Der Wolf, der Wald oder muss denn immer einer der Boss sein?

Was heißt es, eine „gute“ Führungskraft zu sein? Zurzeit beschäftigt mich diese Frage mal wieder, aus ganz persönlicher Betroffenheit. Nämlich dann, wenn ich auf „schlechte“ Führungskräfte treffe. Und das passiert mir ständig, ob im Job, im Alltag, in der Politik. Und es ärgert mich immer wieder unfassbar, wenn ich feststelle, dass jemand, der sich „Führungskraft“ nennt, keine ist. In meinen Augen. Immer nur aus meiner Perspektive. Das ist eines der wenigen Themen, wo ich innerlich wie äußerlich immer noch zum „HB-Männchen“ werde und die Gelassenheit und Gleichmütigkeit des „es ist wie es ist“ – noch – nicht so wirklich verinnerlicht habe…

Heute habe ich mir die Frage gestellt, warum das so ist und worum es eigentlich wirklich geht, wenn ich mich über eine in meinen Augen „unfähige“ Führungskraft aufrege. Denn eigentlich bräuchte es mich doch gar nicht zu interessieren. Und, wie so oft, wenn ich mich selbst tiefer erforsche, meine Gefühle, die so überdimensional groß werden (in dem Fall der Ärger), stoße ich letztendlich immer auf meine eigenen Themen. In diesem Fall: Mich ärgert, wenn eine Führungskraft keine „gute“ Führungskraft ist, weil ich mich selbst nicht traue, Führungskraft zu sein. Hä?

Der Versuch einer Erklärung: Ich selbst bin davon überzeugt, dass ich eine – in meinen Augen – „gute“ Führungskraft wäre. Wäre, weil ich es nicht bin. Und ich bin es nicht, weil es einen Anteil in mir gibt, der sagt: „Das darfst Du nicht. Du darfst keine Führungskraft sein. Was bildest Du Dir überhaupt ein? Wer, glaubst Du, bist Du eigentlich?“ Dieser Anteil ist spannender Weise in meiner Vorstellung weiblich… Und der Anteil sagt mir, dass ich keine Führungskraft sein darf, weil ich eine Frau bin. Nicht, weil ich das als Frau nicht kann. Nein. Weil ich als Frau in dieser männerdominierten Welt als Führungskraft nicht überleben werde. Nur als Mann kann „man“ das…

Ich bin aber eine Frau und ich habe keine Lust mehr, gerade im Berufsleben als „besserer“ Mann durch die Welt zu stapfen. Nur, weil mich sonst – eventuell, vielleicht, was auch immer – keiner ernst nehmen könnte. Ganz anders als z.B. bei den Wölfen. Wölfe sind uns Menschen ähnlicher als alle andere Lebewesen. Zumindest auf der sozialen Ebene:

„Wölfe kümmern sich empathisch um ihre Alten und Verletzten, erziehen liebevoll ihren Nachwuchs und haben die Fähigkeit, im Spiel alles zu vergessen. Wölfe denken, träumen, machen Pläne, kommunizieren intelligent miteinander.“
Elli H. Radinger

Führung nach dem Leitwolfprinzip – Du musst nicht immer der Boss sein
Bei den Wölfen ist es ganz anders, als man gemeinhin denkt. Die Alpha-Tiere führen das Rudel an, ihnen folgt der Rest und am Ende der Omega-Wolf mit eingezogenem Schwanz. Er hält Abstand, weil er sonst von den Alphas gebissen und in seinen niederen Rang verwiesen wird. Falsch! So ist es bei Wölfen in Gefangenschaft, aber nicht in der Wildnis. Hier tollen die ein- bis zweijährigen Rüden vorneweg, dahinter kommt das Leitpaar (ja, LeitPAAR!). Die Jungweibchen schlendern hinterher, wie auf Shoppingtour und am Ende trödeln die Kleinen herum. Erst bei drohender Gefahr setzen sich die Leitwölfe an die Spitze und die anderen folgen. DAS ist für mich Führung! Kein Dominieren, kein „Plattmachen“, keine Aggression, sondern stille Autorität und Verantwortung. Bei den Wölfen führt nicht der größte, stärkste oder mutigste Wolf. Vielmehr ist Führung unter Wölfen ganz individuell geregelt. Je nach ihren Fähigkeiten können auch andere Rudelmitglieder in bestimmten Situationen temporär die Gruppe anführen. Wichtig ist hier vor allem: Erfahrung. Trifft ein Wolf aufgrund seiner Erfahrung eine bestimmte Entscheidung, wird dies von der ganzen Gruppe akzeptiert. In wirklichen Gefahrensituationen sind es hingegen immer die Leitwölfe, die aufgrund ihrer Erfahrung wissen, wo es langgeht.

