Fortsetzung: …dann sei es!

Mein persönlicher 10-Punkte-Plan zur Glückseligkeit und wie ich James Dotys „Konzept von Mitgefühl, Würde, Gleichmut, Vergebung, Dankbarkeit, Bescheidenheit, Integrität, Gerechtigkeit, Güte und Liebe“ verstehe und lebe: Teil 2

Bescheidenheit
Zur Dankbarkeit gehört irgendwie auch die Bescheidenheit. Bescheidenheit ist für mich ein Synonym für Einfachheit oder auch Genügsamkeit. Genügsamkeit bedeutet für mich, mit dem, was ich habe, zufrieden zu sein – dankbar zu sein – und nicht immer nach mehr zu streben. Der Dalai Lama sagte mal zur Genügsamkeit: „Die Ironie will es so, dass wir dann, wenn wir das Objekt unserer Wünsche erlangt haben, immer noch nicht zufrieden sind. Auf diese Weise nimmt die Begierde nie ein Ende und ist eine ständige Quelle der Schwierigkeiten. Das einzige Gegenmittel ist die Genügsamkeit.“ Für mich bedeutet Genügsamkeit und Bescheidenheit auch, mit wenig(er) glücklich zu sein. Einfach glücklich zu sein, mit dem, was (da) ist. Was brauche ich wirklich, um glücklich zu sein? Und was habe ich schon, über das ich mich freuen kann? Es geht nicht um Verzicht, denn dann bin ich wieder im Mangel und in der Unzufriedenheit. Es geht für mich darum, in allem, was ist, die unendliche Fülle des Lebens zu erkennen.

Integrität
Integrität bedeutet für mich, dass meine Handlungen mit meinen Werten, mit meinen Überzeugungen, übereinstimmen. Integer zu sein heißt, authentisch zu sein, wahrhaftig zu sein. Und es verlangt von mir, immer wieder zu reflektieren, ob meine Taten auch wirklich mit meiner Haltung übereinstimmen. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von mir selbst zu habe (meine Würde) und immer wieder zu überprüfen, ob diese Bild auch mit dem übereinstimmt, wie ich tagtäglich handle. Z.B. ist die Umwelt in ihrer Schönheit zu erhalten, ein ganz wichtiger Wert für mich. Und doch kaufe ich oft immer noch gedankenlos Cola in Aluminiumdosen, obwohl ich eigentlich weiß, wie schädlich die Herstellung von Aluminium für die Umwelt ist…Je öfter ich mir solche Dinge bewusst mache, desto mehr verändere ich mein Tun und desto mehr stimmen meine Handlungen mit meinen Werten und Überzeugungen überein. Ich lebe mich quasi Schritt für Schritt an meine eigenen Werte und Überzeugungen heran. Das gelingt mir nicht immer, aber immer mehr und immer öfter. Ich kenne diese Momente zu gut, wenn man sich fragt, warum man das eigentlich tut – Müll zu trennen, fair produzierte Kleidung zu kaufen, kein Fleisch zu essen -, wenn gefühlt ALLE anderen das nicht tun. Warum soll ICH mich dann „quälen“, warum soll ICH dann verzichten? Was kann ICH allein schon ausrichten? Ja, ich bin vielleicht nur ein klitzekleines Rädchen im Getriebe dieser Welt. Ja, vielleicht bringt das, was ich da tue, rein gar nichts. Aber ICH muss am Ende des Tages in den Spiegel schauen können… Ich weiß, dass es NICHT glücklich macht, dauerhaft gegen seine eigenen Überzeugungen und Werte zu handeln. Und gleichzeitig ist es wichtig, sich selbst verzeihen zu können, wenn genau das – im Einklang mit meinen Überzeugungen zu handeln – nicht immer gelingt. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich bin nicht perfekt. Aber ich habe die Möglichkeit, mir dessen bewusst zu sein und zu versuchen, mich mit jedem Augenblick an eine „bessere“ Version meines Selbst – an meine Integrität – heranzuleben…

Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist nicht nur ein juristischer Aspekt; Gerechtigkeit ist immer auch eine innere Wert und ich kann mich fragen, wie ich Gerechtigkeit für mich in meinem Leben umsetzen möchte: Angenommen, ich habe bei meiner Arbeit sehr viel Energie und Enthusiasmus, aber mein Kollege hat vielleicht etwas weniger Energie, dann kann es sein, dass ich mehr mache als er. Gerechtigkeit heißt in diesem Fall nicht, dass jeder exakt das gleiche macht, sondern dass jeder nach seinem Vermögen und seinen Fähigkeiten tut, was er eben gerade kann. Es wäre Quatsch, von meinem Kollegen zu verlangen, dass er genauso viel tut wie ich, wenn er es von seiner Energie oder von seinen Fähigkeiten her gar nicht schafft. Statt das als ungerecht zu empfinden und zu wollen, dass er genauso viel macht wie ich, damit ich das als gerecht empfinde, kann ich meinem Gerechtigkeitsempfinden vielleicht eher „gerecht“ werden, wenn ich sage: „Ich brauche jetzt auch mal Ruhe und ich erlaube mir auch, mal weniger zu tun.“ Und im umgekehrten Fall kann ich natürlich auch sagen: „Der andere opfert sich immer auf, ich will auch mal etwas übernehmen.“ Gerechtigkeit in meinem Leben umzusetzen kann auch heißen, mich in meinen Möglichkeiten zu engagieren, wenn ich Ungerechtigkeiten sehe. Die Frage ist: Welches Gerechtigkeitsverständnis habe ich und was kann ich selbst tun, um dieses Verständnis im Leben umzusetzen? Das hilft mir, das Leben nicht mehr als „ungerecht“ zu empfinden, weil ich Gerechtigkeit – für mich – aktiv (mit) gestalten kann.

Güte
Güte ist für mich die Eigenschaft des Wohlwollens. Wohlwollen heißt, das Gute im anderen zu sehen und ihm oder ihr Gutes zu wünschen. Wohlwollen bedeutet, anderen mit einem offenen Herzen zu begegnen, ihnen Gutes (tun) zu wollen, ihnen universelle Liebe – Verbundenheit – gegenüber zu empfinden und ihre Anliegen, Meinungen und Bedürfnisse für wichtig und wertvoll zu erachten. Gütig zu sein heißt für mich auch, über die Fehler anderer, über kleine Kränkungen, hinwegzusehen, zu verzeihen und zu vergeben. Gütig zu sein hilft, glaube ich, sehr beim Glücklichsein. Der Dalai Lama ist für mich zum Beispiel ein gütiger Mensch. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber er erscheint mir immer sehr glücklich…

Liebe
Liebe ist ein intensives Gefühl der Verbundenheit. Wenn ich liebe, fühle ich mich verbunden: Ich bin verbunden mit mir, wenn ich mich selbst liebe; ich bin verbunden mit anderen Menschen – in Partnerschaft, Freundschaft, Familie; mit der Welt, mit allen Lebewesen, mit dem Leben an sich. Wenn ich liebe, bin ich verbunden mit allem, was ist. Und doch halten wir so oft mit unserer Liebe hinterm Berg, wollen erst mal geliebt werden, bevor wir selbst bereit sind, unsere Liebe zu geben. Warum? Vor Angst, dass die Liebe eventuell nicht erwidert wird? Dass ich meine Liebe „weggegeben“ habe und dann ein Loch da ist, weil ich nichts dafür „zurückbekomme“? So funktioniert Liebe nicht. Liebe wird nicht weniger. Ich gebe sie ja nicht wirklich weg, sie ist ja immer noch bei mir und eben auch beim anderen. Wir sind verbunden wie durch ein unsichtbares Band. Wenn ich nicht bereit bin, meine Liebe zu schenken – ohne zu wissen, ob ich etwas dafür zurückbekommen -, dann werde ich auch keine Liebe bekommen, keine Verbundenheit spüren. Es ist mit der Liebe wie mit dem Duft einer Blume: Eine Blume verströmt ihren Duft, egal ob da jemand ist, der ihn wahrnehmen kann oder nicht. Sie sagt sich nicht: „Ich werde doch meinen Duft nicht unnötig vergeuden, solange hier niemand ist, der ihn riechen kann!“ Sie duftet einfach. Punkt. Das ist ihre Aufgabe in der Welt, ihren Duft zu verströmen. Wenn daraufhin eine Biene vorbeikommt, schön! Wenn nicht, auch gut. Das tut der Blume nix. Es ist einfach ihre Aufgabe zu duften. Und unsere Aufgabe ist es, einfach zu lieben. Unsere Liebe zu verschenken. Wenn jemand vorbeikommt, der uns auch liebt, schön! Wenn nicht, auch gut. Es ist ja immer jemand da, den wir lieben können: uns selbst, das Leben; alles, was ist. Mit der Liebe ist es wie mit dem Glück: Sie ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man sie mit anderen teilt…

