Teil des Systems

Im Krankenhaus hatte ich viel Zeit und habe mir viele Filme über Wälder und Bäume angeschaut. Es so spannend! Jeder einzelne Baum ist wichtig für das „System Wald“ als Ganzes und gleichzeitig kann in jedem Moment jeder Baum entfernt werden, ohne dass das „System Wald“ zusammenbricht. Frei nach Veit Lindau: „Ich bin das Universum und gleichzeitig nichtiger Sternenstaub“. Das ist bei Menschen nicht anders, als bei Bäumen: Jede*r Einzelne von uns ist Teil eines Systems. Jede*r Einzelne ist wichtig. Aber nicht als Person. Nicht das Ego ist wichtig. Sondern das, was jede*r Einzelne tut. Sein und ihr Wirken. Es geht um das, wie ich in dieser Welt wirke. Im Großen und im Kleinen. Und zwar gleich-gültig, ob es bemerkt wird oder nicht.

Es ist wie bei einer Blume. Eine Blume verströmt ihren Duft immer, egal ob gerade jemand da ist, der den Duft wahrnimmt, oder nicht. Es wäre komisch, wenn eine Blume ihren Duft zurückhalten würde, ihr Wirken in der Welt zurückhalten würde, nur für den Augenblick, dass mal jemand vorbeikommt, es wahrnimmt, und wertschätzt. Als ob eine Blume eine eingebaute Wasserspritzpistole hätte und einen Sensor, einen Bewegungsmelder, der darauf reagiert: „Ah, es kommt jemand! Schnell, ich muss meinen Duft verspritzen! Hoffentlich nimmt er ihn auch war und hat mich dafür lieb“… Eine Blume denkt nicht, sie wirkt. Sie wirkt mit dem, was ihr als Aufgabe in diesem Leben mitgegeben wurde. Vielleicht ist es auch das, was uns Menschen so im Weg steht. Dass wir dieses intuitive Wissen, was unserer Aufgabe in diesem Leben ist, nicht mehr wahrnehmen. Intuition ist die unmittelbare Erkenntnis einer Wahrheit oder einer Tatsache, und zwar völlig unabhängig von Denkprozessen. Wenn wir Menschen Entscheidungen treffen, denken wir erst mal lange und wissen oft immer noch nicht, was ist jetzt „richtig“ oder „falsch“. Wenn eine Blume das machen würde, würde sie wohl ziemlich schnell aussterben. Sie denkt nicht, sie duftet einfach. Weil es ihre Aufgabe ist…

Das, was meinem Leben Sinn gibt, ist, die Schönheit dieser Welt zu erhalten. Und das hilft mir, einen Sinn in meinem Tun zu sehen, einen Sinn in meinem Wirken zu sehen, einen Sinn darin zu sehen, dass ich da bin. Ich bin ein Ausdruck des Lebens an sich, eine Möglichkeit von unendlichen Möglichkeiten, wie das Leben sich ausdrücken kann. Und ich wiederum habe unendlich viele Möglichkeiten, wie ich mich ausdrücken kann, wie ich wirken kann, um das, was das Leben mir mitgegeben hat, auszudrücken, um damit zu wirken. Und das kann nur ich, und darin bin ich einzigartig. Es wird nie wieder so jemanden geben, der so ist und der so wirkt wie ich. Und gleichzeitig ist es aber auch vollkommen gleich-gültig ob ich da bin oder nicht. Das Leben wird sich so oder so ausdrücken. Ich finde das erleichternd, dass ich gar nicht so wichtig bin für diese Welt. Und gleichzeitig aber weiß, dass es niemand anderen gibt, der das, was ich in diese Welt bringen, so in diese Welt bringen kann, wie ich. Ich bin das ganze Universum und gleichzeitig nichtiger Sternenstaub. Das hilft mir, meine Aufgabe zu erfüllen, weil ich weiß, dass sie wichtig ist, dass nur ich sie erfüllen kann, und gleichzeitig hilft es mir, all das auch wieder loslassen zu können. Und mich als Teil des großen Ganzen zu sehen. Als Teil eines Systems.

