Die Vorbereitungen laufen: 4 Tage im Wald…

Vor ein paar Tagen bekam ich die ersten Informationen zur Vorbereitung auf meine WaldZeit im Juni. Auch wenn es noch ein paar Monate dauert, meine Aufregung wird größer… Der Prozess ist schon jetzt in vollem Gange! Vorfreude, Neugierde, Aufregung, Befürchtungen, Ängste – alles ist da, schon jetzt. Vorbereitung ist wichtig, wie bei jeder Expedition. Auch wenn ich nicht den Mount Everest besteigen will. Es ist vielmehr mein eigener – innerer – Mount Everest…

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mit den eigenen Ängste eigentlich ist wie mit Herrn Tur Tur in der Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer, dem Scheinriesen, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Und auch die Angst wird immer kleiner, je näher man ihr kommt, je mehr man sich ihr stellt. Mit der Zeit im Wald möchte ich Altes und Gewohntes, was überkommen ist, gebührend verabschieden, loslassen, damit wieder Raum da ist für Neues. Das Neue zeigt sich schon am Horizont, doch ich kann ihn noch nicht sehen, den Weg – meinen Weg. Momentan liegt er noch im Nebel. Aber das heißt auch, dass er schon jetzt da ist! Ich muss mich nur trauen, immer weiter zu gehen. Einen Schritt nach dem anderen, immer weiter hinein in den Nebel. Im Vertrauen, dass der Nebel sich schon lichten wird, wenn es an der Zeit ist, und dass das, was geschehen soll, was ohnehin schon da ist, geschieht.

Zurzeit arbeite ich mich weiter an dem Thema „Wo soll denn nun mein Häuschen stehen?“ ab und finde einfach keine Antwort darauf. Wo würde ich leben wollen, wenn ich alle Möglichkeiten der Welt hätte? Wenn ich 3 Millionen Euro im Lotto gewinnen würde? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht… Ich bin immer wieder hin und her gerissen: Will ich in Frankfurt bleiben? Will ich wieder zurück in meine alte Heimat im Norden? Will ich einen ganz neuen Ort entdecken? Das Problem ist, ich WILL zu sehr… ich WILL endlich Klarheit. Ich WILL endlich wissen, wo mein Platz sein soll. Ich WILL endlich wissen, wohin ich gehöre und – vor allem – ZU WEM… WER sind die Menschen, mit denen ich mein Leben teilen will? Je stärker der Wunsch nach einer eindeutigen Antwort, desto mehr wird mir bewusst, dass ich mich damit immer stärker selbst behindere, der Nebel um mich herum immer dichter wird. Darum die WaldZeit. In der Wildnis. 4 Tage.

„Die zivilisatorische Schicht, die uns von der Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage.“
Robert Greenway, Psychologe und Wildnisforscher

Wenn wir länger alleine draußen in der Natur sind, träumen wir anders, denken wir anders, nehmen wir anders wahr. Ich erinnere mich an meine Wanderung auf den Spuren meiner Familie vor ein paar Jahren. Ich habe nicht draußen geschlafen, sondern in mehr oder weniger bequemen Hotelzimmern oder Schäferwagen, aber auf diesem Weg von Polen nach Berlin hat die Natur etwas mit mir gemacht. Als ich in Berlin ankam war das laute und hektische Großstadttreiben eine einzige große Überforderung für mich. Meine Seele hat sich auf diesen 150 Kilometern in 6 Tagen so auf diesen, meinen ganz eigenen Rhythmus des Gehens eingestellt, dass selbst Busfahren mir wie Lichtgeschwindigkeit vorkam. Alles andere als Zu-Fuß-Gehen erschien mir als absolut unnatürlich und am liebsten wäre ich auch den Weg von Berlin nach Frankfurt zu Fuß gegangen. So schnell kann es gehen, dass die Seele sich umstellt, meine bisherige Welt mir plötzlich viel zu schnell und nicht mehr „natürlich“ erscheint. Der Anthropologe Hans-Peter Duerr schreibt dazu: „Die archaischen Menschen (hatten) noch die Einsicht, dass man seine Welt verlassen musste, um sie erkennen zu können, dass man nur ‚zahm‘ werden konnte, wenn man zuvor ‚wild‘ gewesen war oder dass man nur dann in der Lage war, im vollen Sinn des Wortes zu leben, wenn man die Bereitschaft gezeigt hatte, zu sterben. Um also innerhalb der Ordnung leben zu können, musste man in der Wildnis verweilt haben, man konnte nur wissen, was drinnen bedeutete, wenn man draußen gewesen war.“

Ich sehne mich nach einer Rückverbindung mit der Natur, einer Rückverbindung mit den ewigen, immer wiederkehrenden Rhythmen der Tageszeiten, der Jahreszeiten, um wieder zurückzufinden zu meinen eigenen inneren Rhythmen, meiner eigenen inneren Natur. Die Natur im Außen ist dabei der Spiegel. Was will in mir und durch mich werden? Besonders spannend dabei finde ich das Anknüpfen an unsere europäische Überlieferung, an die Symbolbilder in unseren Märchen, in denen der Wald in den meisten Fällen eine zentrale Rolle spielt: Der Weg führt in den Wald, in die unbekannte, tiefe, wilde Zone unserer Seele – mitten hinein in die Innensicht des Lebens (das ist die Grundbedeutung des Begriffs Vision) – dahin, wo ich selbst nichts mehr tun kann, sondern vielmehr ein „Ich-werde-Getan“ erlebe. Erst dann kann meine Vision, die das Leben für mich vorgesehen hat, sich entfalten. Vision ist in diesem Sinne nichts, was in mir erst entstehen muss, sondern es ist das Zulassen dessen, was in mir bereits ist, nur halt im Nebel verborgen. Es ist mehr eine Wahrnehmung, es gilt, mir gewahr zu werden, welche Ziele ich mit meiner Vision verbinde und wie ich die Spanne zwischen dem, was ist und dem, was sein soll, überbrücken kann. Der Nebel lichtet sich und der Weg wird sichtbar. Jetzt muss ich ihn nur noch gehen. Schritt für Schritt. Immer nur einen. Und dann den nächsten. Und den nächsten. Das einzige, was ich dafür brauche, ist:

Mut
Mut gibt es gar nicht. Sobald man überlegt, wo man ist,
ist man schon an einem bestimmten Punkt.

Man muss nur den nächsten Schritt tun.
Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun.

Wer behauptet, er wisse den übernächsten Schritt, lügt.
So einem ist auf jeden Fall mit Vorsicht zu begegnen.

Aber wer den nächsten Schritt nicht tut, obwohl er sieht, dass er ihn tun könnte,
tun müsste, der ist feig.

Der nächste Schritt ist nämlich immer fällig.
Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem. Man weiß ihn genau.

Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann. Nicht sehr gefährlich.
Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden.

Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch, dass du erlebst, wie du ihn dir zugetraut hast,
auch Mut gewinnen.

Während du ihn tust, brichst du nicht zusammen, sondern fühlst dich gestärkt.
Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust,
den du dir nicht zugetraut hast, gibt dir ein Gefühl von Stärke.

Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zu viel riskierst,
es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst.

Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.

Martin Walser
(Aus: Lektüre zwischen den Jahren)

Darum gehe ich im Juni in den Wald, in dem tiefen Vertrauen, dass sich mir der Weg – mein Weg – schon unter die Füße schieben wird. Es ist Zeit. WaldZeit. Trust the process…

 

Bücher
Im Land der Seele – Ursula Seghezzi
Traumzeit: Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation – Hans-Peter Duerr