Von der Magie der Kühnheit, ein kleines Haus zu bauen

„Was immer Du tun kannst oder wovon Du träumst – fang es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie“, schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe. Ja, das kann ich bestätigen: Kühn zu sein, mutig zu sein, meinen eigenen Weg zu gehen, mein Ding zu machen… davon geht für mich eine Magie aus, die unfassbar anziehend ist. Die eingetretenen Pfade zu verlassen, neugierig zu sein, auf das, was abseits des Weges für Abenteuer auf mich warten, das erfüllt mein Herz mit Lebendigkeit. Ich will nach neuen Lösungen suchen, um in diesem Leben ein „gutes“ Leben zu leben. Eins, bei dem ich auf dem Sterbebett sagen kann: „Das war ein gutes Leben“. Und was ein „gutes“ Leben ist, dass kann nur jede/r für sich selbst bestimmen.

Für mich ist ein „gutes“ Leben ein maßvolles Leben, ein Leben im Einklang mit der Natur und anderen Menschen, ein Leben, das nicht zurück will ins Mittelalter, sondern das die Intelligenz der modernen Welt zu nutzen weiß. Da liegt für mich die Magie: In der Reflexion dessen, was war, um für die Zukunft das Beste daraus mitzunehmen und Neues daraus entstehen zu lassen. In meiner Coaching-Ausbildung habe ich gelernt: „Wenn etwas gut ist, mach mehr davon. Wenn etwas nicht gut ist, mach was anderes.“ Und um etwas anderes zu machen – zu wagen -, bedarf es eben Kühnheit und Mut:

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
Hermann Hesse, „Stufen“

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ beschreibt für mich genau diese Magie der Kühnheit und des Mutes, Neues zu wagen. Auch wenn alle anderen sagen: „Das geht nicht.“ Solange, bis wer kommt, der das nicht weiß, und es einfach macht… weil er immer bereit zum Abschied ist und zum Neubeginn, weil es ja vielleicht auch „besser“ werden kann… Ohne Pioniere, Erfinder, Querdenker keine Weiterentwicklung. Dann bleibt alles so, wie es ist. Oder doch nicht?

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist,
dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“
Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“

Oder wollen wir vielleicht, dass alles so bleibt, wie es ist? Ich will das nicht. Natürlich haben wir es in unserer Entwicklung als Menschen weit gebracht. Wir sitzen nicht mehr in Höhlen und machen Feuer mit Faustkeilen. Wir haben heute ein viel bequemeres und sichereres Leben. Zumindest wir in unserer ach so schönen westlichen – „entwickelten“ – Welt. In anderen Teilen der Erde sieht das allerdings ganz anders aus. In Brasilien wird gerade ein ultrarechter Präsidentschaftskandidat gefeiert, der alle sozialen Hilfsprogramme für den ärmeren Teil der Bevölkerung abschaffen will. Der ärmere Teil, das sind dort in Brasilien vielfach die indigenen Völker. Bolsonaro will, wenn er Präsident ist, „keinen Zentimeter“ der staatlich geschützten Reservate übrig lassen. Und trotzdem stimmen viele Indigene für Bolsonaro, denn sie versprechen sich Fortschritt für ihre Völker: „Unter einem Präsidenten Bolsonaro werde es bald Bergbaulizenzen für ihre Reservate geben. Dann könnten auch die Indigenen Bäume fällen und die Erde umgraben. Und dann würden sie alle reich“, schreibt Thomas Fischermann in seinem Artikel „Selbstzerstörung auf brasilianisch“ auf ZEIT online am 8. Oktober 2018. Aber ist das „Fortschritt“? Oder ist das viel mehr, wieder alles so machen wie wir es schon immer gemacht haben? Nur, damit jetzt aber mal endlich ALLE was vom großen „Fortschritts-Kuchen“ abbekommen?

„Gutes Leben für alle statt Dolce Vita für wenige!“
Alberto Acosta („Buen Vivir – Vom Recht auf ein gutes Leben“)

Ich glaube, dass wir andere Wege gehen müssen, wenn wir wirklich wollen, dass es ALLEN Menschen auf der Welt besser geht. Nur kann das nicht bedeuten, dass es ALLEN Menschen auf der Welt so geht wie uns… Und es kann auch nicht bedeuten, dass es UNS in der sogenannten „westlichen“ Welt weiterhin so geht, wie bisher. Das ist keine Frage von Gerechtigkeit, es ist vielmehr schlicht und ergreifend nicht möglich. Nicht mit den – nun mal begrenzten – Ressourcen dieser Welt. Also, worum geht es? Es geht darum, für alle Menschen ein „gutes“ Leben – ein „Buen Vivir“ – zu ermöglichen. „Buen Vivir“ ist ein zentrales Prinzip in der Weltanschauung der Völker des Andenraums und kann als „Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur“ verstanden werden. Manchen wird es dadurch „besser“ gehen, und manche – denen es immer schon „besser“ ging – werden vielleicht nicht mehr so viel haben wie bisher. Aber ist das so schlimm, wenn ich nicht mehr so viel habe wie bisher? Vielleicht geht es mir dadurch ja auch „besser“?

