Mut heißt, dass etwas anderes wichtiger ist, als Angst

Und in mir ist etwas anderes wichtiger geworden… Mein Wunsch, zu springen! Vor 30 Jahren hatte ich einen Traum: Ich wollte unbedingt Gleitschirmfliegen! Immer, wenn ich in den Bergen zum Skifahren war, habe ich sehnsüchtig den Paraglidern hinterhergeschaut, die sich so elegant in die Lüfte geschraubt haben, immer höher und höher… Ich bin vom Startplatz die Talabfahrt hinunter gesaust, um sie unten wieder landen zu sehen. Es hatte so etwas Erhabenes, von der Welt Entrücktes… Mein großer Herzenswunsch war es, wenn ich „endlich alt genug“ bin, einen Paragliding-Flugschein zu machen. Damals kannte ich einen Gleitschirmlehrer aus dem Stubaital, der hatte mir eine Uhr geschenkt. Ich weiß noch genau, wie sie aussah: Neon-pink mit einem neon-gelben Paraglider als Sekundenzeiger. Das passte so geil zu den neon-grünen Schnürsenkeln in meinen weißen Adidas-Allround-Turnschuhen… Die ältere Leserschaft erkennt: Es muss in den 80er Jahren gewesen sein… Ich war stolz wie Oskar! Alfred hätte mir keine größere Freude machen können! So hatte ich etwas, was mich jeden Tag an meinen  großen Traum vom Fliegen erinnerte.

Und dann, irgendwann, war ich „alt genug“ und – irgendetwas anderes war auf einmal wichtiger. Mein Herzenswunsch wurde immer kleiner und kleiner und verschwand irgendwann aus meinem Bewusstsein. Ich fuhr nicht mehr so oft in mein kleines Bergtal in Osttirol und sah dementsprechend auch keine Paraglider mehr, die das Feuer hätten schüren können. Auch die Uhr war irgendwann kaputt (neon war auch nicht mehr sooo geil…) und so war auch die letzte Erinnerung an meinen großen Traum aus meinem Leben verschwunden.

„Ich hatte die Kraft von echten Träumen unterschätzt, die sich dem Sterben verweigern,
sondern stattdessen wie Samen lange Zeit unter der Oberfläche schlummern,
um dann zur rechten Zeit wieder aufzutauchen.“
Kerstin Hack („Leinen los“)

Aber mein Traum hatte sich anscheinend auch dem „Sterben verweigert“ und hatte als Samen eine lange Zeit irgendwo in mir geschlummert, bis ich im vergangenen Frühjahr ein Seminar-Wochenende besucht habe, um nach einer aufreibenden Zeit alte Wunden zu heilen, aufzutanken, ein bisschen mehr Klarheit in mein Leben zu bringen und neue Kraft zu schöpfen. Meine Themen an dem Wochenende waren: Die alte Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren, ins Bodenlose zu fallen; die Angst vor Kontrollverlust, nicht handeln zu können, ohnmächtig zu sein…

In einer Wahrnehmungsübung wurde mir sehr deutlich, wie viel Druck in den letzten Monaten auf meinen Schultern gelegen haben muss. Etwas in mir sprang auf wie diese Kastenteufel – Jack-in-the-Box: „Tada – da bin ich wieder – das Leben!“ Wie ein leerer, zusammengedrückter Wasserball, den man mit neuer, frischer Luft vollpumpt: Prall und rund und voller Lebensfreude durch die Welt hopsend! Im ersten Moment blieb mir schier die Luft weg – um dann so tief und frei atmen zu können, wie schon lange nicht mehr…

„…blicke dem Schmerz ins Auge,
während du dich inmitten seiner beruhigst, tröstest und ermutigst.
Und dann lasse ihn dich verwandeln,
dich empfindsamer machen, dich mit Mitgefühl erfüllen.
Wisse, dass er dich später für tiefe Freude offen machen wird.“
Verfasser (mir) unbekannt 

Ich habe die Angst verabschiedet, habe sie losgelassen – wahrgenommen, angenommen, losgelassen. Und da war es plötzlich wieder, das Vertrauen ins Leben, das Vertrauen in mich, in die Liebe:  „Ich vertraue dem Leben und hab voll Bock zu springen!“ In der Abschlussrunde kam mir plötzlich mein „alter“, lange vergessener Herzenswunsch wieder in den Sinn: Paragliding. Und wie würde ich dem Satz „Ich vertraue dem Leben und habe voll Bock zu springen!“ besser Ausdruck verleihen, als mit einem Gleitschirmflug? Ich beschloss in dem Moment: Und in diesem Jahr werde ich den Sprung wagen, endlich fühle ich mich „alt genug“… (mit 43!)

