Wer ist dieses ICH und wo wohnt das?

Wenn ich mir Gedanken mache, wo und wie ICH denn eigentlich wohnen will, kommt in mir immer wieder die Frage hoch: Wer ist das eigentlich, das ICH? Und wohnt das nicht schon irgendwo? Um mir ein Häuschen zu bauen, möchte ich doch noch mal genauer wissen, wer dieses ICH eigentlich ist, dem ich ein Zuhause schaffen will. Also gehe ich dahin, wo die Antwort – vielleicht – zu finden ist: nach drinnen, hinein in MICH.

Das EGO, das ICH, das WAHRE SELBST und die zeitlose Wirklichkeit des Seins
Wenn ich sage ICH BIN…, beschreibe ich, wofür ich mich halte. Und entweder halte ich mich für das, was ICH BIN oder für das, was ICH zu sein GLAUBE. Wenn ich mich für das halte, was ICH BIN, beschreibe ich meine IDENTITÄT, also das, was ich WIRKLICH bin. In der Regel ist uns Menschen unsere wahre IDENTITÄT (lateinisch idem = eben der) jedoch meistens nicht bewusst. Meistens IDENTIFIZIEREN (lateinisch idem facere = sich zu eben dem machen) wir uns mit etwas, was wir dann als IDENTITÄT definieren. Wir machen uns selbst – unser ICH – zu dem, wofür wir uns halten, was wir zu sein glauben oder was wir gerne wären.

Das Wort ICH geht auf die indogermanische Wurzel égh (lateinisch: EGO) zurück und dient dazu, sich (selbst) vom anderen abzugrenzen: Das bin ICH und das bist DU. Auch die Herleitung vom SEIN des ICH („Ich bin“) vom indogermanischen bheu (sein, wachsen, werden, entstehen) ist spannend, denn es beschreibt das SEIN des ICH nicht als Zustand, wie man denken könnte – ICH BIN –, sondern als Prozess, als Vorgang: ICH werde SEIN, werde wachsen, werde werden, werde entstehen.

Ist das ICH jetzt ein Zustand oder ein Prozess? Und was ist mit meiner PERSON? Ist die nicht auch mein ICH? Wikipedia schreibt:Das Lehnwort Person [stammt] vermutlich aus dem altgriechischen Wort für das ‚was man sehen kann‘, also Gesicht, Antlitz oder sichtbare Gestalt des Menschen, wo die Einheit des Bewusstseins, des Denkens, Wollens und Handelns ihren Ausdruck findet.“ Eine PERSON ist also etwas, was man sehen kann. Aber ist diese sichtbare Gestalt auch automatisch das ICH – mein ICH? Zumindest ist diese sichtbare Gestalt mein Körper. Aber mein ICH auf meinen Körper zu reduzieren, erscheint mir etwas wenig. ICH möchte schon noch MEHR sein als nur meine Beine, Arme, Bauch und Kopf… Abgesehen vom Körper hat das ICH keine feste Form. Darum ist es so schwer, eine Antwort zu finden auf die Frage:  Wer bin ich? Aber ist das wirklich die Frage, um die es geht? Wenn ich frage, WER ich bin, frage ich ja nur nach einer PERSON. Eigentlich muss ich vielmehr fragen, WAS ich bin. Denn dann frage ich nach der wahren Quelle meiner Existenz.

„Je näher man sich kommt, desto weniger ist man ein WER und desto mehr ein WAS.“
Michael Depner

Ich stelle mir das so vor: Das ICH weiß gar nicht automatisch, was es ist. Es macht sich erst ein BILD von SICH SELBST. Es nimmt wahr und identifiziert sich dann mit dem, was es wahrnimmt: ICH BIN mein Körper. ICH BIN eine Frau. ICH BIN, was ich wahrnehme. ICH BIN… Das ICH wird sich seiner selbst – seines SELBST – bewusst dadurch, dass es wahrnimmt, was geschieht.