„Heute gibt der Mensch Geld aus, das er nicht hat,
für Dinge, die er nicht braucht,
um damit Leuten zu imponieren, die er nicht mag.“

Danny Kaye

Was für ein Quatsch! Ich will das nicht mehr. Ich will mich nicht mehr 40 Stunden oder mehr pro Woche mit einem ungeliebten Job rumschlagen, um all den Krempel kaufen zu können, den ich eigentlich gar nicht wirklich brauche oder den ich – wenn ich mal ehrlich bin – total ineffektiv nutze. Beispiel: Eine Bohrmaschine wird durchschnittlich 11 Minuten in ihrem gesamten Lebenszyklus wirklich genutzt – den Rest der Zeit (20 Jahre?) liegt sie nutzlos im Keller rum. Diesen angehäuften Krempel entsorge ich dann periodisch – um mich zu „befreien“. Was heißt eigentlich ent-sorgen? Ich befreie mich von meinen Sorgen? Warum schaffe ich mir diese Sorgen überhaupt erst an, wenn ich sie dann doch irgendwann wieder frotschmeiße? Bekloppt. Oder wie der Dalai Lama gerne sagt: Erstaunlich.

Ich sehe meine Zukunft nicht im Pendeln zwischen einem Job, den ich nur brauche, weil ich mir sonst mein Leben nicht leisten kann, und einem ungeliebten Wohnort, an dem ich nur lebe, weil ich mir trotz der vielen Arbeit einen besseren nicht leisten kann. Mal davon abgesehen, dass mittlerweile sogar wissenschaftlich belegt ist, das Pendeln auf Dauer krank und unglücklich macht. Ich sehe mich nicht mehr in einer – eigentlich viel zu großen – Wohnung, nur um meine bei Shoppingfeldzügen erbeuteten (völlig nutzlosen) Deko-Gegenstände wie im Museum auszustellen und mich auf einer riesigen Sofa-Landschaft auszuruhen, weil mein öder Job, den ich aber brauche, um mir diese XXXL-Sofa-Landschaft und die Miete für mein Museum überhaupt leisten zu können, mich so ausgelaugt hat.

Gerhard Matzig schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 19. September 2018 in „Ach, Du fette Wohnungswelt!“: Wohnungen in Deutschland sind nicht zu klein, sie sind viel zu groß. Mit riesenhaften Sofalandschaften und Kingsize-Bettenburgen ist Wohnen zum nervigen Fetisch unserer Zeit geworden. … Als gäbe es ein Menschenrecht auf freistehende Badewannen, skulpturale Kühlschränke, Gästezimmer, Ankleideräume, Salons und Sofalandschaften, … (Es) gibt riesige Wohnquadratmeteransammlungen, die einfach nur depressiv in ihrer Raumverschwendungssucht machen. Dieser Hang zur Villa Godzilla ist natürlich erst mal ein Problem von zu viel Geld (oft einhergehend mit zu wenig Geschmack). Also zunächst eher exotisch. Aber tatsächlich gilt inzwischen auch für Zwei – und Dreizimmer-Wohnungen das olympische Motto des Immobilienmarktes: höher, größer, weiter. Früher waren die Balkone so groß, dass man aus dem Haus heraustreten und auf einem Stuhl an einem kleinen Tisch sitzen konnte. Jetzt sind daraus halbe Tennisplätze geworden. – Der Wohnwert ergibt sich allerdings nicht aus der Anzahl der Quadratmeter, also aus der Quantität, sondern aus der Qualität des Grundrisses. Kein Wunder, dass es mittlerweile ein Tiny House Movement gibt – als gesellschaftliche Antwort auf das Delirium des adipösen Wohnens. Weniger ist mehr: Nie zuvor war dieser Satz der klassischen Moderne so notwendig wie heute, da die Menschen in Deutschland durchschnittlich fast 50 Quadratmeter bewohnen und irrsinnigerweise dennoch, aber auch deshalb, von einer Wohnungsnot bedroht sind. Natürlich hat die Krise des Wohnens, die entscheidende soziale Frage der Gegenwart, mit einem Versagen der Politik wie auch des Marktes zu tun. Aber auch etwas mit dem eigenen raumökonomisch-konsumistischen Verhalten, das zugleich eine ökologische Frage beinhaltet, denn jeder Quadratmeter kostet Energie. Wenn wir auf fünfzig Quadratmeter pro Wohnmensch schon ein Problem haben, was erzählen wir dann eigentlich dem Rest der Welt?“

