Das real existierende Leben hat kein Interesse daran, mich persönlich zu beleidigen

Heißt: Egal, was geschieht, ich bin nicht persönlich damit gemeint… Was für eine Entlastung! Diesen Satz habe ich in dem Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ entdeckt. Und ich finde ihn großartig! Ich habe mir vor einiger Zeit angewöhnt, in Büchern die interessantesten Stellen mit Klebestreifen zu markieren und sie anschließend am Computer zu sammeln. Dann muss ich die Bücher nicht noch einmal lesen und habe die Quintessenz immer parat. Ich finde es sehr spannend, immer mal wieder in diesen kurzen Notizen zu lesen und meinen jetzigen Blick darauf zu erforschen. Und ich stelle fest, ich bekomme immer wieder neue Impulse und in irgendeiner Form hat es immer mit meinem Leben JETZT zu tun.

„Das real existierende Leben hat kein Interesse daran,
mich persönlich zu beleidigen.“

Frank Berzbach

Ich erlebe immer wieder Situationen, in denen ich – oder besser: mein innerer Beobachter – darüber schmunzeln muss, wie wichtig ich mich selbst doch immer wieder nehme. Als ob die Welt und das Leben sich nur um mich drehen. Dabei bin ich der Welt und dem Leben ziemlich egal:  Es ist okay, dass ich da bin und es ist genauso okay, wenn ich nicht da bin.

Genauso ist das, was geschieht, oft weder gut noch schlecht, es IST einfach. Es regnet. Punkt. Es regnet nicht, weil das Leben mich – also mich ganz persönlich – ärgern will. Es sind Ereignisse ohne Absicht. Die Welt hat an mir einfach kein Interesse, ich bin – so hart das für mein Ego ist – nicht persönlich gemeint. „Nicht persönlich nehmen!“ ist eine Regel im Zen. Das ist die Idee der Demut. Der einzelne Mensch ist nicht so wichtig, wie er sich heute meist nimmt.

„Ohne mich wäre das Leben ganz einfach.“
Ayya Khema

Und das ist das Entlastende an der Demut: Sie will uns nicht kleiner machen, als wir sind, aber eben auch nicht größer. Demütige Menschen wissen, dass sie selbst keine Götter sind. Ich bin immer auch abhängig von anderen. Und ob ich bei etwas erfolgreich bin, hängt immer auch ein bisschen vom Glück ab und das liegt oft nicht in meinen Händen. Auf den „Lauf der Dinge“ habe ich weit weniger Einfluss, als ich immer meine.

Es regnet heute. Vielleicht regnet es auch morgen. Und danach scheint vielleicht auch irgendwann wieder die Sonne. Diese objektiven Ereignisse des Alltags haben kein Interesse daran, mich zu unterstützen oder mir zu schaden, mich zu ärgern oder zu beleidigen. Den Regen interessiert es nullkommanull, ob ich mich an ihm erfreue oder ob ich ihn blöd finde. Er regnet einfach. Und ich kann es nicht ändern, dass es regnet. Ich kann aber für mich selbst entscheiden, wie ich damit umgehe. Mit dem Regen und mit meinen Gefühlen zum Regen.

„Du bist nicht dein Gefühl, sondern du hast ein Gefühl.“
Andreas Knuf

Die Wahrnehmung, bewusst und umsichtig auf das zu achten, was unmittelbar geschieht, das ist für mich Achtsamkeit. Nicht, was „da draußen“ geschieht, sondern was „in mir“ geschieht. Nicht, wie andere sich verhalten, sondern wie ich damit umgehe. Nicht, ob ich froh bin oder traurig, sondern wie sich die jeweilige Stimmung in meinem Körper äußert. Nicht, ob es regnet oder die Sonne scheint, sondern welche Gedanken oder Gefühle das in mir auslöst. Es sind einfach nur Gedanken, sie kommen, sind eine Zeitlang da und ziehen dann auch wieder weiter.

Was tue ich, wenn ich achtsam bin? Ich beobachte, was geschieht, akzeptiere, dass es geschieht, erforsche, was das Geschehen in mir auslöst und lasse es „so sein“.

Das ist spannend! Ich kann mich einfach selbst erforschen: Unter welchen Umständen taucht ein Gefühl auf? Wie äußert es sich konkret geistig und körperlich? Wie lange bleibt es? Und unter welchen Bedingungen verschwindet es wieder? – Mehr nicht. Ich beobachte neugierig und bin gespannt auf die Veränderung. Ich greife nicht ein. Ich bewerte es nicht. Ein bisschen wie ein Tier-Filmer in Afrika. Der filmt, was geschieht, und lässt es geschehen, auch wenn er zusehen muss, wie der Löwe die Antilope tötet. Er greift nicht ein, versucht nicht, die Antilope zu „retten“. Er urteilt nicht, er bewertet nicht, er akzeptiert, dass das, was er da beobachtet, das Leben ist.

Seitdem ich mich mehr mit meiner eigenen Wahrnehmung der Welt beschäftige, habe ich weniger das Bedürfnis, über die Außenwelt zu klagen. Denn:

„Nur 10 % unseres Glücksniveaus ist von äußeren Umständen abhängig –
davon also, ob wir arm oder reich, gesund oder krank, hübsch oder hässlich, verheiratet oder geschieden oder was auch immer sind. Was wir über uns und die Welt denken hat mehr Einfluss auf unser Glück oder Unglück als unsere tatsächlichen Lebensumstände.“

Sonja Lyobomirsky

Das Außen kann ich nicht wirklich beeinflussen, mein Gegenüber nicht verändern. Aber ich kann die Verantwortung für meine Gefühle übernehmen. Jeder erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man sich in einem negativen Zustand befindet. Aber darin stecken zu bleiben und nicht daraus zu lernen, ist verschwendete Zeit, nicht wirklich gelebte Lebenszeit. Ärgerlich zu sein, traurig oder niedergeschlagen heißt, nicht wirklich lebendig zu sein, meine Zeit nicht wirklich lebendig zu verbringen, weil ich in der Vergangenheit feststecke und meine, es wäre die Gegenwart. Die Tatsache, dass ich in diesem Moment atme, bedeutet noch nicht, dass ich in diesem Moment auch wirklich lebendig bin. Leben kann ich nur im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft… Und das Tolle: Ich kann entscheiden, ob ich im Hier und jetzt lebendig sein will oder nicht, ob ich meine Zeit hier in diesem Leben sinnvoll nutzen will oder ob ich mich lieber über die Vergangenheit ärgern will oder die Gegenwart gern anders hätte. Ich kann entscheiden, ob ich jetzt, in diesem Moment glücklich sein will – oder eben nicht.

„Willst Du glücklich sein im Leben, dann sei es!“
Leo Tolstoi

 

Bücher

Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen – Frank Berzbach