In Systemen wirken alle Einzelteile mit-einander. Sie wirken jede*r für sich, sie wirken auf einander, sie wirken gemeinsam. Das große Ganze ist wichtig, jede*r Einzelne als Teil des großen Ganzen ist wichtig. Und gleichzeitig ist es völlig egal. Das Leben geht so oder so weiter. Mir hilft es, wenn ich mich immer wieder dessen erinnere, mir immer wieder sage: Es ist völlig egal, ob ich da bin oder nicht, ich bin da. Und das hat irgendeinen Sinn. Und ich kann mich entscheiden, ob ich diesen Sinn ausfüllen möchte, oder nicht. Und damit entscheide ich, ob ich mein Leben, dieses Leben, sinn-voll nutze oder nicht. Es kommt auf mein Wirken an, nicht auf mein bloßes existieren.

Im Gegensatz zu den Blumen oder auch zu den Tieren, wo jede Art für sich einen bestimmten Sinn in diesem ganzen Ökosystem erfüllt, intuitiv weiß, was sie zu tun hat, wie sie zu wirken hat, haben wir Menschen dieses intuitive Wissen irgendwann eingetauscht gegen das rationale Denken. Wir haben das rationale Denken, das Denken überhaupt, über die Intuition gestellt, über das, was wir alle, was jede*r von uns, intuitiv spürt, und weiß, dass es richtig ist.

Ich war mal bei einem Vortrag auf einem Architektursymposium zum Thema rationale Architektur. Dort hat der renommierte Gehirnforscher Gerhard Roth über rationale Entscheidungen gesprochen. Und er hat deutlich gemacht, dass wir Menschen uns mal abschminken können, zu glauben, dass wir unsere Entscheidungen rational treffen. Er sagt, das rationale Denken ist nur ein Werkzeug für die Intuition, es ist nur ein Werkzeug für unser Bauchgefühl. Letztendlich treffen wir alle Entscheidungen im Bauch, es ist unser gefühltes Wissen im limbischen System, das uns dazu bringt Entscheidungen zu treffen, der Verstand unterstützt uns nur. Und darum ist es so wichtig, den Verstand und das Denken nicht komplett auszuschalten, wir brauchen das Denken und wir brauchen den Verstand, das ist gar keine Frage, aber wir sollten ihn wieder auf die Größe bringen, die er wirklich hat, und unsere Intuition, unser Bauchgefühl, unser gefühltes Wissen von dem, was intuitiv richtig oder falsch ist, oder besser gesagt, was sich stimmig anfühlt oder schräg, das ist es, was wir wieder größer machen sollten, wichtiger machen sollten in unserem Leben. Jede*r Einzelne für sich, und in unserer Gesellschaft.

Ich glaube, wenn wir uns wieder ein bisschen mehr auf das besinnen, was wir von Natur aus mitbringen, was unsere Gaben sind, was der Sinn ist, der jeder*m Einzelnen mitgegeben wurde, wenn wir unsere Fähigkeiten, unsere Talenten, das, womit das Leben uns ausgestattet hat, wenn wir das wieder mehr ins Leben einbringen und uns selber wieder mehr darauf verlassen, und selber wieder mehr an uns glauben, an unsere Fähigkeiten, dann wird auch unser Miteinander besser sein, sinn-hafter.