Besser hätte ich es nicht schreiben können. Danke, Herr Matzig! Er weiß im Übrigen, wovon er redet. Er wohnt selbst mit seiner Familie in einem sehr schmalen Haus auf einem sehr schmalen „Problemgrundstück“ – und dadurch überhaupt erschwinglich – am Stadtrand von München. In seinem Buch „Meine Frau will einen Garten – Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen“ schreibt er erfrischend und selbstironisch, was das bedeutet (hier zusammengefasst in einem Interview mit Christian Seiler):

„Wir haben kein Wohnzimmer. Wir sitzen jetzt in der Küche. Das ganze Erdgeschoss ist ein großes Wohnen – hier wird gegessen, gekocht, gelesen, Musik gehört, und dort hinten in einem Eckchen steht der Fernseher. Ein Wohnzimmer brauchen wir nicht, aber alle Häuser, die wir anschauten, hatten Wohnzimmer, die wir nicht brauchten, und dafür kleine Küchen, die wir nicht wollten. Dann war das so ermüdend, dass ich irgendwann gesagt habe: Wir müssen das selbst entwerfen. …

Das Ziel war, dass man nicht das Gefühl hat, das Haus wie einen zu heiß gewaschenen Pullover zu betreten. Es ging wirklich darum, jeden Millimeter sinnvoll auszunutzen und den Lebensvorstellungen der Familie zu entsprechen. Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass diese Vorstellung wunderbar mit den räumlichen Beschränkungen umgehen kann. Wir wollten einen großen, öffentlichen Raum für alle, und jeder braucht eine Zelle, in die er sich verkriechen kann. Diese Zelle kann sehr klein sein. Wir haben winzige Zimmer. Andere Eltern würden ihren Kindern niemals so winzige Zimmer zumuten, dafür ist aber alles andere ein Abenteuerlebensraum. Das funktioniert. …  In unserer Altbauwohnung hatten wir ein gigantisches Wohnzimmer, in dem nie jemand von uns saß. Wir saßen immer in der Küche. Hier findet alles statt. Ich arbeite an diesem Tisch, wir essen, wir kochen, meine Kinder machen Hausaufgaben. Und es hat sich noch etwas gezeigt – wir hatten zwei Kinderzimmer für drei Kinder, die waren auch sehr groß, aber keins der Kinder konnte ganz für sich sein. Und auch da haben wir gemerkt, dass die Kinder sich winzigste Ecken suchen, die sie dann mit Stoffen und anderem Zeug zumachen, um zu definieren – das ist meins. Also haben wir gesagt, die Kinder werden ganz kleine Zellen für sich haben. Wir haben aus den Defiziten der Wohnung den Plan entwickelt, wie wir’s hier (im Haus) haben wollen und haben das auch rigoros umgesetzt.“

Gerhard Matzig – ein „Wer“ für mich, zumindest was die Konsequenz und Rigorosität angeht, die eigenen (Wohn)Träume zu verwirklichen. Und meine Wohn-Träume sind nun mal sehr klein und überschaubar. Und doch so schwierig umzusetzen. Weil das Wohnen im kleinen Haus eine so „neue“ Idee ist und es dafür einfach noch keine gesetzliche Blaupause gibt. Das kleine, mobile und autarke Haus gibt es in den Landesbauordnungen Deutschlands einfach (noch) nicht. Da muss man Überzeugungsarbeit leisten, wenn man mit wenig  und unabhängig leben will. Das widerspricht ja auch unserem Gesellschaftsmodell: Da geht es ja immer um viel – viel kaufen, viel besitzen – und um Abhängigkeiten. Ohne das Bedürfnis immer mehr und immer neu kaufen zu müssen, würde unser kapitalistisches Wirtschaften, an dem aber immer nur wenige – und immer weniger – wirklich verdienen, ja auf Dauer nicht funktionieren. Und dann kommt da eine, die will das nicht mehr. Die will einfach aussteigen aus diesem Befriedigung-durch-Konsum-Hamsterrad und den ganzen Abhängigkeiten dieser schönen neuen Wohn-Welt. Na, wo kommen wir denn da hin, wenn das hier plötzlich jeder macht? Vielleicht wirklich zu einem „besseren“  – weil richtig „guten“ Leben…

„Ein neuer Gedanke wird zuerst verlacht, danach bekämpft,
bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt.“
Arthur Schopenhauer

„Die größte Schwierigkeit der Welt besteht nicht darin, Leute zu bewegen,
neue Ideen anzunehmen, sondern alte zu vergessen.“
John Maynard Keynes

 

Bücher
„Meine Frau will einen Garten – Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen“ – Gerhard Matzig
„Buen Vivir – Vom Recht auf ein gutes Leben“ – Alberto Acosta

Links
„Ach, Du fette Wohnwelt!“ – Gerhard Matzig, www.sueddeutsche.de
„Interview über das Leben am Stadtrand. Und ein sehr schmales, sehr schwarzes Haus“ – Christian Seiler, www.christianseiler.de