Der Baum, das unbekannte Wesen

Kaum ein Wesen auf dieser Welt lässt sich schwerer erfassen, als der Baum. Jahrhundertelang verwurzelt am selben Ort, so langsam wachsend, dass man die Veränderungen kaum sieht. Man könnte meinen, dass dies ein ziemlich langweiliges Dasein ist… Aber ich glaube, Bäume haben einfach auch ein anderes Zeitbewusstsein. Wahrscheinlich ist die Zeitspanne, die für uns ein Tag ist, für einen Baum nur ein Wimpernschlag. Er beobachtet, was geschieht und erfüllt seine Aufgabe, zum Wohle aller: Er produziert Sauerstoff und erhält uns am Leben. Ohne Bäume kein Leben auf dieser Erde.

Und was machen wir? Wir tun alles, um den Bäumen das Leben schwer zu machen. Der menschengemachte Klimawandel setzt den Bäumen mehr zu, als wir denken. Gerade habe ich gelesen, dass nur noch 6% der Bäume des Frankfurter Stadtwaldes gesund sind. Viel hat dieser wahnsinnig trockene Sommer dazu beigetragen. Nur, sehen tun wir das nicht auf den ersten Blick. Und wir machen einfach weiter. Und zerstören kontinuierlich die Lebensgrundlage der Bäume. Und damit unsere. Es ist wie bei einer Krebszelle, die den Körper – ihren „Wirt“ – zerstört und nicht erkennt, dass sie sich dadurch selbst das Leben nimmt.

Dabei sind Bäume intelligente Lebewesen. Sie haben ihre eigenen Probleme und ihre eigenen Fähigkeiten, mit diesen Problemen umzugehen: Sie kommunizieren und lösen die Probleme miteinander.

Bäume müssen ein Gedächtnis haben. Hätten sie es nicht, könnten sie auch keine Probleme lösen. Sie müssen außerdem vorausschauend sein und ein Gefühl dafür haben,
was auf sie irgendwann zukommt.“

Frantisek Baluska, Zellbiologe und Pflanzenforscher

Sicher ist, dass Pflanzen und Bäume die wichtigsten Umweltdaten kontinuierlich wahrnehmen, diese Informationen abspeichern und sich mit ihrer Hilfe auf Veränderungen einstellen können. So können sie z.B. gut mit starken Temperaturschwankungen oder Trockenperioden umgehen:

„Pflanzen nehmen mindestens 20 und vermutlich auch noch mehr Parameter aus der Umwelt auf. Sie bringen diese Werte irgendwie auch zusammen. Auf dieser Grundlage treffen sie dann Entscheidungen. Da die Parameter sich ständig ändern, müssen aber auch die Entscheidungen immer wieder neu getroffen werden.“
Frantisek Baluska, Zellbiologe und Pflanzenforscher

Nicht anders also, als bei uns Menschen. Und genau wie wir Menschen können Bäume Informationen miteinander austauschen. Bäume kommunizieren über Duftbotschaften und über Pilze, die wie eine Art Glasfasernetz den ganzen Boden durchziehen. Über ihr Feinwurzelsystem können Bäume und Pflanzen zu diesen Mykorrhiza genannten Pilzen Kontakt aufnehmen. Verschiedene Bäume werden durch sie in ein Netzwerk zusammengebunden. So können Informationen über eine Art „Wood Wide Web“ von Baum zu Baum weitergeleitet werden. Mykorrhiza sind spezielle Bodenpilze, die völlig auf andere Pflanzen angewiesen sind, das heißt, ohne Pflanzen können sie nicht existieren. Sie bekommen die Zuckerlösung aus der Fotosynthese der Bäume und anderer Pflanzen. Die Pflanzen erhalten dafür Mineralien und Wasser. Mykorrhiza-Pilze sind auf höher wachsende Pflanze und Bäume angewiesen. Aus dem Bio-Leistungskurs erinnere ich mich: Das nennt man Symbiose.

Das ist besonders für die „Baum-Kinder“ wichtig: Wenn junge Bäume in einem ganz dichten Wald stehen, bekommen sie kein Licht und würden normalerweise absterben. Sind sie aber mit den großen Bäumen verbunden – durch das Netz aus Pilzen im Boden -, bekommen sie Zucker über die Mykorrhiza und können weiterwachsen.

Seitdem ich das alles weiß, gehe ich mit offeneren Augen durch den Wald und begegne Bäumen ganz anders. Ich begegne ihnen überhaupt. Früher waren es halt einfach Bäume. Die standen da so rum. Heute sehe ich Lebewesen in ihnen, die Schmerz fühlen – und vielleicht auch Freude? Kann ein Baum sich freuen? Spannende Frage… Immer mehr erkenne ich auch die charakteristischen Unterschiede der Baum-Persönlichkeiten und wie Bäume uns als Spiegel helfen können, uns selbst besser kennenzulernen. Irgendwann bin ich mal in einer Buchhandlung über den keltischen Baumkreis gestolpert –  eine Art Baumhoroskop. Die Kelten waren sehr naturverbunden und Bäume hatten für sie eine besondere Bedeutung. Jedem Baum wurde eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben. Dies ist für alle charakteristisch, die in einem bestimmten Zeitabschnitt geboren wurden. Ich z.B. bin im Zeichen der Ulme geboren. Damals habe ich das nicht weiter hinterfragt. Ich war auch irgendwie etwas enttäuscht. Die Ulme. Zu der hatte ich nun so gar keinen Bezug, mit der konnte ich überhaupt nix anfangen. Es gibt ja auch nicht mehr so viele, denn sie wird seit Jahrzehnten durch das „Holländische Ulmensterben“ peu á peu dahingerafft.

