Meditatives Putzen: Und plötzlich geht es ganz leicht!

Wie in jedem Jahr beginnt für mich mit der Wintersonnenwende am 21. Dezember eine besondere Zeit, die Zeit der Raunächte. Eine „Zwischenzeit“, die Zeit „zwischen den Jahren“, eine Zeit „außerhalb der Zeit“. Für mich ist dies ein wichtiger Zeitpunkt im Jahr, um zur Ruhe zu kommen, das Jahr zu reflektieren, das, was noch „hängt“ und was ich nicht mit ins neue Jahr nehmen will, loszulassen. Es ist auch eine Zeit, um mich auf das Kommende, auf das Neue, einzustimmen und eine Vision zu entwickeln: Was möchte ich im kommenden Jahr erreichen? Was sind meine Ziele? Und was brauche ich dafür?

Schon unsere Vorfahren haben diese 12 Tage am Jahresende dafür genutzt, um aufzuräumen, sauber zu machen, Altes auszumisten, um Platz für das Neue zu schaffen. Warum 12 Tage (oder besser Nächte)? Ursprünglich orientierten sich unsere Vorfahren am Mond und nicht – wie wir – an den Sonnentagen. Ein Mondmonat ist kürzer als ein Sonnenmonat: er dauert nur 29,5 Tage. Damit ergab sich nach Einführung des Sonnenkalenders eine Differenz von 12 Nächten (die 12 Raunächte) und 11 Tagen: Ein Mondjahr dauerte 354, ein Sonnenjahr dagegen 365 Tage. Die Ausrichtung auf die Nacht (Raunacht) kommt daher, dass früher ein neuer Tag immer mit dem Sonnenuntergang (also mit der Nacht) begonnen hat. Die Zeit der Raunächte ist unterschiedlich definiert. Für die Kelten begannen die Raunächte bereits in der Nacht der Wintersonnenwende (am 21.Dezember), in der die Wiederkehr des Lichtes gefeiert wurde. Durch die Kirche wurde dies auf den 24. Dezember verschoben, die Geburt Jesu als Symbol für das Licht. Für viele beginnen also die Raunächte mit der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember und enden mit der Nacht vom 4. auf den 5. Januar. Festgeschriebene Regeln gibt es hierfür nicht, jede*r so, wie sie*er es mag. Ich habe mich entschieden die Raunächte mit der Nacht der Wintersonnenwende zu beginnen, sie enden für mich dann mit dem 1. Januar. Das hat sich für mich als praktikabler herausgestellt, da in meinem Leben mit dem neuen Jahr auch die Betriebsamkeit wieder beginnt und ich in der Zeit vor und um Weihnachten deutlich mehr Ruhe habe.

Ein wichtiger Teil der Vorbereitung auf die Raunächte ist für mich, aufzuräumen und zu putzen. Da ich in diesem Jahr sehr früh für ein Wintersonnenwend-Ritual in den Norden fahren werde, habe ich das vergangene Wochenende genutzt und habe geputzt. Dabei ist mir wieder einmal aufgefallen, wie meditativ und beruhigend Putzen sein kann. Früher fand ich Putzen doof und langweilig. Was kann man alles in dieser Zeit machen, wenn man nicht putzen müsste… Wie gern hätte ich diese unliebsame Tätigkeit an jemand anderen abgegeben… Heute sehe und empfinde ich das anders. Ich kann mir nicht vorstellen, jemand anderen (wenn auch für „gutes“ Geld) meinen Dreck weg machen zu lassen. Ich habe schon ein Problem im Hotel, dass dort „unsichtbare Arbeitsbienen“ mein Bett machen und hinter mir herräumen und putzen. Ich habe für mich selbst einfach ein besseres Gefühl, wenn ich meinen Dreck selbst wegmache. Denn dadurch wird mir auch immer wieder bewusst, wieviel Dreck ich eigentlich so produziere. Ich bin dadurch ein Stück mehr in Verbindung mit mir selbst und bin achtsamer. Für mich ist Putzen und Aufräumen Meditation. Warum die Hausarbeit an jemand anderen delegieren, um dann in der „gewonnen“ Zeit zu meditieren, wenn ich das schon bei der Hausarbeit selbst tun kann? DAS ist doch mal wirklich effektiv!

Bewusst geworden ist mir das, als ich vor 3 Jahren einen Einführungskurs in die Kontemplation am Benediktushof in Holzkirchen besucht habe. Zur Teilnahme an den Kursen dort gehört pro Tag eine Stunde Mitarbeit in Küche, Haus oder Werkstatt. Sie ist ein fester Bestandteil der Übung der Achtsamkeit. Bei dieser praktischen Tätigkeit habe ich gelernt, die Konzentration des „Sitzens in Stille“ ganz praktisch im Alltag als „absichtsloses Tun“ fortzuführen. Im Benediktushof wird diese Form von Arbeit auf dem eigenen Übungsweg als etwas sehr Wertvolles angesehen. In ihr können wir Achtsamkeit und Bewusstheit wunderbar üben. Seit dieser Erfahrung hat sich meine Einstellung zum Putzen grundlegend verändert.

Lieber Freund,
Dein Herz ist ein polierter Spiegel.
Du musst ihn von den staubigen Schleiern sauber wischen,
die sich auf ihm angesammelt haben,
denn sein Schicksal ist es,
das Licht göttlicher Geheimnisse widerzuspiegeln.

