Es gibt nichts zu tun…

„Vergebung heißt, die Hoffnung auf eine andere – bessere – Vergangenheit loszulassen“, habe ich letztens so oder so ähnlich gelesen. Wie heißt es dann, wenn man die Hoffnung auf eine andere – bessere – Zukunft loslässt? Vertrauen? Vertrauen heißt, frei von Angst zu sein. Vertrauen heißt, in jedem Augenblick den nächsten Schritt zu tun, egal wie dicht der Nebel ist. Vertrauen heißt eben NICHT, sich zu wünschen, dass dieser Nebel sich doch bitte nur für fünf Minuten auflösen möge, damit ich den Weg sehen könnte, der zu dem Leben führt, das ich mir wirklich wünsche…. Wenn ich doch nur für ein paar Minuten den Weg sehen könnte, hin zu dem Leben, das mich glücklich macht… Dann, ja dann würde aufstehen und dieses Leben leben… Vertrauen heißt, den Weg TROTZDEM zu gehen, auch wenn ich den Weg eben NICHT sehen kann. Zu vertrauen, dass das Leben mich schon auf diesen – meinen – Weg führen wird. Ich muss dem Leben, dem Universum allerdings ein Zeichen geben, dass ich diesen Weg auch finden will:

„Das Universum hört nicht nur zu. Es beobachtet uns auch.
Aufgrund unseres Verhaltens, unserer Gedanken und Absichten
bietet es uns genau das, was wir ihm vorgeben.
[…]
Und wenn man dann alles getan hat, was man tun konnte,
dann sollte man loslassen und sich keine Gedanken
über den Ausgang einer Situation machen.
In solchen Momenten bringt es wenig, sich Gedanken darüber zu machen,
was geschehen wird oder darüber was in der Vergangenheit gewesen ist.
In solchen Momenten kann man nur noch da sein und
das Universum gewähren lassen.

John Strelecky

Ich bin gerade an einem Punkt, an dem es scheinbar nichts – mehr – zu tun gibt, an dem ich nur noch dasein und das Universum gewähren lassen kann. Ich schreibe zurzeit so wenig in meinem Blog über meine Pläne, ein kleines Haus zu bauen, weil es hier gerade nichts zu tun gibt. Alles ruht in mir. Die Vorbereitungen sind zu einem Ende gekommen. Mein kleines Häuschen ist fertig geplant, der Grundriss steht und ich weiß genau, wie alles aussehen wird. Ich könnte jederzeit den Bau in Auftrag geben und in 4 Wochen könnte ich einziehen. Könnte…

Es ist alles getan, ich habe alles getan, was ich tun konnte. Nun muss ich das Leben „ranlassen“, d.h. vertrauen.  Denn ich weiß immer noch nicht, WO es denn stehen soll, das Haus. WO ich denn leben, mit WEM ich da leben will… Anfang des Jahres hat mich das noch wahnsinnig gemacht, dieses Nicht-Wissen: Jetzt habe ich doch schon alles getan und es ist immer noch nichts klar! Da war noch so viel Ungeduld dabei… Und jetzt? Jetzt sage ich: Ja, ich weiß überhaupt nicht, was die Zukunft bringt, ich weiß nicht, wo mein Häuschen stehen wird, wo ich leben werde, das alles weiß ich gerade überhaupt nicht. Aber ich weiß, dass es mich finden wird. Ich hoffe das nicht mehr, ich weiß es. Ich denke nicht mehr darüber nach, wie es sein wird, sein könnte. Ich male sie mir nicht mehr aus, diese andere – bessere – Zukunft. Ich weiß einfach, dass sie kommen wird. Und plötzlich summt es in meinem Hirn: Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an…

„Irgendwie fängt irgendwann
Irgendwo die Zukunft an
Ich warte nicht mehr lang.
Liebe wird aus Mut gemacht
Denk nicht lange nach
Wir fahr’n auf Feuerrädern
Richtung Zukunft durch die Nacht.“

Nena („Irgendwie Irgenwo Irgendwann“)

Ich warte nicht mehr lang… Ich warte einfach gar nicht mehr. Vielleicht heißt Vertrauen auch, das Warten auf eine andere – bessere – Zukunft loszulassen? Ich höre einfach auf zu warten. Aber was „mache“ ich dann, wenn ich zum einen nichts mehr mache, weil es nichts mehr zu tun gibt, ich aber gleichzeitig nicht „warte“? Ich glaube, das nennt man „Sein“. Einfach sein. Im Hier und Jetzt. Nicht in der Vergangenheit mit den Gedanken, nicht in der Zukunft. Einfach jetzt. Alles loslassen: Verletzungen, Wut, Traurigkeit, Erwartungen, Befürchtungen, die Hoffnung, dass es anders werden MUSS… Akzeptieren: Es ist wie es ist. So ist es gerade in mir.