So funktioniert der Wald. Der Wald funktioniert nur, weil jeder einzelne Baum da ist. Ein Wald besteht per Definition aus einzelnen Bäumen. Deswegen ist jeder einzelne Baum wichtig. Für das System. Und gleichzeitig ist das System nicht in Gefahr, wenn ich einzelne Bäume entnehmen. Ein Baum ist, so sagt Erwin Thoma, ein immerwährender Schöpfungsakt, der mit allem, was er tut permanent mit seiner Umgebung interagiert, immer mit dem Bestreben, die Umstände, die Verhältnisse besser zu machen, und zwar nicht zu seinem eigenen Wohl, sondern zum Wohle aller. Und das ist meine Haltung, dass ich möchte, dass die Bedingungen für alle Menschen besser werden, weil ich weiß, dass es dann ganz automatisch auch für mich besser sein wird. Und dann brauche ich nicht mehr für mich kämpfen, weil ich weiß, dass wir uns alle für uns alle einsetzen, dass das was jede*r Einzelne in einem System, einer Gemeinschaft tut, es immer zum Wohle aller tut. Und wir sind nicht anders als die Bäume. Auch wir, wie jedes Lebewesen auf dieser Welt, jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Stein, sind immerwährende Schöpfungsakte. Wir sind nicht einfach Dinge, die irgendwann mal entstanden sind und jetzt einfach nur da sind, nein, auch ich bin ein immerwährender Schöpfungsakt, der selbst immer wieder neu geschöpft wird von diesem Leben – jede Zelle meines Körpers tauscht sich in sieben Jahren aus, ich bin alle sieben Jahre rein biologisch von meinen Zellen her gesehen, ein völlig neuer Mensch. Es gibt in meinem Körper keine Zelle, die älter ist als sieben Jahre und doch ist mein Körper, bin ich, 44 Jahre alt. D.h. mein Körper wird permanent in jeder Sekunde neu geschöpft, weil in jeder Sekunde Zellen sterben, und Zellen neu geschaffen werden. Das Leben ist ein immerwährender Schöpfungsakt, ich bin ein immerwährender Schöpfungsakt. In jedem Augenblick.

Die Frage ist nur, und da unterscheiden wir Menschen uns von den Bäumen, ist das, was ich tue, ist das, wie ich in dieser Welt wirke, immer gespeist aus der Intention, die Umstände, die Verhältnisse, besser zu machen, zum Wohle aller? Oder agiere ich in dieser Welt nur für mich, nur um für mich die Verhältnisse, die Umstände besser zu machen, nur zu meinem Wohle? Das ist die Frage, um die es für mich geht: Wie wirke ich in dieser Welt? Wirke ich so, dass das Leben im Fluss bleibt, dass das, was ich tue, das Leben in seinem Sein befördert, also förderlich ist? Oder trage ich mit dem, was ich tue, mit dem, wie ich wirke, dazu bei, dass der Fluss des Lebens stagniert, dass es nicht mehr fließt, nur, weil ich will, das es erstmal mir gut geht? Warum haben so viele Menschen Probleme damit, etwas zu tun was für alle gut ist? Warum glauben so viele Menschen, dass es erst ihnen gut gehen muss, bevor sie sich um andere kümmern können? Warum sagt ein Donald Trump „America first“, warum glaubt er, dass es wirklich wichtig ist, dass es erst mal Amerika gut geht, bevor man sich um die Nöte der Welt kümmern kann? Warum glauben einzelne Menschen, dass es erst mal wichtig ist, dass es ihnen gut geht? Dass sie erst mal genug haben müssen, um dann vielleicht irgendwann auch geben zu können?

Wir Menschen sind so viel im Mangel, dass wir glauben, wir müssen erst mal ganz doll für uns sorgen, wir müssen erst mal den Mangel in uns selbst beseitigen, indem wir versuchen für uns selber bessere Bedingungen zu schaffen, in dem wir Reichtum und Besitz anhäufen, und wir merken nicht, dass unser Mangelgefühl dadurch nie beseitigt wird… auch das ist wieder ein bisschen wie mit den Bäumen und dem Wald. Erwin Thoma sagt, der Wald und die Bäume verhalten sich komplett anders als wir Menschen: Kooperation statt Konkurrenz. Sicherlich ist es so, dass auch jeder Baum erst mal, wenn er auf dieser Welt kommt und seine ersten Triebe durch den Erdboden hindurch an die Oberfläche reckt, erst mal schaut, wo er denn bleibt. Junge Bäume gehen in Konkurrenz miteinander, in Wettbewerb. Wahrscheinlich ist es so wie bei jungen Füchsen oder jungen Wölfen, die miteinander spielerisch in einen Wettbewerb gehen und gucken, wer ist der Stärkere, um dann, wenn sie ihre eigene Existenz gesichert haben, eine gewisse Größe und Standsicherheit erreicht haben, „brüderlich“ zu werden. Denn sie wissen, dass sie ohne die anderen Bäume nicht existieren können, dass der Wald ohne die anderen Bäume nicht existieren kann. Und die Bäume fangen an sich gegenseitig zu unterstützen. Sie kommunizieren miteinander, sie teilen ihre Nahrung miteinander, sie unterstützen die Jungen. Und auch die jungen Bäume, die in ihrer Jugend in Konkurrenz gehen miteinander, können dies nur, weil die Alten ihnen den Boden dafür bereiten, im wahrsten Sinne des Wortes in dem Fall durch ihren Humus, durch das Laub, dass sie abwerfen, durch die Nährstoffe, die dadurch entstehen. Die alten Bäume geben den jungen Schutz. Sie schützen sie vor zu starkem Wind, sie schützen sie auch vor zu starkem Regen, vielleicht auch vor zu starker Sonneneinstrahlung. Eine Mutterbuche sorgt sich immer um ihre Kinder. Und nicht nur das, auch alte Bäume, kranke Bäume, sterbende Bäume, werden noch über Jahre, Jahrzehnte von den Nachbarbäumen mit Nährstoffen versorgt und ernährt, weil auch ein toter Baum, ein sterbender Baum immer noch eine Aufgabe hat im System Wald.

