Willst Du glücklich sein im Leben, dann sei es!

Dieses Zitat von Leo Tolstoi fiel mir noch ein im Nachgang zu meinem letzten Text und der Frage: Willst Du glücklich sein, egal, was auch geschieht? Wenn ja, dann sei es! Doch dies scheint nicht so leicht zu sein: Warum sind manche Menschen vom Leben materiell unendlich reich beschenkt und doch unglücklich? Wie geht das, dass andere nichts haben und sagen, sie sind glücklich? Manchmal erscheint es mir, als ob es uns leichter fällt, Glück zu empfinden, wenn wir durch schwere Zeiten gehen. Warum kehren wir oft erst um, wenn wir körperlich krank geworden sind? Wenn das Schicksal uns aus der Bahn wirft?

„Ich weiß, wie beschenkt man schon damit ist, zu existieren.
Wir dürfen es nicht einfach als gegeben nehmen.“

Montserrat Caballe

Montserrat Caballe hatte einen gutartigen Hirntumor, der sie Zeit ihres Lebens daran erinnerte, dass das Leben – und das Glück – nicht selbstverständlich ist. Doch was ist das eigentlich, dieses Glück? Im Deutschen wird der Begriff „Glück“ in zwei sehr unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht:  „Glück haben“ und „Glück empfinden“, glücklich sein. Es gibt also das äußere Glück, das einem geschieht z.B. durch einen glücklichen Zufall oder eine zufällig erscheinende Schicksalswendung. Im Englischen gibt es dafür das Wort „luck“, wenn man z.B. durch Zufall beim Lotto gewinnt; durch Zufall im Supermarkt die „schnellste“ Kasse erwischt hat; durch Zufall von einem Unfall verschont blieb. Dieses „Glück haben“ habe ich schon erlebt: In meiner Schulzeit wollte ich am Morgen nach einem heftigen Sturm das Haus verlassen. Ich hatte schon die Klinke der Haustür in der Hand. Meine Mutter rief mich wegen irgendetwas zurück und ich hielt inne. In diesem Moment knallte der halbe Dachfirst in Form von Dachpfannen vom Dach herunter, direkt vor die Haustür. Hätte meine Mutter mich nicht zurückgerufen, wer weiß, ob ich heute hier sitzen und diese Zeilen schreiben würde. Mensch, was hatte ich für ein Glück, dass der „Zufall“ mich vor diesem Unfall bewahrt hat… Ich denke – auch 30 Jahre später – oft an diese Situation. Sie hat mich gelehrt, dass ich das Leben heute nicht mehr einfach als gegeben nehme. Es ist ein Geschenk und es kann so schnell vorbei sein. Wir nehmen es oft gar nicht wahr, wie viel Glück wir haben, am Leben zu sein.

„Glück empfinden“ ist etwas anderes als „Glück haben“. Es ist sowohl ein Gefühl als auch ein Zustand. Wir können für einen kurzen Zeitraum glücklich sein, z.B. beim Orgasmus; wenn wir etwas Gutes essen, einen wundervollen Sonnenuntergang erleben, mit lieben Menschen zusammen sind oder ein Projekt, auf das wir lange hingearbeitet haben, erfolgreich abschließen. Ich bin in diesen – flüchtigen – Momenten sehr, sehr glücklich. Im Englischen gibt es für diese kurzen Glücksmomente den Begriff „pleasure“. Doch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer und ich ertappe mich oft dabei, enttäuscht zu sein, WIE kurz es oft ist… Vor allem, wenn ich lange auf etwas hingearbeitet habe. Dann steht das kurze Glücksgefühl – die Befriedigung – oft gar nicht im Verhältnis zu dem Zeitaufwand, den ich da hineingesteckt habe. Und es bleibt oft ein schaler Beigeschmack zurück: DAFÜR der ganze Aufwand? Die ganze Arbeit?

„Glück heißt nicht,
zu bekommen, was man will,
sondern zu wollen, was man hat.“

Verfasser (mir) unbekannt

Glück empfinden, glücklich sein kann aber auch ein dauerhaftes Gefühl sein, ein Gefühl von „im Glück zu leben“, wenn ich z.B. mit dem Leben zufrieden bin, im Frieden bin mit mir und der Welt. Wenn ich nicht mehr den einzelnen, besonderen Glücksmomenten hinterherjagen, nicht mehr darauf hinarbeiten muss, sondern das Leben ein einziger Glücksmoment ist, weil ich das Glück – das Wunder des Lebens – in jedem noch so kleinen Ereignis sehen und mich daran erfreuen kann. Dann ist das Glück nicht mehr kurz und heftig, sondern immerwährend und friedlich. In diesem Moment, und im nächsten Moment, und im übernächsten Moment. Diese Glückseligkeit heißt im Englischen „happiness“. Und das Tolle ist: Dann bin ich in einem Zustand, den ich jederzeit in meinem Leben abrufen kann: „Willst Du glücklich sein im Leben, dann sei es!“ Ich bin selbst in der Lage, diesen Glückszustand zu erzeugen, in jedem Augenblick meines Lebens. Wenn ich es denn will…

„Wenn Du wirklich dazu entschlossen bist (glücklich zu sein),
kannst Du durch nichts aufgehalten werden.
Egal, was geschieht, Du entscheidest, ob Du die Erfahrung genießt.
Wenn man Dich hungern lässt und in Isolationshaft steckt,
hab doch Spaß daran, es Gandhi gleichzutun.
Egal, was geschieht, genieße einfach das Leben, wie es zu Dir kommt.

Versichere Dir, dass in Frieden leben und das Leben auskosten alles ist, was Du willst.
Du willst nicht, dass Dein Glück vom Verhalten anderer Menschen abhängt.
Es ist schon schlimm genug, dass Dein Glück von Deinem eigenen Verstand abhängt.
Wenn Du es auch noch so einrichtest, dass Dein Glück vom Verhalten anderer abhängt, steckst Du in ernsthaften Schwierigkeiten.“

Michael A. Singer („Die Seele will frei sein“)

Ich weiß, das ist sehr radikal, was Singer da schreibt, vielleicht empfindest Du es auch als zynisch, aber: Das Leben ist zu kurz, um sich selbst etwas vorzumachen. Ich bin auf dieser Welt, um glücklich zu sein und ich bin die einzige, die etwas dafür tun kann. Ja, und was kann ich nun dafür tun? Wie lautet sie jetzt, die Glücksformel? Eine Hilfestellung im Alltag kann z.B. folgender 10-Punkte-Plan sein:

„…wahrhaftiges Glück erleben wir nur,
wenn wir das Konzept von
Mitgefühl, Würde, Gleichmut, Vergebung, Dankbarkeit, Bescheidenheit,
Integrität, Gerechtigkeit, Güte und Liebe verstehen und leben.“
James Doty („Der Neurochirurg, der sein Herz vergessen hatte“)

Vieles von dem, was Doty da aufzählt, praktiziere ich – oder bin zumindest stets bemüht – mehr oder weniger bewusst seit einigen Jahren. Es ist spannend, mal genauer hinzuschauen, was denn diese inneren Qualitäten für mich im Einzelnen bedeuten. Sicherlich kann jede dieser Qualitäten für sich genommen kultiviert und entwickelt werden, doch ich glaube, erst zusammen erzeugen sie dieses wirkliche, innere Wohlbefinden, das wir „Glück“ nennen…

Fortsetzung folgt…

 

Bücher

„Der Neurochirurg, der sein Herz vergessen hatte“ – James Doty