Das fühlt sich an wie „Winter“. Obwohl gerade jetzt der Frühling durch die Lüfte weht. Gestern, an diesem strahlend blauen Frühlingstag, bin ich abends noch gelaufen, in den Feldern rund um Frankfurt. Da war ein Strauch, über und über mit kleinen, weißen Blüten übersät. Wie ein Sternenhimmel sah das aus. Manche Blüten waren schon voll aufgegangen, andere waren kurz davor, endlich zu blühen. Und plötzlich stand alles in mir still. Meine Gedanken, meine Gefühle, alles war wie auf „Pause“ gestellt und ich sah nur diese wundervollen Blüten, die sich so tapfer durch die eisigen Zeiten des Winters gekämpft haben. Getrieben von dem Willen: zu blühen. Getrieben von ihrer Aufgabe in dieser Welt: zu blühen. Nichts sonst. Kein Gedanke an das, was war und was vielleicht hätte anders sein können, sollen, müssen… Kein Gedanke an die Zukunft, das was sein wird. Vielleicht regnet es morgen und alle Blüten sind vor ihrer Zeit dahin. Was soll’s? Es gilt, im Hier und Jetzt zu blühen…

Ich bleibe stehen und alles in mir wird still. Ich halte meine Nase an eines dieser Wunderwerke und rieche. Der Duft des Frühlings überrollt mich fast. Ja, so riecht der Frühling! Ich hatte es fast vergessen… ich hatte den Frühling fast vergessen… Ich hatte fast vergessen, dass gar nicht immer Winter ist. Und das egal, was geschieht, es immer wieder Frühling wird. Immer wieder… Ich stehe still und der Frühling ergießt sich über mich. Ich bade für einen kurzen Moment in diesem Duft. Und gehe weiter. Aber irgendetwas in mir ist anders geworden, in diesem Augenblick, als mir klar wurde: Es ist Frühling! Die dunklen Tage sind vorbei. Juchhei! Mein Herz hüpft und meine Schritte sind beschwingter…

Und doch ist in mir gerade Winter. Ich habe alles getan, was ich tun konnte. Habe mein Häuschen geplant, mir vorgestellt, wie es wohl sein wird, darin zu wohnen, ich habe ein Bild in mir erzeugt. Ich habe meine Vision genährt und meinen Herzenswunsch von einem Häuschen als Samen in die Erde gesetzt. Ihn gedüngt und gegossen mit meiner Vorstellungskraft. Doch jetzt gibt es nichts weiter zu tun, als die Hände nach getaner Arbeit in den Schoss zu legen und ihn sich entwickeln zu lassen, wachsen zu lassen, meinen Herzenswunsch. Und darauf zu vertrauen, dass am Ende irgendwas dabei herauskommen wird. Irgendwie Irgendwo Irgendwann… Es gibt gerade nichts zu tun… Ich lasse los.

Ich lasse die Vorstellungen von meinem Häuschen los; die Erwartungen, JETZT einen Ort, mein Zuhause finden zu MÜSSEN. Ich lasse die Hoffnung los, dass meine Beziehung wieder so wird, wie sie mal war; dass die Beziehungen um mich herum so werden, wie ich meine, dass sie sein müssten. Nichts ist mehr, wie es war, wie es eben gerade noch war, weil alles mit jedem Augenblick anders wird. Ich lasse los. Ich nehme wahr, was gerade ist. So ist es. Punkt. Ich nehme es an, so wie es gerade ist. Ja, so ist es gerade. Punkt. DAS ist Loslassen…

Es fühlt sich nicht mehr wie „warten“ an, sondern wie „sein“. „Sein“ mit allem, was da gerade ist. Mit dem Bewusst-Sein, dass auch das wieder vorbei gehen wird. Im nächsten Augenblick. Und gleich ist schon wieder alles anders. Darauf kann ich vertrauen. Darauf, dass egal, was geschieht, es immer anders sein wird. Das könnte Angst machen, macht es mir ja auch, immer wieder mal. Dieser Gedanke, dass ich es einfach nicht unter Kontrolle habe, dieses Leben, dieses „Sein“. Dass es einfach macht, was es will, dass es einfach fließt, immer weiter. Und gerade darin liegt ja das Vertrauen. Es tut gut zu wissen, dass es immer weiter geht, dass der Fluss des Lebens immer weiter fließt. Und dass  ich keine Angst zu haben brauche, denn selbst wenn etwas geschieht, was ich nicht mag, was sich nicht gut anfühlt, ich weiß: Auch das geht wieder vorbei. Nichts bleibt, wie es ist, nichts wird wieder so, wie es mal war. Es wird immer wieder anders. Aber: es wird anders. Es wird.

Aber es wird nur, wenn ich es auch werden lasse… wenn ich los-lasse. Wenn ich meine Vorstellungen los-lasse, wie es im besten Fall werden SOLLTE; meine Ängste, wie es im schlimmsten Fall werden KÖNNTE… Ich lasse los, ich lasse werden. Werden und Sein. Sein und Werden. Werden und Sterben. Sterben und Sein. Stirb und Werde. Lass los und werde. Werde die, die Du wirklich bist. Das ist die Botschaft des Frühlings, die Botschaft der kleinen, weißen Blüten gestern am Strauch: Lass alles los – alle Ängste, was alles passieren könnte, wenn Du Dich traust zu blühen; alle Erwartungen, wie es sein sollte, denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt… –  lass all das sterben, und blühe. Blühe und werde:

„Und es kam der Tag,
da das Risiko, in der Knospe zu verharren,
schmerzhafter wurde, als das Risiko,
zu blühen.“
Anais Nin