Zu Ostern bekam ich dann einen Gutschein geschenkt für meinen ersten Gleitschirmflug. Im Tandem, aber immerhin, ich würde fliegen – springen und fliegen! Es wurde dann doch September, bis ich den Gutschein einlösen konnte und vor einer Woche war es soweit, wir fuhren auf die Wasserkuppe in der Rhön! Mein Traum wurde wahr, ich sollte ihn endlich „leben“…

„Die Kategorie, nach der ich Entscheidungen beurteile, heißt „Leben“. Ich frage mich: „Spendet eine Entscheidung Leben oder schränkt sie Leben und Lebendigkeit ein?“
Für manche Menschen ist es belebender, das Machbare anzupacken,
als das scheinbar Unmögliche zu wagen.
Mich hingegen beleben Herausforderungen.
Wenn etwas verrückt und unmöglich scheint, weckt es meine Lebensgeister.
Mein Ideenreichtum und meine Fantasie wird angeregt. Ich fühle mich zutiefst lebendig.“

Kerstin Hack („Leinen los“)

Mein Flug war erst um 18 Uhr angesetzt. Bei einer kurzen Wanderung um die Wasserkuppe entdeckten wir eine Sommerrodelbahn. Mein Begleiter fand, das wäre doch ein optimaler Zeitvertreib, um die Wartezeit zu überbrücken. Naja, ich war jetzt nicht soooo begeistert, aber ich wollte auch keine Spielverderberin sein. Bei der Sommerrodelbahn handelte es sich um einen hyermodernen „Alpine Coaster“, den „Rhönbob 2.0“… „Ausgestattet mit modernisierten Schlitten, die mit Tempomat an den Start gehen, soll die Sicherheit und der Fahrspaß für unsere Gäste erhöht werden“, schreibt der Betreiber auf der Homepage. Von wegen „Fahrspaß“ und „Sicherheit“! Für mich war es der reinste Höllenritt… Permanent hatte ich Schiss, dass wir zu schnell wurden und aus den Kurven geschleudert werden, dass die Bremsen versagen und dass uns die nach uns gestarteten 8-jährigen Jungs hinten in den Bob knallen, weil die noch überhaupt kein Gefühl für Geschwindigkeit haben und auch nicht wissen, wie viel denn diese 25 Meter sind, die man mindestens Abstand zum Vordermann halten soll! Prompt saßen sie uns auch auf der Zielgeraden – mit wahrscheinlich DEUTLICH weniger als 25 Metern Sicherheitsabstand – im Nacken und ich hörte nur: „Ich kann nicht schneller, die da vorne sind so lahm!“. Puh, war ich froh, als die Fahrt vorbei war und wir gemütlich vom Lift wieder den Berg hinauf gezogen wurden… Na, das konnte ja mit dem Flug dann heiter werden, wenn mich schon eine SOMMERRODELBAHN, auf der 8-jährige Kinder ALLEIN fahren dürfen, in Angst und Schrecken versetzt…

Dann wurde es 18 Uhr. Meine Tandem-Pilotin Heike kam, breitete den Gleitschirm aus, zog mir den Gurt an, richtete den Schirm auf und rief: „Lauf!“ und ich lief los. Völlig unaufgeregt, ohne jede Angst. Ich lief und hopste und lief und hopste und flog. Einfach so. Ich ließ mich in den Sitz gleiten, entspannte mich und wir flogen einfach so dahin. Eigentlich ist es ja kein Fliegen, es ist wirklich ein Gleiten. In absoluter Ruhe, so still, und ohne jegliche Anstrengung. Einfach getragen werden. Vom Himmel. Wie, als ob jemand (Gott vielleicht?) eine Kettenkarussellschaukel in den Himmel gehängt hätte. „Vom Leben getragen sein“ – dieser Satz war auf einmal Realität. Ich fühlte mich vom Leben, vom Universum, von Gott, getragen. Gehalten. Da war einfach keine Angst. Ich bin gesprungen – und es ist einfach NICHTS passiert. Außer, dass ich gehalten wurde.

