Meine Zeit im Wald oder: But Beautiful – Nichts existiert unabhängig

Lange habe ich nichts geschrieben… Das hatte vor allem mit meiner Operation Ende März zu tun. Etwas wurde mir ganz körperlich herausoperiert, und gleichzeitig durfte ich seelisch loslassen. Was folgte war eine Zeit des Rückzugs. Ich habe mich in mein Innerstes zurückgezogen, um all das Erlebte zu verarbeiten und tief in meiner Seele wirken zu lassen. Es hat mir gut getan, diese Pause vom „Außen“.

Zum Abschluss dieser Phase bin ich in den Wald gegangen, habe mir eine „WaldZeit“ genommen. „WaldZeit“ ist für Ursula und David Seghezzi – meine Begleiter*innen in der Zeit im Wald – ein anderes Wort für „Visionssuche“. Doch dieses Wort ist mir immer irgendwie „zu groß“. Eigentlich geht es „nur“ darum, meinen Platz in der Welt zu finden und ihn einzunehmen. Mir klar zu werden: „Was ist eigentlich meine Aufgabe in diesem Leben? Wie möchte ich in dieser Welt wirken?“ Und das ist nichts, was ich mir selbst ausdenken kann. Das ist seit meiner Geburt schon da. Ich hab es nur „vergessen“… Und ich habe versucht, mich im Wald wieder zu verbinden mit diesem ureigenen Sinn meines kleinen Lebens. 4 Tage. 4 Nächte. Allein. Im Wald.

„Ich lass alle zurück und zieh los,
ins Land der Seele,
die Sehnsucht brennt und die Zweifel reisen mit.

Ich lass alles zurück und zieh los,
ins Land der Seele,
die Stille ruft und sie lockt mich in den Wald.“
Ursula Seghezzi („WaldZeit-Lied)

Und ich habe mich im Wald den großen Ängsten gestellt, die mich so oft abgehalten haben, „mein Ding“ zu machen;  die mich blockiert und dadurch eingeschränkt haben. Als da wäre die Angst vor der Nacht. Dem Wald in der Nacht. Ich liebe den Wald, das dürfte klar sein. Aber bisher nur bei Tag. Sobald es Nacht wird verschiebt sich mein Bild vom Wald wie eine Theaterkulisse und ich sehe nur noch gefährliche Kreaturen; Wölfe und Halunken, die scheinbar nur auf mich warten, um mir irgendetwas anzutun… Jetzt gibt es Menschen, die mir sagen: „Dann geh doch nachts nicht in den Wald. Ganz einfach.“ Auf den ersten Blick eine wirklich bestechende Logik. Blöd ist nur, dass diese Ängste letztendlich viel tiefer wirken. Denn eigentlich geht es doch um eine grundsätzliche Angst vor allem, was unkontrollierbar ist, vor dem Wilden, da draußen, in der Welt, im Wald, aber vor allem in mir selbst. Zwei Ängste habe mich umgetrieben: die Angst vorm Wolf und die vorm „bösen Mann“. Und beidem habe ich mich gestellt. Habe sie durchlebt. Und: überwunden.

„Ich geh durch’s Nadelöhr meiner Ängste,
und zahl den Preis meiner Illusionen,
ich leg die Maske ab,
wer ich meine zu sein,
ich geh ganz allein.

Ursula Seghezzi („WaldZeit-Lied“)

Das sagt sich immer so leicht. Im Nachhinein. Wie habe ich das also gemacht? Tatsächlich ganz pragmatisch. Meiner Angst vorm Wolf habe ich mich auf vielen Wegen schon lange vorher genähert. Ich habe viel gelesen über die Rückkehr des Wolfes, habe Filme und Dokus geschaut. Ich sage oft: „Du musst Deine Feinde kennen“ und für mich bedeutet das, sich ihnen anzunähern, ihre Art zu denken, zu fühlen und zu handeln zu verstehen, sie mir vertraut zu machen, wie der Fuchs dem kleinen Prinzen bei Antoine de Saint-Exupéry schon erklärt:

„Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache,“ sagte der Fuchs.
„Es bedeutet, sich vertraut machen.“

Angst hat man unter anderem ja vor Dingen, die man nicht kennt. Und den Wolf kannte ich bisher nicht. Nur als „bösen Wolf“ aus den Märchen oder als „Werwolf“ aus Horrorgeschichten. Mehr zu erfahren über das Wesen des Wolfes, seine Charaktereigenschaften, seine Bedeutung als Krafttier – auch in unserer europäischen Tradition -, hat die Angst kleiner werden lassen. Sie ist einem gesunden Respekt vor der wilden Natur des Wolfes gewichen. Und obwohl die Angst immer da war, war da auch immer eine Faszination. Beeindruckt hat mich immer die Gleichzeitigkeit von individuellem starken, fokussierten Willen und kollektiver Fürsorge für die Gemeinschaft, für das Rudel. Und doch war da immer die Angst… Die Angst vor diesem wilden Wesen. Dem Wolf, der mir als realexistierendes Tier gegenübersteht, und meinem „wilden Wesen“, meiner „Wildnatur“, dem Wilden und Unkontrollierten in mir. Und wir alle haben diesen wilden unkontrollierten Teil in uns. In unserer „zivilisierten“ Welt darf dieser Teil nur nicht mehr ausgedrückt werden. Wir unterdrücken all das in uns, was wild und unkontrolliert ist und sagen, das ist „nicht gut“. Und dann drückt es sich doch aus, dann explodiert doch irgendwann das Ventil unseres inneren Dampfkochtopfs. Im Extremen zeigt sich das dann in Perversionen. Davon lesen wir tagtäglich in der Zeitung. Und sprechen von „Monstern“, die all diese Taten begehen. Und doch sind es Menschen. Menschen wie Du und ich. Und dieseMöglichkeit des „Monster-Seins“ wohnt in uns allen. Ja, auch in mir. Und in Dir. Und damit steckt auch ein Teil der „Wildnatur“ des Wolfes in mir. Und das ist die eigentliche Angst. Darf ich „wild“ sein? Darf ich „mein Ding“ machen? Darf ich meine „Natur“, meine „Wildnatur“ leben? Ich bin davon überzeugt, wenn ich mich diesen wilden und unkontrollierten Schatten meiner Seele stelle, und wenn ich ihnen Raum gebe, sie aus der Dunkelheit des Unbewussten ins Licht meines Bewusstseins hole, dann sind sie nicht mehr so bedrohlich – und auch nicht mehr so gefährlich. Ich wollte den Wolf, die Wölfin in mir in mein Bewusstsein holen und dem Wilden in mir einen Platz geben.

Dazu habe ich mir für die „WaldZeit“– völlig unbewusst – eine Landschaft in Deutschland ausgesucht, in der mittlerweile einige Wolfsrudel wieder eine Heimat gefunden haben. Und somit wurde aus dieser diffusen Angst vorm „bösen Wolf“, die mich seit meiner Kindheit und den Gruselgeschichten begleitet, plötzlich eine vermeintlich realexistierende Bedrohung! Wie oft habe ich mir in der Vorbereitung auf die „WaldZeit“ gesagt: „Bist Du eigentlich bescheuert? Warum machst Du das? Das ist doch vollkommen verrückt!“ Und trotzdem hat mich etwas getrieben. Nein, nicht getrieben. Gezogen. Gerufen. Der Wald hat mich gerufen. In „OSKAR – Das Magazin für natürliches & autarkes Leben“ habe ich mal gelesen:

„Mut heißt nicht, keine Angst zu haben,
Mut heißt, dass etwas wichtiger ist, als Angst.“