Jetzt fängt das ICH aber gleichzeitig auch an, sich selbst zu bewerten, zu beurteilen oder erfährt Bewertung und Beurteilung von außen. So identifiziert es sich nicht nur mit dem, was es wahrnimmt, was ist, sondern auch mit dem, wofür es sich hält, indem es das Wahrgenommene interpretiert,  sich selbst be- oder verurteilt. Für mich heißt das: Es gibt also mehrere ICHs! Nur, wie viele? Und wie unterscheiden die sich? Und woran merke ich das?

Selbstbestimmt zu sein heißt: Erkennen, was ICH WIRKLICH BIN
Ich benutze unterschiedliche Begriffe, die für mich verschiedene Ebenen meines ICHs beschreiben: Da ist zunächst einmal mein SELBST, also das, was ICH WIRKLICH – ganz tief in meinem Wesenskern – BIN, was ich immer schon war und was ich immer sein werde. Das, was einfach ist, was es ist. Es ist nichts anderes, als Gegenwärtig-SEIN, Bewusst-SEIN, Wahrnehmen. Ohne Interpretation, Definition, Be- oder Verurteilung. ICH BIN. Punkt. Das SEIN an sich. In meinem SELBST drückt sich das Leben an sich als EINE individuelle Möglichkeit von unendlichen Möglichkeiten des SEINS aus. Das SELBST ist somit eine Wirklichkeit, die nicht durch eigene Interpretation veränderbar ist: nämlich das WAHRE SELBST.

Und die PERSON, die ich bin, ist der Ausdruck meines SELBST. Also die Form, wie mein SELBST in der Welt wirkt. Damit bin dann ein INDIVIDUUM: Die Person und das SELBST, das jeder PERSON zugrunde liegt.

Neben dem WAHREN SELBST gibt es das SELBSTBILD, also das, wofür ich mich selbst halte. Dieses SELBSTBILD kann meinem WAHREN SELBST entsprechen, wenn ich in der Lage bin, mein WAHRES SELBST zu erkennen, also SELBST-bewusst zu sein. Das SELBSTBILD kann mein SELBST aber auch verfehlen, z.B. wenn ich es nicht ertrage, ehrlich hinzugucken, wer ich – wirklich – bin. Mein SELBSTBILD kann also mit der Wirklichkeit – meinem WAHREN SELBST – übereinstimmen oder ich erzeuge eine ILLUSION von meinem SELBST – so, wie ich gerne hätte, dass mein SELBST sein sollte.

Das EGO und das ICH
Mein SELBST ist also das, WAS ich bin. Meine PERSON ist das, WER ich bin. Nur, wer oder was ist dann das EGO? Wenn EGO im Lateinischen ICH bedeutet, ist dann das EGO dasselbe wie das ICH? Ich persönlich glaube, dass es das EGO in Wirklichkeit gar nicht gibt. Es ist nicht von Geburt an da. Es entwickelt sich im Laufe der frühen Kindheit parallel zum Erwachen des ICH-Bewusstseins. Das EGO ist lediglich ein Werkzeug der Psyche. Seine Aufgabe ist es, zu kontrollieren, was geschieht. Es dient der Abgrenzung des ICH von allem anderen und vertritt meine persönlichen Interessen. Das EGO ist vielmehr ein Konzept des Bewusstseins, mit dessen Hilfe sich das ICH als eigenständiges INDIVIDUUM in der Welt zu behaupten versucht: „Ich bin ich und nicht ihr.“ Das EGO kämpft für mein ICH. Damit gerät es in Verdacht, „böse“ – weil egoistisch – zu sein. Aber ein „guter“ Mensch darf nicht egoistisch sein und daraus ergibt sich die Vorstellung, ein „guter“ Mensch müsse das EGO bekämpfen. Aber das EGO hat ja, für das Über-Leben des Individuums, auch wichtige Funktionen:

  • Es ist der „Anwalt“ meiner Person im Umgang mit der Welt.
  • Es kämpft um meine Rechte und Ansprüche und versucht mir Vorteile zu verschaffen.
  • Es sieht seine wichtigste Aufgabe darin, Nachteile von meiner Person abzuwenden
  • Es wehrt schädlich Einflüsse von außen ab (allerdings oft auch nützliche, die es für schädlich hält…)
  • Es versucht um jeden Preis den Tod meines ICHs zu verhindern.