Doch gestern habe ich mich wieder an sie erinnert, als ich in dem Buch „Der Geist der Bäume“ geblättert habe. Hier beschreibt Fred Hageneder ganz wunderbar und begeisternd, welche Bedeutung den Bäumen nicht nur für das globale Klima, sondern auch für das Wohlergehen jedes Einzelnen zukommt. Für mich ist also – laut keltischem Baumkreis – die Ulme ein bedeutender Baum:

„Menschen im Zeichen der Ulme haben ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Sie sind Gerechtigkeits-Fanatiker und wollen allen Menschen auf der Welt helfen. Das Problem aber dabei ist, dass sie oft ihre eigenen Bedürfnisse vergessen und ans Ende ihrer Kräfte gehen. Dies führt oftmals dazu, dass sie es bis zur Selbstaufgabe durchführen“, lese ich im Internet. Ich bin jetzt keine Mutter Theresa, aber es stimmt schon, mein größter Antrieb im Leben ist, die Welt „besser“ zu machen, „schöner“… „Ihre Stärken sind Lebensbejahung und ganz viel Lebensfreude. Sie leben immer den Augenblick. Ulmen-Geborene sind sehr zugängliche Menschen und der Umgang mit ihnen ist sehr angenehm.“ Na, auch dem würde ich uneingeschränkt zustimmen. Ich empfinde mich im Umgang mit mir selbst auch als sehr umgänglich…;o)

Und wofür steht die Ulme noch? Was kann ich von ihr über mich lernen? In dem Buch „Der Geist der Bäume“ erfahre ich mehr: Die Ulme scheint sehr erfinderisch zu sein, um ihre Art zu erhalten. Die Feldulme pflanzt sich in den nördlichen Teilen Mitteleuropas nicht mehr durch Saat fort, sondern durch „Wurzelbrut“. Sie hat die „Sexualität als Mittel der Fortpflanzung weitgehend aufgegeben“ (!) und kann so Standorte besiedeln, an denen der dichte Bodenbewuchs keine Baumsämlinge mehr wachsen lassen würde. Ganz schön schlau, diese Ulme…

Tragischer Weise ist die Ulme – trotz dieser gewitzten neuen Fortpflanzungsmethode – zurzeit eher dem Niedergang geweiht: durch die Holländische Ulmenkrankheit, ausgelöst durch Pilze und übertragen vom Ulmensplintkäfer. Der Befall wird sichtbar durch das Welken ganzer Äste. Ein Baum, der im Frühjahr befallen wird, kann noch im selben Jahr sterben… Obwohl ich die Ulme bisher ja gar nicht richtig kannte, macht mich das traurig. Und ich frage mich: Was sagt mir das jetzt, wenn Bäume Spiegel sind für uns Menschen? Wenn ich weiterlese, erscheint die Ulme mir als „Vermittlerin“. Sie vereint z.B. physisch die Eigenschaften von Weichholz- (wie z.B. bei der Pappel) und Hartholzarten (wie bei der Buche): „Vegetatives Wuchern mit qualitativem Aufbau, Flexibilität mit Beständigkeit.“ Ja, und auch darin finde ich mich wieder: Flexibilität und Beständigkeit. Ich bin flexibel, immer offen für Neues, und doch gibt es in mir etwas, das Bestand hat, für das ich stehe. Ich bin fest verwurzelt in meinen Werten und kann doch immer wieder flexibel reagieren, je nachdem, wie die Rahmenbedingungen  gerade sind, ohne mich selbst zu verraten.

Die Wirkstoffe der Ulmenrinde heilen die Haut, als Mittlerin – Medium – zwischen Innen und Außen, wirken zusammenziehend, wundheilend. Und, das finde ich vor allem spannend, da ich mich ja gerade sehr intensiv mit dem Thema Sterbe- und Trauerbegleitung befasse, geistig vermittelt die Ulme zwischen den Lebenden und den Toten (Ulmenholz wurde früher traditionell für Särge verwendet…). Sie wird – wie die Pappel und die Espe – von Merkur regiert, dem Archetyp der Kommunikation und des Austausches. Hier geht es nicht nur um Austausch unter seinesgleichen (Menschen) – vor allem nicht um den sinnentleerten Informationsversand via Computer -, sondern um wahre und aufrichtige Kommunikation über Grenzen hinaus. Und das ist es, was die Ulme tut, sie kommuniziert mit uns Menschen – über ihre eigenen Grenzen hinaus -, auch – oder vor allem – durch das massenhafte Ulmensterben.

