Wenn i dann ala bin, wird ma klor, es wird nimmer wie’s wor…

Jedes Ende ist ein Anfang: In der letzten Woche war ich in meinem Lieblingstal in Osttirol. Es hat so gut getan, nach all dem, was mein Leben in den letzten zwei Jahren so ins Wanken gebracht hat, in den Bergen zu sein, da, wo einfach alles so ist, wie es immer war. Ein Halt in unruhigen Zeiten…

Momentan komme ich mir vor wie auf einem Schiff, das auf der unruhigen, aufgewühlten See wie eine Nussschale hin und her geworfen wird. Seneca sagt: „Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“ Aber wenn ich einfach nicht weiß, welcher Hafen der richtige ist, ist es vielleicht gerade an der Zeit, sich dem Wind, den Wellen, dem Leben anzuvertrauen. Darauf zu vertrauen, dass es mich schon in den richtigen Hafen bringen wird. Trust the Process!

An diesem Punkt bin ich gerade: Nichts ist mehr so, wie es war. Und es wird auch nicht mehr so, wie es mal war. Das ist traurig und bedeutet Abschied. Es ist aber auch spannend und bedeutet Neubeginn.

„Und so lang du das nicht hast,
dieses Stirb und Werde,
bist du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.“
Johann Wolfgang von Goethe
(„Selige Sehnsucht“, Buch des Sängers – West-östlicher Divan)

Stirb und Werde und Stirb und Werde… Immerwährender Kreislauf von Ende und Anfang…

Wenn alles ins Wanken gerät und alles wegzubrechen scheint im Fluss des Lebens, sind die Berge gerade mein Halt, meine Sicherheit, dass in all der Veränderung, in all dem Unvorhersehbaren, in all der Angst, auch immer etwas ist, was immer sein wird, das sich nie verändert, der wahre Kern von allem. Das gibt mir ein Gefühl von Heimat. Von Zuhause-Sein. Es ist wie mit den Jahreszeiten. Ein immerwährender Rhythmus von Frühling – Sommer – Herbst – Winter. Es ist tröstlich zu wissen, dass es nach einem kalten, harten, dunklen Winter immer, ja wirklich immer wieder Frühling wird. Auch wenn es sich im Winter nicht so anfühlt und ich denke, es wird niemals wieder hell werden, niemals wieder warm… Und dann, ganz plötzlich, ist etwas anders. Von einem Tag auf den anderen. Dann gibt es diesen Moment, an dem ich rieche, dass die Luft anders ist, nach Frühling riecht. Ich spüre die Kraft der Sonne auf meiner Haut, die wieder zu wärmen beginnt. Plötzlich wird mir klar, dass es doch schon wieder länger hell ist und auch das Licht anders scheint. Es ist tröstlich zu wissen, dass es immer wieder Frühling wird und an jedem Tag die Sonne wieder neu aufgeht. Und doch ist es immer wieder anders, kein Frühling ist wie der andere, kein Tag wie der Vorherige. Immer wieder neu, immer wieder anders und doch kann ich darauf vertrauen, dass es immer wieder „wird“…

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird.
Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“
Georg Christoph Lichtenberg

Ich vertraue mich dem Fluss des Lebens an, dem Fluss der Tageszeiten, der Jahreszeiten, dem Fluss dessen, was geschieht. Ich kann so vieles sowieso nicht ändern, nicht bestimmen. Trust the Process…

Die Berge stehen – für mich – aber noch für etwas anderes. Wenn ich oben bin, ganz oben auf dem Gipfel, und über das unendliche Meer der vielen 3.000er schaue, dann wird mir ganz schwindelig bei dem Gedanken, wie lange es gebraucht hat, diese gewaltigen Bergmassive zu schaffen. Wie lange dieser eine Prozess der Schöpfung schon andauert. Und er ist noch lange nicht abgeschlossen, wird nie abgeschlossen sein, diese immerwährende Veränderung der tecktonischen Verschiebungen. Nur, weil wir sie nicht bemerken, weil unsere Wahrnehmung von Zeit so anders ist, heißt es ja nicht, dass sie nicht da ist. Zu jedem Moment, in jedem Augenblick. Immerwährende Veränderung. Nur weil mein kleines Leben so kurz ist, ein Wimpernschlag im Leben eines Berges, wahrscheinlich noch weniger als das… Ich fühl mich klein, da oben auf dem Gipfel, und das fühlt sich für mich so gut an. Es befreit mich merkwürdiger Weise. Es befreit mich von meinem Ego… so klein und gleich-zeitig unermesslich groß…

 „Wir sind Sternenstaub.
Nichtig und wichtig.
Winzig und groß.
Endlich und ewig.
Völlig banal und komplex-mysteriös.“