In mir ist etwas wichtiger geworden als die Angst. Und das war der Wunsch nach Freiheit. Innerer Freiheit. Freiheit von Angst. Zumindest von irrationaler, real gar nicht existierender Angst. Irgendetwas in mir hat beschlossen, das es an der Zeit ist, diese Angst gehen zu lassen, loszulassen. Körperlich wurde sie schon aus mir herausoperiert, diese Angst, die sich als – zwar gutartiger – Gewebeklumpen in meinem Körper über Jahre manifestiert hatte. Jetzt war es an der Zeit, diese Angst auch auf der Seelenebene zu würdigen und zu verabschieden. Meine Seele wollte frei sein. Und welcher Ort ist da besser geeignet als der Wald? Dem Wolf bin ich – Oh, welch ein Glück! Und: Wie schade eigentlich… – dort nicht begegnet. Jedenfalls nicht in „meinem“ Wald. Ein paar Tage vorher bin ich ihm aber trotzdem sehr nah gekommen. In einem Wolfsgehege in Norddeutschland. Eine halbe Stunde ohne trennenden Zaun. Und habe sie gespürt, ihre „Wildnatur“, das Ungezähmte, auch wenn sie an Menschen gewöhnt sind. Und es hat mich ein Stückchen mehr in Kontakt gebracht mit meiner eigenen „Wildnatur“.

Und was war mit der zweiten großen Angst in meinem Leben? Der Angst vorm „bösen Mann“? Ja, auch der bin ich begegnet. In Gestalt eines Motoradfahrers, der zwei Mal an mir – auf einem Waldweg – nur ein paar Meter entfernt von mir und meinem Platz –  auf seinem (Wer sagt mir eigentlich, dass es zwingend ein Mann war?) roten Motorrad an mir vorbeiraste. Bis in die erste Nacht hinein plagten mich Gedanken wie: „Und wenn der mich jetzt doch gesehen hat? Wenn der weiß, wo ich hier „wohne“? Wenn der heute Nacht zurückkommt und mich vergewaltigt?“ Diese Angst ist schon viel realer als die vorm Wolf. Und sie ist nicht nur im Wald da, auch in der Stadt, auf Reisen, in all den Situationen, in denen ich – als Frau – allein unterwegs bin. Auch diese Angst begleitet mich schon mein Leben lang. Geschürt durch zu viel „XY Aktenzeichen“, aber auch durch all die kollektiven Gewalt-Erfahrungen von Frauen aller Generationen vor mir und heute, überall auf der Welt. Kollektive Erfahrungen, die sich in unserer kollektiven Frauenseele festgesetzt haben in Form von Angst. Angst vor dem Unkontrollierten, dem Wilden im Mann, dem wir Frauen – körperlich zumindest meistens – nichts entgegenzusetzen haben, wenn es denn mal losgelassen ist. Wenn der innere Dampfkochtopf explodiert, in Form von Gewalt und Vergewaltigung. Das ist eine Angst, die so viele Frauen kennen und die immer da ist, auf jedem Heimweg durch eine dunkle Gasse und die die meisten Männer in dieser Form nicht kennen. Auch dieser Angst wollte ich mich stellen. Und: Sie hat sich aufgelöst. Vielleicht nicht komplett, aber sie nimmt nicht mehr so viel Raum ein. Überhaupt nimmt so viel Altes, Überkommenes nicht mehr so viel Raum ein in meiner Seele. Da ist jetzt wieder Platz für Neues! Für neue Erfahrungen, neue Herausforderungen, neue Beziehungen, ein „neues Ich“…

Und doch bin ich „die Alte“ geblieben. Denn letztendlich habe ich mich ja nur wieder erinnert, wer ich eigentlich wirklich bin. Ich habe mich rück-verbunden mit dem Leben und dem Sinn hinter all dem. Das ist ja spannender Weise auch die eigentliche Bedeutung von Religion: Religion leitet sich ab vom lateinischen „religio“, was „Rückbindung“ bedeutet. Ich habe die Verbindung zum Leben verloren und habe nun die Chance, mich wieder aufs Neue damit zu verbinden. Und wo ginge das besser als im Wald? Und diese Verbundenheit habe ich gespürt. Ich war irgendwann ein Teil des Waldes, und damit des Lebens, und nicht mehr abgetrennt davon. Und ich durfte diese kollektive Kraft des „Alles ist mit allem verbunden“ deutlich spüren…