„Du musst vor nichts Angst haben, im Wald geht nichts und niemand verloren.“
Juli Zeh („Unterleuten“)

Bäume warnen sich gegenseitig vor Angriffen durch Schädlinge, Bäume achten auf einander, sorgen für einander, unterstützen sich. Und manchmal stirbt ein Baum auch für die anderen, weil das in dem Moment seine Aufgabe ist. Und der Baum kann das, weil er kein Ego hat, dass ihn umtreibt, so wie wir Menschen. Weil der Baum all das, was er tut, all sein Wirken in der Welt, gar nicht infrage stellt, weil er weiß, intuitiv weiß, dass alles, was er tut, egal was das auch ist, immer zum Wohle aller ist. Inspiriert hat mich hier eine Passage aus Juli Zehs Buch „Unterleuten“:

„Aus ihrer Sicht war der Wald etwas Magisches: Ein Lebewesen, in dem man herumlaufen konnte. Er brachte alle Fragen zum Schweigen. Um etwas über den Sinn des Lebens, den Sinn des Todes oder die Ursache des Seins zu erfahren, genügt es, in die Hocke zu gehen und den Waldboden in Augenschein zu nehmen. Wer einem Ameisenstaat bei der Besiedelung eines Baumstumpfes beobachtete; wer sah, wie Grashalme auf einem Felsblock wuchsen; wer Pilze kannte, die in Grüppchen beisammenstanden wie dünnbeinige Partygäste und gemeinsam einen faulen Ast verdauten – der wusste, dass die Antwort auf alle Fragen „Stoffwechsel“ lautete. Kathrin empfand dieses Wissen als beruhigend. Ihr gefiel die Vorstellung, dass die Stoffe, aus denen sie bestand, eines Tages in die Blüte einer Blume oder das glänzende Gefieder eine Vogels eingehen würden. […] Ganz anders als in der Welt der Menschen besaß im Wald alles einen Sinn. Was existierte, bot einem anderen Wohnung oder Nahrung. Was verging, diente dem Überleben des Nächsten. Sterben bedeutete hier keinen Skandal. Es war nur eine unter vielen Funktionen des Seins. Im Wald gab es Töten ohne Hass, Fortpflanzung ohne Liebe, Kooperation ohne Gesetze, Ernährung ohne Wissenschaft und Lebensfreude ohne Philosophie. Im Wald herrschte eine gelassene Zweckmässigkeit, der sich Kron mit erleichtertem Aufatmen überließ. Für eine Weile durfte er aufhören, eine Persönlichkeit zu sein…“

Videos:
„Mythos Wald“ – Jan Heft (ZDF)
„Unter Bäumen (1/3): Die Sprache der Bäume“ – TerraX (ZDF)
„Unter Bäumen (2/3): Ein Jahr unter Bäumen“ – TerraX (ZDF)
„Unter Bäumen (3/3): Im Reich des Wassers“ – TerraX (ZDF)

Bücher:
„Unterleuten“ – Juli Zeh
„Die geheime Sprache der Bäume“ – Erwin Thoma
„Gebrauchsanweisung für den Wald“ – Peter Wohlleben