Für mein individuelles Leben als PERSON hat das EGO also auch einen Sinn. Gefährlich wird es, wenn ich anfange mich mit ihm zu identifizieren und zu glauben, das EGO bin ICH. Also, wenn mein SELBSTBILD vom EGO gesteuert wird. Davor schützte ich mich, indem ich mir das EGO als Werkzeug der Psyche vorstelle, als Denkkonzept. Immer, wenn es mir gelingt, mir das bewusst zu machen, höre ich auf, mein ICH mit dem EGO zu verwechseln.

Für mich geht es nicht darum, das EGO zu bekämpfen, auszulöschen, zu vernichten, es geht darum, es zu erkennen als das, was es ist: Ein „Anwalt“ meines ICHs – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn sich aber die Verhältnisse umkehren, sprich, mein ICH identifiziert sich nicht mit meinem WAHREN SELBST, sondern mit dem „Anwalt“ meines WAHREN SELBST, dem EGO, so wird mein ICH zum „Anwalt“ des EGO. Die Verteidigung des EGO wird somit zum Selbstzweck. Das EGO verteidigt nicht mehr das WAHRE SELBST, sondern sich selbst, weil es denkt, das WAHRE SELBST zu sein. Das EGO ringt mit der Welt um seinen Platz. Es will nicht akzeptieren, dass es „nur“ der Anwalt der PERSON ist und nicht die PERSON selbst. Daraus entstehen dann Wut, Unsicherheit, Angst, Neid, Missgunst, Eifersucht usw. Ich bin mir meiner selbst nicht mehr sicher, wenn ich mich mit dem EGO identifiziere.

Mein WAHRES SELBST dagegen ist zeitlose Wirklichkeit –  es ist, was es ist. Punkt. Das egozentrische SELBSTBILD dagegen kann heute so sein und morgen ganz anders. Es stellt laufend alles in Frage, ist unsicher, muss sich andauernd verteidigen, ist ständig in Hab-Acht-Stellung, dass es auch ja nicht übervorteilt wird. Es kämpft und arbeitet sich ab. Das ist verdammt anstrengend! Je mehr ich aber mein EGO „sein“ lasse, was es eigentlich ist – nämlich „nur“ ein Werkzeug, das mir im Leben dienen kann, und mich mehr auf mein WAHRES SELBST konzentriere, dann spüre ich, dass es in mir immer ruhiger wird, stiller, friedlicher. Dann muss ich mir nichts mehr „erarbeiten“ oder „erkämpfen“, dann BIN ICH einfach, was ich sowieso schon bin. Wenn ich dem EGO also zu viel Bedeutung schenke, dann verliere ich mein WAHRES SELBST aus dem Blick. Wenn ich mich stattdessen mehr auf mein WAHRES SELBST besinne, auf das, was ICH schon BIN – ohne Arbeit, ohne Kampf – dann spüre ich die zeitlose Wirklichkeit des SEINs, in dem alles ist, was es ist.

„Alles, was geschieht, geht gerade vorüber.
Alles, was nicht vorübergeht, ist absolutes Selbst.“
Michael Depner

Wenn ich mich zu sehr mit meinem EGO identifiziere, mein ICH mit meinem EGO gleichsetze, entstehen aus meiner Erfahrung heraus Gefühle, die mich im Leben einschränken und behindern:

  • Ich bin ständig mit Problemen beschäftigt und damit, wie es anders – „besser“ – sein sollte.
  • Ich grübele ständig über die „Fehler“ der Vergangenheit oder mache mir Sorgen um die Zukunft, statt zu akzeptieren: „Es ist, wie es ist und es kommt, wie es kommt.“
  • Es fällt mir schwer im Hier und Jetzt zu sein – die Gegenwart zu akzeptieren, wie sie nun mal gerade ist.
  • Ich bin angespannt, ständig in Hab-Acht-Stellung, weil ich denke, dass das Leben es sowieso nicht „gut“ mit mir meint und irgendwer mir immer was „Böses“ will.
  • Ich bin nicht im Vertrauen, dass das Leben mir wohlgesonnen ist und für mich sorgt.
  • Ich bin zwischen Entscheidungen hin und her gerissen, weil ich nicht mehr intuitiv weiß, was „richtig“ ist.
  • Ich bin eifersüchtig, neidisch, missgünstig – weil ich davon überzeugt bin, nicht „genug“ zu bekommen.
  • Ich befasse mich ständig mit dem, was andere über mich denken, wie sich mich wohl beurteilen, weil ich mich selbst nicht annehmen kann, so, wie ich nun mal bin.
  • Ich habe Angst, etwas Wichtiges – das Leben – zu verpassen.
  • Ich bin unglücklich, weil ich glaube, ich selbst, mein Leben, sollte anders sein.