Al-Ghazzali

Putzen kann eine meditative Angelegenheit sein, bei der mein Haus und gleichzeitig meine Seele sauber werden. Wenn man so will reinigt Meditation mein Bewusstsein, mein Herz, von Konditionierungen und Vorstellungen, die die Sichtweise verstauben. Der ständige Gedankenstrom ist wie Schmutz, der sich auf das legt, was wirklich ist. In vielen Traditionen wird Bewusstsein mit einem Spiegel verglichen, der durch Staub verunreinigt wurde und durch Meditation wieder sauber gemacht wird. Meditation an sich ist eine ständige Reinigung. Stille reinigt das Bewusstsein: Wir quasseln den ganzen Tag so viel Unnötiges, Unbedachtes und  Negatives vor uns hin, und wir belasten damit unsere Seele, ohne es zu bemerken. Meditation, Schweigen, ist Reinigung für die Seele. Meditation bedeutet also, den inneren Spiegel sauber zu machen, zu putzen. Wenn ich meditiere, bin ich also die „Putzfrau meiner Seele“…

Es gibt einen Film von Doris Dörrie, „Erleuchtung garantiert“, bei dem die beiden Helden in einem Zen-Kloster den Boden wischen müssen. Als der eine es endlich kann, begreift er, warum Putzen Teil der Kloster-Routine ist: Er wische nicht nur den Boden, triumphiert er, er wische auch seine Sorgen weg, jeden Tag ein paar mehr! Man, da gibt man so viel Geld für Selbstfindungs-Seminare aus (und vielleicht auch für eine Putzfrau, weil man kann ja nicht selbst putzen, man ist ja im Schweige-Kloster…), dabei könnte man es so viel billiger und einfacher haben, indem man einfach zu Hause bleibt und bewusst und achtsam putzt…

„Als wir „Erleuchtung garantiert“ in einem Kloster in Japan gedreht haben,
hat mich der Abt ausgelacht, weil er gesehen hat, dass ich wie eine Fliege gestrampelt habe
gegen dieses starre Netz von Ritualen.

Du verstehst es halt nicht, hat er gesagt, du sollst nicht putzen, um zu putzen,
sondern du putzt dich selbst.“

Doris Dörrie

Und auch ich hatte am vergangenen Wochenende das Gefühl, dass ich nicht nur die ganze Wohnung von all ihren „Alt-Lasten“ befreit habe – sondern auch mich, meine Seele und meinen Geist gleich dazu. Auch Keisuke Matsumoto zeigt beispielsweise in seinem Buch „Die achtsame Kunst des Putzens“, wie wichtig Putzen ist. Sieben Jahre verbrachte er als Mönch in einem Zen-Kloster in Tokio und jeden Tag begann er damit, den Tempelbereich zu fegen. Nicht, weil es dort dreckig war, sondern um „die Wolken des Geistes zu entfernen.“ In Achtsamkeit, Ruhe und Gelassenheit. Das erinnert mich an die Geschichte vom alten Straßenkehrer Beppo aus Michael Endes „Momo“:

Der alte Straßenkehrer Beppo verrät seiner Freundin Momo sein Geheimnis. Das ist so: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?

Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“

Es tut mir gut, mir Zeit zu lassen beim Putzen anstatt zu „huddeln“. Ich denke immer nur an den nächsten Schritt, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und auf einmal bin ich fertig, mit dem Putzen, denn plötzlich ging es ganz leicht…

Tipps für die erfolgreiche meditative Hausarbeit:
Fange klein an ! Es geht hier nur um eine Übung, nicht darum, von Anfang an seinen gesamten Haushalt meditativ zu führen. Überfordere Dich nicht. Tobe Dich zuerst nur an dem Bestandteil eines Raumes aus, an einem Schreibtisch, an einem Regal, einer Fensterbank.

Denke daran, es gibt hier nichts zu erreichen. Es geht vor allem darum, völlig präsent zu sein und meditativ zu handeln. Wenn danach ein sauberer Raum oder gar eine höhere Wohnqualität steht, dann ist das nichts, was Du erreicht hast, sondern etwas, das einfach geschehen ist, während Du Dich in Meditation geübt hast.

Gib Dich Deiner Tätigkeit völlig hin. Versuche in jeder Bewegung ganz präsent zu sein, betrachte sie als Entfaltung Deines Selbst, lass Deine Liebe in jeden Handgriff fließen.

Wenn Du merkst, daß Deine Gedanken abschweifen, halte kurz inne, benenne Deinen Gedanken, sieh ihm zu, wie er davonzieht, wie ein Blatt auf einem Bach und widme Dich dann wieder Deiner Arbeit.

Es geht nicht darum, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen oder sie zu verdrängen. Stelle Dir vor, Du stehst ganz ruhig in einem Pool mit spiegelglatter Oberfläche und das Wasser reicht Dir bis an die Schultern. Ab und zu fällt sanft ein Blatt (ein Gedanke) aufs Wasser. Wenn Du Dich nun bewegst, um die Blätter aufzusammeln, schaffst Du viel mehr Unruhe im Wasser, als die Blätter selbst. Sieh ihnen also nur beim Fallen zu, aber versuch nicht sie loszuwerden. Mit der Zeit werden sie von ganz alleine an den Rand getrieben.
Entspannter putzen – Wie Hausarbeit zum meditativen Erlebnis wird
www.mymonk.de

 

Bücher:
Achtsam durch die Raunächte – Inspirierende Impulse zum Jahreswechsel – Maren Schneider
Die Kunst des achtsamen Putzens: Wie wir Haus und Seele reinigen – Keisuke Matsumoto

Film:
Erleuchtung garantiert – Doris Dörrie (Wikipedia)

Links:
Benediktushof: Zentrum für Meditation und Achtsamkeit  – Holzkirchen