Bei Wölfen wie Menschen gilt: Eine Führungspersönlichkeit sollte über mentale Stärke verfügen, über soziale Intelligenz. Nur dann wird sie von den anderen Gruppenmitgliedern ernst genommen. Gestandene Leitwölfe haben es nicht nötig, irgendwen zu dominieren, sie verfügen über eine ganz natürliche Autorität.

Dazu kommt: Bei den Wölfen ist Führung weiblich! Haha! Ein Rudel wird immer von einem Leitwolfpaar geführt. Wichtige Entscheidungen treffen sie grundsätzlich gemeinsam. Bei Zweifeln orientiert sich die Wolfsfamilie inklusive des Leitrüden am Leitweibchen. Die Rüden haben damit – anders als viele Männer – kein Problem…

Wölfe haben innerhalb der Wolfsfamilie ein stark ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Die Leitwölfe haben vor allem die Aufgabe, die Familie zusammenzuhalten, zu einen, nicht zu trennen. Despoten sind äußerst unbeliebt. Meine eigene Erfahrung in der Wirtschaft ist da leider eine andere. Ich hatte mal einen Chef, der den Unfrieden unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern grundsätzlich begrüßt hat. Er war der Überzeugung, dass das die Leute erst zu echten Leistungen anspornt. Letztendlich war ich da nicht lange… Solche Alpha-Wölfe brauche ich nicht. Im Übrigen stammt der Begriff „Alpha-Wolf“ aus der Gehegeforschung, wie Elli H. Radinger in „Die Weisheit der Wölfe“ schreibt: „Lange Zeit war es nicht möglich, in dem Umfang das Verhalten wild lebender Wölfe zu beobachten, wie wir es heute tun. Die Forscher glaubten damals, dass ein Wolfsrudel eine zufällige Ansammlung von Tieren ist, die sich im Winter zusammentun, um so erfolgreicher große Beutetiere jagen zu können. Um Wölfe besser verstehen und beobachten zu können, nahm man einige von ihnen aus verschiedenen Zoos heraus und brachte sie gemeinsam in Gehegen unter. Wenn jemand hochsoziale Tiere derart willkürlich und künstlich zusammensteckt, werden sie unweigerlich miteinander in Wettstreit treten und schließlich eine Art Dominanzhierarchie entwickeln. Das ist wie die klassische Hackordnung bei Hühnern. (…) Es dauerte noch zwei Jahrzehnte, bis das (diese falschen Informationen über die Alpha-Wölfe) korrigiert wurde und sich das neue Verständnis vom Wolf eingebürgert hat. (…) Wir wissen heute, dass sich Gehegewölfe anders und eher „wolfsuntypisch“ verhalten. Sie leben wie die Insassen eines Gefängnisses. Im ungünstigsten Fall müssen sie auf Gedeih und Verderb miteinander auskommen, ob sie sich leiden können oder nicht. Ihr Sozialverhalten entspricht nicht im Entferntesten dem einer frei lebenden Wolfsfamilie. (…) Es herrscht die klassische (Gefängnis-)Hierarchie vom Alpha, der alle dominiert, bis hinunter zum Omega, dem Prügelknaben.“

Und so ist es ein wenig in unserem Berufsleben. Hier werden auch aus verschiedenen „Rudeln“ unterschiedliche „Wölfe“ (Mitarbeiter*innen) zusammen in ein „Gehege“ (Büro) gesteckt. Ob die wirklich zusammenpassen und sich verstehen fragt in Bewerbungsgesprächen ja keiner. Und dann wundert „man“ sich, wenn Konkurrenz aufkommt und der eine den anderen „wegbeißt“. Dann versuchen die „Alpha-Tiere“ (Führungskräfte) mit Dominanz und Feldherrn-Gehabe („Ober sticht Unter“) die Team-Mitglieder zu „führen“: „Es herrscht die klassische (Gefängnis-)Hierarchie vom Alpha, der alle dominiert…“