Das EGO meint zu wissen, wie die Welt sein sollte. Dieses Bild von der Welt ist geprägt von seinen Erfahrungen und den Urteilen, die es von anderen übernimmt. Daraus resultieren seine Ängste und Wünsche. Wenn das EGO die Führung übernimmt, versucht es mit aller Macht die Wirklichkeit seinen Bildern anzupassen, statt zu erkennen und zu akzeptieren, dass die Wirklichkeit ist, wie sie ist. Wenn ich diese Gefühle in mir bemerke, hilft es mir, mich von außen zu beobachten und das EGO zu erkennen und anzunehmen, als das, was es ist: Ein bloßes Werkzeug meines WAHREN SELBST – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

„Je weniger man die Wirklichkeit beachtet, desto härter wird der Aufprall,
wenn man ihr begegnet. Der Schmerz rüttelt entweder wach
oder er liefert den Anlass, den Kampfauftrag ans Ego zu verstärken.“
Michael Depner

Wenn das SELBST sich erkennt, wird es zum ICH
Was kann ich denn nun konkret tun, um mein WAHRES SELBST zu erkennen und eine Antwort auf die Frage zu finden, WAS ICH BIN? Michael Depner – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie – hat es für mich sehr einfach und klar (nicht immer leicht, das gebe ich zu…) auf ein paar Punkte gebracht:

  • Ich schule meine Achtsamkeit.
  • Ich rufe meine Aufmerksamkeit immer wieder ins Hier und Jetzt zurück. Nur dort ist mein WAHRES SELBST zu finden.
  • Ich nehme wahr, was um mich herum geschieht, ohne voreilig steuernd einzugreifen.
  • Ich lasse geschehen, was geschieht. Und begleite es mit meiner Achtsamkeit.
  • Ich nehme meine Gefühle wahr. Ich beurteile sie nicht. Ich nehme sie alle bedingungslos an. Ich lasse tatenlos zu, dass meine Gefühle mich durchdringen. Ich unternehme nichts, um Gefühle zu verändern. Ich warte ab, bis meine Gefühle von allein verebben.
  • Ich verwechsle meinen Gedankenfluss nicht mit mir selbst. Ich bin die, die die Gedanken wahrnimmt. Daher bin ich außerhalb des Denkens.
  • Ich handle nicht in Erwartung bestimmter Effekte. Ich handle in Überein­stimmung mit meinem WAHREN SELBST.
  • Ich nehme meine PERSON nicht so wichtig.
  • Ich nehme mich selbst wichtig genug. ICH BIN immer und überall.

Das ist das, was ich tue, sobald mir bewusst wird, dass das EGO in mir die Führung übernimmt, anstatt bei dem zu bleiben, was seine eigentliche Aufgabe ist, nämlich mir – meinem ICH inklusive meiner PERSON und meinem WAHREN SELBST – als „Anwalt“ zu dienen. Das gelingt mir bei weitem noch nicht immer, aber immer öfter. Und ich bin fest davon überzeugt:

„Je mehr ich mich mit dem identifiziere, was ich von mir wahrnehme,
desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich für das halte, was ich wirklich bin.
Je mehr ich mich an Vermutungen und Urteilen orientiere,
desto größer ist das Risiko, dass ich mich irre.
Je mehr ich mich über mein Wesen irre, desto größer sind die Umwege,
die ich nach meinen Ent­scheidungen gehen muss.“
Michael Depner