„Liebe verschenkt sich im Überfluss, wie eine Blume ihren Duft verströmt;
doch immer messen wir die Liebe in unseren Beziehungen,
und damit zerstören wir sie.“

Krishnamurti

Also übe ich mich darin, meine Liebe zu teilen, zu verschenken, altruistisch, bedingungslos. Bedingungslos lieben heißt für mich, jemand anderen so zu nehmen wie er oder sie ist; die Welt so anzunehmen, wie sie nun mal ist. Bedingungslos lieben heißt für mich nicht, alles, was jemand anderes tut oder wie er oder sie sich verhält oder was in der Welt geschieht, mögen zu müssen. Aber ich fälle kein Urteil darüber, ob es falsch ist. Es ist schlicht und einfach nicht „meins“:

„Beobachten, ohne zu urteilen, wird manchmal
‚bedingungslose Liebe‘ genannt.
Du kannst beobachten, was stattfindet,
und – ohne es als falsch zu beurteilen – entscheiden,
dass es für deinen Weg intuitiv nicht gut riecht, schmeckt oder sich anfühlt.
Dann segnest du es und gehst weiter.
So kannst du die Forderung erfüllen, jeden zu lieben.
Es bedeutet nicht, dessen Handeln oder Verhalten zu mögen.
Aber du fällst nicht das Urteil, dass diese Person Unrecht hat.
Ihre Art gehört einfach nicht zu deinem Weg.
Wenn du (jedoch) urteilst, musst du auch lernen zu vergeben:
anderen, Situationen, dir selbst.
Wenn du beobachtest, ohne zu urteilen, ist keine Vergebung nötig.“
Marlo Morgan („Traumreisende“)

Wenn es mir gelingt, diese 10 inneren Qualitäten irgendwie zusammen zu bringen, dann habe ich alles, was ich brauche, um mit immer wieder wechselnden Lebensumständen und dadurch aufkommenden Gefühlen gut zurechtzukommen. Dann bin ich „nicht länger Sklave meiner Gedanken, Gefühle, Illusionen und all der mentalen Gifte, die das eigene Leben und das anderer verseuchen“, wie Matthieu Ricard – buddhistischer Mönch und Molekularbiologe – sagt. Um all diese 10 inneren Qualitäten wirklich verinnerlichen zu könne, leben zu können, braucht es nach meiner Erfahrung eine ganz entscheidende Fähigkeit: Hingabe. Hingabe bedeutet für mich eine Einwilligung in das Leben zu geben; mich hinzugeben bedeutet, „Ja“ zum Leben zu sagen. Ich gebe mich dem hin, was ist. Ich nehme es – in Liebe, in Verbundenheit, ohne zu urteilen – an, mit all dem Glück, aller Freude und auch all dem Schmerz und Leid. Ich öffne mein Herz und lasse alles, was ist und geschieht durch diesen weiten, freien Raum in meinem Herzen hindurchziehen. Ohne es festzuhalten. Ohne es zu bewerten. Und bin… glücklich.

„Mein Erfolgsrezept war ganz einfach:
Erledige alles, was Dir passiert, aus ganzem Herzen und ganzer Seele,
ohne Rücksicht auf persönlichen Gewinn.
Mach Deine Arbeit so, als hättest Du sie vom Universum selbst erhalten…“
Michael A. Singer („Das Experiment Hingabe“)

 

Bücher

„Der Neurochirurg, der sein Herz vergessen hatte“ – James Doty
„Das Experiment Hingabe: Mein Weg in die Vollkommenheit des Lebens“ – Michael A. Singer

Links
„Das Leben besteht nicht darin, sich irgendwelche Konsumbedürfnisse zu erfüllen“ – Utopia online, Interview mit Gerald Hüther