Das ist ein sehr „männliches“ – und einsames – Führungsverständnis. In einem Wolfsrudel entscheidet das Leitwolfpaar gemeinsam, wirklich wichtige Entscheidungen werden jedoch vom Weibchen getroffen: Die Wolfswelt ist eine Frauenwelt. Da erscheint es etwas absurd, wenn menschliche (meist männliche) Führungskräfte für viel Geld Managementseminare besuchen, um „wölfisches Führungsverhalten“ zu lernen. Sie setzen sich in ein Wolfsgehege und schauen zu, wie der Alpha-Wolf sein Rudel dominiert. Naja, das ist am Ende ja auch das, was die meisten Führungskräfte als Chefs dann selbst tun… Einer muss ja hier der Boss sein und wie ein Feldherr (oder eine Feldherrin) vom Hügel herab regieren! Das ist aber nicht natürlich…

Für Führungskräfte gilt es auch heute noch, „Machthaber“ zu sein, Macht zu haben. „Macht“ wird meistens mit „Herrschaft“ gleichgesetzt, weil wir meist nur die Form von Macht kennen, in der eine Person oder eine Gruppe über andere Menschen herrscht. Das ist ein sehr männlich geprägtes Bild. Das ist nicht das Verständnis von vielen Frauen, sie wollen nicht über alle anderen herrschen und scheuen sich deshalb oft, wirklich Macht zu übernehmen.

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Macht“ ist erstaunlicher Weise viel positiver: „Macht“ kommt eigentlich von „machen“. Macht bedeutet, dass eine Person für einen bestimmten Bereich verantwortlich „gemacht“ wurde, die Führung übernahm und zum Wohle aller handelte und „machte“. In der Geschichte hatten beide Geschlechter in verschiedenen Bereichen eine bestimmte Macht. Frauen wurden dann aber zum Großteil aus dem öffentlichen Leben verdrängt, ihr Machtbereich erstreckte sich schließlich nur noch auf ihre Familie – wenn überhaupt.

Lebten wir in einer Gesellschaft, in der Männer wie Frauen gleichermaßen Macht hätten (jede/jeder nach seinen Fähigkeiten), bedeutet Macht nicht Herrschaft, sondern Autonomie. Bei dieser Form von Macht geht es um einen verantwortlichen Umgang mit den eigenen Fähigkeiten. Das bedeutet vor allem, „seiner selbst mächtig“ zu sein, „Eigenmacht“ zu übernehmen und die eigene Stärke „zum Wohle aller“ einzusetzen. Macht, die wir aber in der Regel erleben, ist mit Herrschaft und Kontrolle verbunden: diese Art Macht entsteht aus dem Bewusstsein der Entfremdung heraus. Die Welt wird als aus isolierten, leblosen Teilen zusammengesetzt verstanden und rein analytisch betrachtet. Nicht das Wesen, sondern allein der äußere Wert zählt. Alles wird benutzt und kontrolliert, auch Gewalt und Krieg werden als legitime Mittel eingesetzt. Das ist Macht, wie sie meistens Männer verstehen. Das weibliche Verständnis ist ein anderes. Es geht nicht um Konkurrenz und Wettbewerb. Bei weiblicher Macht geht es um Kooperation und Unterstützung.

Durch diese Form von Macht wird unsere Gesellschaft nicht radikal verändert, sondern sie wird reicher – reicher an Werten, an Kommunikation und Selbstverantwortung. Wenn wir erkennen, dass alles Lebendige miteinander verbunden ist, wir keine voneinander getrennten Individuen sind, die gegeneinander ums Überleben kämpfen müssen, dann wird jegliche Arroganz und autoritäre Machtausübung überflüssig. Die Arbeitswelt würde menschlicher und lebendiger werden. So könnte aus Fremdbestimmung Eigenständigkeit, aus Konkurrenzdenken ein echtes Miteinander werden.

Der Wald: Brüderlichkeit statt Konkurrenz – Zum Wohle alle
Von Erwin Thoma (der Mann hinter „Holz100“) habe ich gelernt: „Der Wald funktioniert so gut, weil er so viel gibt.“ Nicht, weil er ständig nimmt, anderen was wegnimmt. Ein Baum weiß genau, was er in der Welt will bzw. soll, er hat zwei Aufgaben: Ersten will er, dass der Boden – seine Lebensgrundlage – erhalten bleibt, durch Humus, den er selbst erzeugt, und, dass das Wasser rein bleibt, das ihn nährt. Und zweitens will er seine Kinder wachsen sehen! Diese „Baumkinder“ treten zwar in der ersten Phase ihres Lebens auch in Konkurrenz zueinander, ja, sie liefern sich sogar einen harten Wettbewerb: um Platz und Licht. Doch sobald ein Baum seine eigene Existenz abgesichert hat („oben angekommen ist“), wird er „brüderlich“, dann gibt es unter den Bäumen keine Konkurrenz mehr. Den Wettbewerb gibt es nur solange, bis die eigene Existenz gesichert ist. In unserer Wirtschaftswelt ist es genau umgekehrt: Wenn Deine Existenz gesichert ist, muss Du weiter wachsen und Deine Konkurrenten ausschalten! Die Bäume dagegen werden „brüderlich“  – kooperativ – und wollen, dass es ihren Nachbarn gut geht! Bei diesem „Miteinander“ ist die Kommunikation untereinander  existenziell! Nur die, die gut kommunizieren, gewinnen den Wettbewerb!