Habe ich jetzt eine Antwort gefunden auf die Frage WER oder WAS ICH BIN? Zumindest keine abschließende. Denn ICH BIN ist ja kein Zustand, sondern ein immer währender Prozess, in dem ich mein WAHRES SELBST immer wieder entdecken kann. Für mich heißt das, mich einfach immer wieder zu fragen: Wer bin ich? Wer sieht, wenn ich sehe? Wer hört, wenn ich höre? Wer weiß, dass ich wahrnehme? Wer bin ich? – Die Antwort lautet ganz einfach: ICH BIN die, die all das wahrnimmt, aber nicht die, die all das ist. ICH BIN also nicht meine Gedanken, ICH BIN nicht meine Gefühle.

Wenn ich bereit bin, meine Gedanken und meine Gefühle objektiv zu betrachten und mich nicht mit ihnen zu identifizieren, dann erkenne ich, dass der Großteil meines Denkens totale Zeitverschwendung ist: z.B. wenn ich einen großen Teil meiner Zeit darauf verwende, zu hoffen, dass es morgen nicht regnet. Meine Gedanken können am Regen nichts ändern. Meine Gedanken plappern ständig, sie begleiten mich tagtäglich. Sie kommentieren alles, was um mich herum geschieht und schildern mir die Welt. Doch wozu sollte ich das brauchen? Ich sehe ja selbst, was da vor sich geht; was hilft es, es mir selbst gegenüber durch diese geistige Stimme zu wiederholen?

Ich stelle fest, dass diese Stimme vor allem spricht, wenn ich mich innerlich nicht wohl fühle, und das Geplapper lenkt so wunderbar von meinen eigentlichen Gefühlen ab. Wenn meine Gedanken ruhig wären, gäbe es ja nichts mehr, was mich von meinen Gefühlen ablenken würde. Dann müsste ich sie ja mit vollem Bewusstsein fühlen. Und weil ich mich ja gerade nicht wohl fühle, weil „irgendetwas ist“, werden diese Gefühle wahrscheinlich eher unangenehm sein.

Es ist tatsächlich so: Wenn es mir gut geht, ich im Hier und Jetzt bin und mich innerlich rundum wohl fühle, plappert nichts in meinem Kopf. Dann ist es ganz still und friedlich in mir. Wer oder was ist also die Stimme da in meinem Kopf? Zumindest ist die Stimme nicht ICH. Das bin nicht ICH, die da pausenlos redet, auch wenn es den Anschein macht. Diese Stimme drückt nicht meinen wahren Wesenskern aus. Sie ist nicht mein WAHRES SELBST, sie ist vielmehr mein EGO, das sich über dieses Gedankengeplapper Gehör verschaffen will. Und ICH BIN die PERSON, die wahrnimmt, dass diese Stimme immerzu in mir mit mir über mich selbst spricht. Ich erkenne, dass ich der Stimme zuhöre, aber sie nicht selbst bin. Mein eigentliches ICH schweigt. Und lauscht. Und wundert sich über all die Sorgen und Neurosen, die die Gedanken so fabrizieren.

Ich begebe mich auf die Reise, die PERSON kennenzulernen, die diese Stimme, diese Gedanken vernimmt. Und ich erkenne, dass dieses als ICH getarnte EGO, das da ständig in mir spricht, nie zufrieden sein wird. Es hat immer ein Problem mit irgendwas, deshalb quasselt es ja ständig ohne Punkt und Komma.

„Wenn Dich ein Problem belästigt, frage nicht: ‚Was soll ich dagegen tun?‘
Frage vielmehr: ‚Welchen Teil von mir belastet das?‘
Fragst Du nämlich ‚Was soll ich dagegen tun?‘, so bist Du bereits dem Glauben verfallen,
dass es da draußen wirklich ein Problem gibt, das gelöst werden muss.“
Michael A. Singer