Veit Lindau

Ich bin alles und nichts. Ich bin wie der Berg, jetzt und  immerda, von Ewigkeit zu Ewigkeit und gleichzeitig flüchtig wie ein Fingerschnippen… Mein Körper, meine Persönlichkeit, dieser eine individuelle Ausdruck des Lebens, das mich geschöpft hat, das ist ein Hauch, ein Wimpernschlag, ein Witz, wenn man so will. Und doch gibt es etwas in mir, was immer war, immer ist und immer sein wird. Das, was in mir wirkt, das Leben an sich. Mein Wesen, mein Wesenskern, mein Selbst, das Selbst, aus dem heraus ich wirken kann in dieser Welt. Und das, was ich be-wirke, dass ist das, was bleibt. Der Hauch, der Wimpernschlag, der Witz, alles vergeht, und doch bleibt etwas, das unendlich ist, ewig. In dem unendlichen Rhythmus des Lebens. Immerwährende Schöpfung, wie Erwin Thoma es beschreibt am Beispiel der Bäume:

„Ein Baum ist ein immerwährender Schöpfungsakt,
der in jedem Moment mit seiner Umgebung interagiert,
immer mit dem Ziel, die Umgebung, die Verhältnisse,
besser zu machen.“
Erwin Thoma

Das ist der große Sinn hinter all dem. Das ist der Sinn von Leben. Das ist der Sinn meines Lebens, immer wieder mit dem Leben zu interagieren, mit dem Ziel, die Welt ein bisschen besser zu machen… Und gleichzeitig kann ich gar nicht so viel selbst beeinflussen in dieser Welt. Das Leben beeinflusst und fließt… Und mir bleibt nichts anderes übrig, als mitzufließen. Mich treiben zu lassen hin zu neuen Ufern, mitten hinein in ein neues Leben, hinein in das Nicht-Wissen, was kommt. In den Nebel. Der nächste Schritt und dann wird es wieder etwas klarer:

„Gehe so weit wie Du sehen kannst,
wenn Du dort bist, wirst Du weiter sehen“.
T. Carlyle

Der Nebel steht für die Selbstzweifel, Ängste und negativen Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben. Diese Zweifel gilt es, Schritt für Schritt zu über-winden. Jetzt brauch ich all meinen Mut für den nächsten Schritt…

Am Ende meiner Zeit in den Bergen steht eine Vision: Ein Projekt, das vielleicht Wirklichkeit wird, wenn man es gemeinschaftlich angeht. Ich spüre wieder die Kraft meiner Visionsenergie in mir am letzten Tag. Die ist so stark, dass ich ganz beflügelt bin und mich fühle wie der Adler, der über dem Gipfelmeer seine Kreise zieht. Beschwingt und beseelt von neuen Möglichkeiten.

Die Fahrt zurück („Heimfahrt“ kann ich gerade nicht sagen, denn es fühlt sich nicht so an, als ob ich „nach Hause“ komme…), zurück in mein altes Leben ist schwer. Ich sitze im Auto und die Tränen laufen mir über das Gesicht. Ich will nicht zurück in diese Stadt, die nicht (mehr) Heimat ist, nicht zurück in diese Wohnung, die so leer scheint, nicht zurück in dieses alte Leben, was sich schon jetzt nicht mehr real anfühlt, obwohl es das angeblich ist… Mein Herz war so glücklich, dort in meinem Lieblingstal in Österreich, so ruhig und voller Frieden, still und weit… Hier, in dieser großen Stadt, erscheint mir alles dreckig, laut und stinkend. Ich bin überfordert von der Schnelligkeit, der Unzufriedenheit der Menschen und der spürbaren Aggressivität. Und ich frage mich: „Was mache ich hier eigentlich? Das ist doch nicht das Leben?“ Jedenfalls nicht meins. Nicht mehr.

Und wieder laufen mir die Tränen. Weil ich weiß, dass gerade alles ins Wanken gerät, dass alles stirbt, was einmal war. Und da ist die Angst vor dem Ungewissen, vor dem nächsten Schritt. Der Moment, an dem das Alte NICHT MEHR und das Neue NOCH NICHT ist… Und der Ruf in meinem Herzen wird immer lauter: „Auf, zu neuen Ufern! Auf in ein neues Abenteuer! Nach Hause. Dahin, wo ich mich nicht erklären muss. Dahin, wohin mein Herz mich trägt. Dahin, wo mein Herz zuhause ist…“

Danke, liebes Leben, für all die neuen Möglichkeiten! Stirb und Werde…

Wenn ich dann allein bin, wird mir klar, es wird nicht mehr, wie’s war…

„Habe mir gerade ein Dreirad und Bauklötze gekauft.
Ich fang noch mal ganz von vorne an.“

Postkarte eines lieben Freundes

 

Was mich in diesen Tagen begleitet hat:

  • Eine alte Freundin, mit der auch nach so vielen Jahren immer noch die Sonne scheint…
  • Ihre Familie, die mich aufgenommen hat, als wär’s nie anders gewesen…
  • Eine neue Freundin, die ich schon so lange kenne und jetzt erst erkannt habe…
  • Ein kleiner Junge, der mich in seiner Weisheit schon ewig zu kennen scheint…
  • Ein Buch: „Begegne dem Tod und gewinne das Leben“ (Christine Brekenfeld)
  • Ein Lied: „Ala bin“ (Seiler & Speer – YouTube)
  • Ein „Nachbarn“, der mir das Gefühl gibt, tief in mein Herz zu sehen, für einen Moment, in dem die Welt stillsteht…
  • Und nicht zu vergessen: Nuss-Schnaps…