Bäume kommunizieren über Duftstoffe, die sie ausströmen und noch mehr über ein stark verzweigtes Netz aus Pilzen, die im Boden die Bäume miteinander verbinden, das sogenannte „Wood Wide Web“. Vor allem in kritischen Zeiten brauchen die Bäume ein gutes Krisenmanagement: Nehmen wir an, es gibt eine lange Trockenperiode, wie in diesem Sommer. Kollektiv beginnt der ganze Wald Spaltöffnungen zu schließen und sein Wachstum einzustellen. Wenn wieder Wasser da ist, startet auch wieder der Wettbewerb.

„Ein Baum ist keine Konstruktion, sondern ein immerwährender Schöpfungsakt, der immer, in jedem Moment, mit der Umgebung interagiert.“
Erwin Thoma

Immer mit dem Ziel, die Umgebung, die Verhältnisse, besser zu machen. Zum Wohle aller. Nicht statisch, sondern dynamisch, kreativ, schöpferisch. Denn ein Baum reagiert nicht nur auf seine Umwelt, er schafft – schöpft – sich auch aktiv seine Umwelt, indem er CO² in Sauerstoff verwandelt. Dieser immerwährende Schöpfungsakt ist getragen von der Idee, dass es für alle gut ist!

„Ein Baum schöpft sich selbst, denkt sich jeden Tag, jeden Moment neu und schafft nur,
was für alle gut ist!

Erwin Thoma

Der Baum „arbeitet“ also zum Wohle aller, auch zum Wohle von uns Menschen: Er wandelt CO² in Sauerstoff um. Ohne Bäume kein Leben. Es wäre bescheuert, wenn der Baum versuchen würde, seine Mit-Bäume auszuschalten oder sie klein zu halten. Der Baum braucht den Wald, die Gemeinschaft. Bäume versorgen sich über die Mikroorganismen im Boden sogar gegenseitig mit Nährstoffen. Ein absterbender Baum kann noch jahrelang von seinen Geschwister-Bäumen mit-versorgt werden. Da gibt es keine Konkurrenz.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Inkas (oder waren es die Mayas…) sich bei – wie in allen Kulturen – bei sportlichen Wettkämpfen aneinander gemessen haben („Möge der Bessere gewinnen!“), aber der Sieger hat nach dem Wettkampf immer allen anderen berichtet, wie er es geschafft hat, der Beste zu sein. Damit alle davon profitieren konnten. Ohne Wettkampf keine Weiterentwicklung. Um besser zu werden – egal in welchem Bereich – ist Wettbewerb grundsätzlich nicht schlecht. Wichtig ist nur, dass man weiß, wofür. Nicht: Für den Einzelnen, sondern: Zum Wohle aller.

Und so verstehe ich ehrlich gesagt auch Führung: Nicht für mein Ego, sondern zum Wohle aller – der Firma, der Mitarbeiter*innen, der Gesellschaft… In meiner Coaching-Ausbildung habe ich den Unterschied zwischen Führung und Management gelernt. „Managen“ heißt, den IST-Zustand zu verwalten, zu optimieren, zu verbessern. Das hat aber nichts mit Führung zu tun. Die Frage lautet hier: Machen wir die Dinge richtig? „Führen“ heißt dazu im Gegensatz, die ZUKUNFT zu sichern, Dinge immer wieder in Frage zu stellen: Machen wir überhaupt die richtigen Dinge? Warum machen wir das eigentlich so? Für dieses Hinterfragen, dieses In-Frage-Stellen ist aber in heutigen Führungsetagen keine Zeit, oder besser: wird sich die Zeit nicht genommen. „Führen“ heißt vertrauen, „managen“ heißt kontrollieren.