Wenn ich trotz dieses Problems glücklich sein will, so muss ich erst verstehen, weshalb ich eine bestimmte Situation überhaupt als Problem empfinde. Verspüre ich Eifersucht, so suche ich nicht nach einer Möglichkeit, mich selbst zu schützen, indem ich mich z.B. durch Gedankengeplapper, warum der andere mir das antut, von dem Gefühl ablenke, sondern ich frage mich: „Welcher Teil von mir ist eifersüchtig?“ Dadurch schaue ich nicht nach außen, zum Anderen, der mich gerade zu verletzten scheint, ich schaue nach innen, auf mich, auf meine Empfindungen, die mich verletzt fühlen lassen und ich erkenne: Da ist ein Teil von mir, der ein Problem mit Eifersucht hat…

Sobald ich diesen verletzten Teil klar erkennen kann, frage ich: „Wer ist es, der das erkennt? Wer nimmt diese innere Störung wahr?“ Das Stellen dieser Fragen ist die Lösung. Schon die Tatsache, dass ich die Störung sehen kann, bedeutet, dass ich nicht mit ihr identisch bin. ICH BIN also NICHTmeine Gedanken und ICH BIN auch NICHT meine Gefühle. In diesem Prozess des Sehens erkenne ich: ICH BIN die Zeugin, die Instanz, die sieht, was geschieht. ICH BIN das „Subjekt“. Das „Objekt“ dagegen ist das, was das „Subjekt“ – also ICH – sehe: die innere Störung, die Verletzung. Wenn ich wahren inneren Frieden erlangen will, hilft es mir also, meine Probleme objektiv – als Zeugin von außen – zu betrachten, anstatt mich in ihnen zu verlieren. Um meine Probleme dauerhaft zu lösen, muss ich nach innen gehen und jene Teile von mir loslassen, die offenbar viele Probleme mit der Realität haben.

Der Ort, an dem mein ICH zuhause ist
ICH BIN also NICHT die äußere Welt. ICH BIN diejenige, die von innen in die äußere Welt hinausblickt. Dort, genau an dem Ort, von wo das ICH hinausguckt in die Welt, da ist der Ort, wo das ICH zuhause ist. Dort, wo mein bewusstes SEIN wohnt, das wahrhaft spirituelle Wesen, das frei ist von Bemühen und Absicht. An diesem Ort BIN ICH ausreichend auf Distanz, um zu erkennen, dass all meine Gedanken und Emotionen nur äußere Formen sind, Objekte, die an mir vorbeiziehen. Das ist das Zentrum meines Bewusst-SEINs. Der Ort hinter allem. Dort, wo mein ICH wohnt und nur beobachtet, da ist mein Zuhause. Dies ist der Sitz des buddhistischen SELBST, des hinduistischen ATMAN (Das innerste Wesen eines jeden Individuums) und der jüdisch-christlichen SEELE.

Wenn es mir nun gelingt, in mir zuhause zu sein und alles, was „da draußen“ geschieht bewusst wahrzunehmen, werde ich mich nie wieder in den Ereignissen, die um mich herum geschehen, den Gedanken oder Emotionen verlieren. Stattdessen nehme ich in meinem Bewusst-SEIN wahr, dass ICH diejenige BIN, die sowohl diese äußeren Ereignisse als auch die dazugehörigen inneren Gedanken und Emotionen erlebt.

Wenn ich mich in mein inneres Zuhause, mein Bewusst-SEIN zurückziehe, hört die Welt auf, ein Problem zu sein. Sie ist dann einfach etwas, das ich beobachte. Sie verändert sich weiterhin, doch es entsteht nicht mehr das Gefühl, dies sei ein Problem. Je mehr ich bereit bin, die Welt einfach etwas sein zu lassen, das ich wahrnehme, umso mehr wird die Welt mich sein lassen, was ICH BIN – die Wahrnehmung, das SELBST, das ATMAN, die SEELE.

„Jeder Augenblick macht etwas mit uns.
Es geht nicht darum, in Aktionismus zu verfallen,
um eine veränderte Situation in den Griff zu bekommen.
Es geht darum, eine Erfahrung zu machen
und sich von der veränderten Situation
verwandeln zu lassen.“

 

 

Links
Seele und Gesundheit – Michael Depner
Bücher
„Die Seele will frei sein“ – Michael A. Singer