„Es gibt immer eine Hand, die mich trägt.
Ich bin nie allein. Es gibt immer jemanden, der zu mir steht.“
Satz aus dem Seminar-Wochenende im Frühjahr

Ich kann das Gefühl nur schwer beschreiben, wie sich das anfühlt, so „über den Dingen“ zu schweben. Plötzlich ist alles so klein, nicht nur die Bäume, die Häuser, die Autos – auch die alltäglichen Probleme, die eigenen Themen, die einem das Leben oft so schwer machen, und die Krisen dieser Welt… Ich habe in diesem Augenblick einfach nicht verstanden, warum es Kriege gibt, warum Menschen sich gegenseitig so viel Leid antun. Irgendwer hat mal geschrieben, man müsste alle Politiker mal mit einer Rakete auf den Mond schießen und sie die Erde von oben anschauen lassen. Danach könnte niemand mehr Kriege führen, jemand anderem den Kopf einschlagen oder die Umwelt zerstören. Ja, ich glaube, da ist was dran. Da oben war nichts als Frieden in meinem Herzen. Und Ruhe. Und Stille. Zeitlosigkeit. Ewigkeit.

Nach 15 Minuten war die Ewigkeit dann leider doch vorbei. Heike hat meinen Magen noch mit ein paar Hangovers schön in Bewegung gebracht und, schwupps, schon musste ich aus Gottes unendlichem Kettenkarussell aussteigen und mit zwei, drei Schritten hatte der Boden – in direktem Kontakt mit meinem Hosenboden – mich wieder. Nochmal! Bitte, bitte! Wieder rauf und wieder runter! Immer wieder! Oder einfach immer oben bleiben! Aber leider war der Spaß – zumindest für diesen Tag – vorbei. Aber eins steht fest: Ich werde einen Schnupperkurs machen und dann die A-Lizenz. Ich möchte das alleine können – fliegen!

Mein Traum ist nach einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf wieder geweckt worden: Mein Herzenswunsch ist wieder da – Ich  will fliegen! Ich will durch die Lüfte gleiten, wie die Falken über den Feldern rund um Frankfurt, wie die Adler im Gebirge… Für mich ist das „Erdung“, obwohl – oder gerade weil? – ich den Erdboden verlasse. Manchmal muss man einfach ein bisschen Abstand zwischen sich und die Dinge bringen, um zu erkennen, worum es eigentlich wirklich geht im Leben.

Dieses Erlebnis erfüllt mein Herz mit Dankbarkeit – dass ich das erleben durfte, dass ich in diesem Teil der Welt leben darf, dass es mir so gut geht, dass ich mir meine Träume erfüllen kann… Es erfüllt mein Herz mit Demut, wenn ich daran denke, dass für Millionen von Menschen auf dieser Welt ein ganz normales Leben wie das meine, ein Traum ist, der für viele niemals in Erfüllung gehen wird. Das, was ich für selbstverständlich halte, ist an anderen Orten der Welt ein Traum. Und wovon träume ich? Vom Fliegen… Ist das dekadent? Es nutzt ja nichts, wenn ich MEINE Träume nicht verwirkliche, nur weil es anderen nicht möglich ist. Soll ich deswegen meine Träume begraben? Weil so viele andere Menschen nie die Gelegenheit haben werden, ihre Träume zu leben? Früher habe ich so gedacht. Aber heute denke ich, es ist mein Glück, dass ich in einem Teil der Welt lebe, in dem ich es mir erlauben darf, meine Träume zu leben. Und es ist meine verdammte PFLICHT, dies zu tun! Was würde Gott sagen, wenn ich es nicht tue? Vielleicht sowas wie: „Perlen vor die Säue…“ Oder: „Da schenkt man ihr diese Möglichkeit und was macht sie? – Nichts!“ Ich weiß auch nicht, ich bin ja ein gläubiger Mensch, nur mit Gott habe ich es eigentlich nicht so, aber an diesem Tag war ich Gott merkwürdiger Weise ganz nah… Jedenfalls habe ich ganz demütig erkannt, man MUSS seine Träume einfach leben – die Möglichkeiten, die das Leben einem schenkt, nutzen -, auch, um zu erkennen, wie viel Wahrheit in ihnen steckt. Und, um sich selbst treu zu bleiben:

„Ideen kann ich fallenlassen. Träume nicht. Sie sind, anders als Ideen, nicht optional.
Einen echten Lebenstraum definiere ich als etwas, das mir zu tiefst entspricht,
Ausdruck meines Wesens, meiner Talente, meiner tiefsten Wünsche ist.
Wenn ich mir treu sein will, gehört es dazu, meine Träume umzusetzen, so gut ich kann.“
Kerstin Hack („Leinen los“)

 

Links

Tandem-Welt – Für alle, die auch mal „springen“ wollen…

Bücher

„Leinen los – wie ich mitten in Berlin ein Hausboot baute, um meinen Traum zu leben“  – Kerstin Hack