Abtprimas Notker Wolf und Schwester Enrica Rosanna schreiben in „Die Kunst, Menschen zu führen: „Wo immer es um Menschen geht, muss Management zu Führung werden. Menschen kann man nicht managen. (…) Jeder kann sein Charisma missbrauchen, jeder kann seine Autorität gegen Mitarbeiter oder Schüler richten, deshalb muss jeder klare Vorstellungen von seiner Verantwortung haben und sehr genau wissen, welche Ziele er als Führender verfolgen sollte. Es kann also nicht schaden, Menschen mit Führungsqualitäten die Augen dafür zu öffnen, worauf es ankommt… “

„Demgemäß begnügen sich die Meister damit,
als Vorbilder zu dienen,
ohne ihren Willen aufzuzwingen.
Sie sind unmissverständlich, ohne zu verletzen,
freimütig, ohne zu drängen,
strahlend, ohne zu blenden.“

Laotse

Im Idealfall bringt das einen Menschen hervor, der den Balanceakt zwischen Unaufdringlichkeit und energischem Auftreten schafft, der weiß, was er will, und trotzdem keinen bevormundet, der sich seiner Verantwortung bewusst ist und seinen Mitarbeiter*innen trotzdem zu verstehen gibt: Nicht ICH stehe im Mittelpunkt, sondern IHR. Eine „gute“ Führungskraft muss nicht immer der Boss sein und handelt zum Wohle aller. Als Chef darf man kein Alleingänger sein. Man muss seine Mitarbeiter*innen einbeziehen, indem man sie erstens über alle wichtigen Vorgänge und Entwicklungen auf dem Laufenden hält, indem man sie zweitens an allen Entscheidungen beteiligt, und indem man drittens seine Verantwortung mit ihnen teil: „Wer kann, der darf“. Wie bei den Wölfen. Macht teilen, Verantwortung übertragen, alle einbeziehen, Informationen von sich aus weitergeben, das ist das Erfolgsrezept. Anstoßen, fördern, Freiheiten lassen, Mitarbeiter*innen inspirieren, sie Ideen ent-falten lassen, diese dann aufgreifen, Möglichkeiten erkennen, Folgen abschätzen und dann handeln…

Das wichtigste ist für mich, dass eine Führungskraft über den Tellerrand schauen kann, dass sie sich nicht damit zufrieden gibt, was „gut“ läuft, reibungslos funktioniert, sondern dass sie Entwicklungen vorhersieht, zukunftsträchtige Einfälle aufgreift und neue Möglichkeiten erkennt: Visionen entwickelt. Eine wirklich fähige Führungskraft schafft es, seine Mitarbeiter*innen zu inspirieren, Visionen zu entwickeln. Es ist so bereichernd, Menschen mit Visionen zu erleben! Vor allem, wenn diese geteilt werden. Denn nur dann können Visionen auch wirklich Veränderungen bewirken. Zum Wohle aller.

In dem Buch „Traumreisende“ beschreibt Marlo Morgan ganz schön, wie „Führung“ in früheren Zeiten bei den Aborigines verstanden wurde: Wir haben jemanden, der der unser Anführer ist, aber wir wissen auch, dass jeder die Fähigkeit zu führen besitzt und führen dürfen sollte, wenn wir uns diese Erfahrung wünschen. Wir besitzen auch die Fähigkeit zu folgen. Eines ist nicht besser als das andere. Es gibt eine Zeit und einen Platz für beides“. Da bin ich wieder bei den Wölfen. Die Leitwölfe sind in der Lage, die Führung auch abzugeben an andere Wölfe, die sich ausprobieren wollen im „An-Führen“. Wie schön wäre es, wenn es auch in der real existierenden Berufswelt mehr Zeit und Raum gäbe, dass sich diejenigen ausprobieren können, die sich dies wünschen… Vielleicht traue ich mich dann doch auch endlich, meinen Platz als „Führungskraft“ in dieser Welt einzunehmen, frei nach dem Motto:

„Wenn der Meister regiert, ist sich das Volk kaum bewusst, dass es ihn gibt.
Der Zweitbeste ist ein Führer, den man liebt.
Der Nächste einer, vor dem man Angst hat.
Der Schlechteste ist einer, den man verachtet.
Der Meister redet nicht, er handelt.
Wenn sein Werk getan ist, sagt das Volk:
„Unglaublich: Wir haben es ganz allein vollbracht.“

Laotse

Bücher

Die Kunst, Menschen zu führen – Abtprimas Notker Wolf / Schwester Enrica Rosanna
Die Weisheit der Wölfe – Elli H. Radinger
Die geheime Sprache der Bäume – Erwin Thoma
Traumreisende – Marlo Morgan