlossenen Kreislauf immer wieder zu neuen Produkten werden, ohne unseren Planeten immer weiter auszuschlachten? Aktuell leben wir das Konzept „Cradle to Grave“ – von der Wiege zum Grab. Wir entnehmen der Erde wertvollste Rohstoffe – Metalle, Erdöl, seltene Erden – produzieren daraus irgendwas und am Ende der Lebenszeit des Produktes – egal ob Einweg-Kaffee-Becher, Verpackungen für Lebensmittel, Smartphone, Autos, Küchenmixer oder Gebäude –, am Ende wird alles zu Müll. Sicher, manches kann wiederverwertet werden. Aber echtes Recycling – ein Produkt wird wieder zu reinen Rohstoffen und wieder zu einem qualitativ gleichwertigen neuen Produkt – findet auch im Deutschland des Grünen Punktes kaum statt. Was wir machen ist Downcycling: Verbundstoffe aus nicht mehr zu trennenden, an sich aber wertvollen Rohstoffen werden zu immer minderwertigerem Material. Dieses Thema ist in jedem Fall noch mal einen eigenen Beitrag wert, daher nur in Kürze: Cradle to Cradle heißt Kreislaufwirtschaft in Bestform. Alles bleibt im Kreislauf – im technologischen oder biologischen und nichts wird mehr verschwendet. Der Mensch wird für die Welt vom „Schädling“ zum „Nützling“ und der Sand kann bleiben, wo er einfach am schönsten ist, an all den paradiesischen Stränden dieser Welt…

„Wir sind nicht hier, um einfach nur zu verstoffwechseln.
Wir sind hier, um die Welt zu dem zu machen, was sie sein könnte oder
was sie vielleicht mal war. Nämlich das Paradies.“

Michael Pritzke