„Wenn wir bereit sind, anzuerkennen, dass alles in der materiellen Welt Vorgänge in der Seele spiegelt, können wir sehen, dass der physische Niedergang der Ulme in diesem Jahrhundert parallel verläuft mit dem Niedergang der Bereitschaft, andere Lebensformen zu achten und mit ihnen zu kommunizieren.“
Fred Hageneder

Wie in der Medizin mag es helfen, „Medikamente“ (Antipilzmittel oder manipulierte Gene) zu spritzen und damit einige Symptome der Holländischen Ulmenkrankheit zu kurieren. Aber wir kurieren damit nicht die Ursachen:

„Ulmen sterben, weil Tausende von anderen Arten durch die Handlungen des Menschen ausgerottet werden. Ulmen sterben, weil es ihre Aufgabe ist, die Reiche näher zusammenzuführen, aber kein Mensch mehr kommt, um zuzuhören und unter ihren Ästen anderen Wesen zu begegnen. Vielleicht ist der wachsende Mangel jeglicher grundlegender Achtung vor anderen Lebensformen die unbekannte Herkunft des Ulmenkrankheitserregers, die Herkunft, die die Wissenschaftler (…) nicht zu erkennen imstande sind. (…) Der einzige radikal neue Ansatz, der mir dazu einfällt, ist, aufzuhören, einen Pilz und einen Käfer ob ihres Verhaltens zu beschuldigen, und stattdessen unser eigenes Tun in Frage zu stellen.“
Fred Hageneder

Wir können also alle gemeinsam die Lage der Ulmen  verbessern (und damit auch unsere eigene…), indem wir akzeptieren, dass wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen auf dieser Erde sind, die Respekt und Liebe verdienen. Indem wir erkennen, dass wir mit allem und jedem verbunden sind, mit jedem Hund, jeder Katze, jedem Käfer, jedem Pilz, jedem Baum und jedem Menschen. Indem wir anderen Lebewesen – egal ob Mensch oder Tier oder Pflanze – wieder mehr zuhören und ihnen wohlwollend und mit offenem Herzen begegnen. Indem wir mit-fühlen und uns in sie hinein versetzen, in ihr Leid und ihre Not.

Wirkliche Begegnung ist nur möglich, wenn alle Beteiligten unvoreingenommen und respektvoll sind. Nur so entsteht ein Raum für Verständnis, Mitgefühl und Versöhnung. Dafür steht die Ulme, und ja, wenn ich in den Spiegel schaue, dann stehe dafür auch ich… Die (Um)Welt ist ein Spiegel: wie Innen so Außen. Die Botschaft der Ulme ist es, nach außen zu gehen: „Du kannst allen Wesen als Teil Deiner Selbst begegnen.“ Und ich nehme die Botschaft der Ulme an mich an: Es ist auch meine Aufgabe, nach Außen zu gehen und der Welt zu zeigen, was nicht gut läuft… Und gleichzeitig zu zeigen, was denn helfen könnte. Das tue ich mehr und mehr, auch mit diesem Blog: Ohne Ulmen leben wir in einer Welt, die von Hochmut und Selbstsucht, Umweltvernichtung und Gier, Feindbildern und Krieg beherrscht wird. Und von schrecklicher Vereinsamung. Mir war das Leid der Ulme bisher nicht bewusst, aber ich will in Zukunft achtsamer sein mit ihr. Wenn sie mir denn begegnet, so ausgestorben, wie sie mittlerweile ist…

Ohne Tiere werdet Ihr an Einsamkeit sterben,
Ohne Ahnen ohne Wurzeln,
Ohne uns ohne Zukunft.
Wachet auf und lauscht!
Wachet auf und sprecht!
Das Sterbende zieht sich in sich selbst zurück,
Das Lebendige tauscht sich aus.

Und wenn Du eine Ulme im Garten stehen hast, noch ein ganz praktischer Tipp: Pflanze Holunderbüsche in ihre Nähe. Sie strömen Duftstoffe aus, die viele Insekten widerlich finden und halten so den Ulmensplintkäfer auf Abstand. Und für alle Ulmen (und uns alle) in dieser Welt: Sei unvoreingenommen und respektvoll allem und jedem gegenüber, verständnisvoll und mitfühlend. Begegne anderen Lebensformen mit offenem Herzen, und höre ihnen zu – egal welche Sprache sie auch sprechen…

Ulme
Schatzhaus unter Regenbogens farbigem Band
Du teilst alles, für aller Wesen Erblühen
Strahlende Brücken zum Leuchtenden Land
Du lädst alle ein, die freundlich sich bemühen
Wir sind für den Austausch geschaffen mit den anderen Reichen
Wenn wir aufhören, nur zu nehmen, und auch wieder geben
Lebensräume nicht zerstören, und selbst auch mal weichen
Wirst Du wieder alt werden, wirst bleiben – und leben!

Fred Hageneder

 

Bücher
Der Geist der Bäume – Fred Hageneder
Der Baum – Eine Lebensgeschichte – David Suzuki, Wayne Grady

CDs
The Spirit of Trees – Fred Hageneder

Links
www.baumhoroskop.ch