Jetzt bin ich seit ein paar Wochen wieder in der „Welt der Trennung“, der Welt der Konkurrenz, des „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Und meine Seele muss damit klarkommen. Wir wurden einigermaßen darauf vorbereitet, dass es zu einem „Kulturschock“ kommen kann, wenn wir wieder im Alltag auftauchen. Und wir das Gefühl haben, die Seele muss jetzt wieder alltagstauglich werden, damit wir in dieser Welt überleben können. Und doch ist es genau umgekehrt: Wir sollten unseren Alltag seelentauglich machen… Das nehme ich mit, jeden Tag ein Stückchen mehr zu versuchen, meinen Alltag seelentauglicher zu machen. Das bedeutet Mut. Ich muss mutig sein auch mal „Nein“ zu sagen, wenn irgendjemand will, dass ich irgendetwas tue, was aber meiner Seele nicht guttut. Ich muss mutig sein neue Herausforderungen anzunehmen, die meine Seele wachsen lassen. Ich muss mutig sein, Andere zu enttäuschen, um mir selbst treu zu bleiben. Ich muss mutig sein endlich meinen Platz in dieser Welt einzunehmen, den das Leben für mich bestimmt hat… Weiter dagegen anzuleben macht krank, das weiß ich selbst aus eigener Erfahrung nur zu gut…

Und was hilft mir beim „Mutig-Sein“? Mich von Menschen inspirieren zu lassen, die das schon sind: mutig! Und darum an dieser Stelle ein paar Impulse, auch für Dich: Der neue Film von Erwin Wagenhofer  („Let’s make money“, „We feed the world“, „Alphabet“) und das neue Buch von „meinem“ Holzhaus-Bauer“ Erwin Thoma:

Film „But Beautiful – Nichts existiert unabhängig“ von Erwin Wagenhofer
Hier findest Du den Link zum Trailer, der mich in diesen paar kurzen Augenblicken schon sehr berührt hat! Filmstart ist der 5. November 2019. Ich habe das große Glück, den Film schon Ende August in einer Vorpremiere sehen zu dürfen, denn Erwin Thoma ist einer der Protagonist*innen!

But Beautiful – Nichts existiert unabhängig – YouTube

Alles wird gut – So einfach macht es sich der Filmemacher Erwin Wagenhofer nicht. In seinem neuesten Film BUT BEAUTIFUL sucht er das Schöne und Gute und zeigt Menschen, die ganz neue Wege beschreiten. Wie könnte ein gutes, ein gelungenes Leben aussehen? Ist ein „anderes“ Leben überhaupt möglich? Entstanden ist ein Film über Perspektiven ohne Angst, über Verbundenheit in Musik, Natur und Gesellschaft, über Menschen mit unterschiedlichen Ideen aber einem großen gemeinsamen Ziel: eine zukunftsfähige Welt.

Frauen ohne Schulbildung, die Solaranlagen für Dörfer auf der ganzen Welt bauen. Permakultur-Visionäre auf La Palma, die Ödland in neues Grün verwandeln. Ein Förster, der die gesündesten Häuser der Welt entwickelt. Ein geistliches Oberhaupt mit Schalk und essentiellen Botschaften und seine tibetische Schwester mit großem Herz für die Jugend. Ein junges Jazztrio, ein etablierter Pianist, eine beseelte kolumbianische Sängerin, die uns den Klang der Schönheit vermitteln. BUT BEAUTIFUL verbindet sie alle.
Alles wird gut? Alles kann gut werden.“
www.filminstitut.at/de/butbeautiful

Buch „Strategien der Natur – Wie die Weisheit der Bäume unser Leben stärkt“ von Erwin Thoma
Erwin Thoma stellt in seinem neuen Buch die Evolution der Bäume anschaulich und umfassend dar. Er zeigt, wie sie sich aus dem Wurzelreich in den Himmel kämpfen, wie sie über die Jahre an Charakter gewinnen, welche Beziehung sie mit anderen Waldbewohnern eingehen und was Neues aus ihrem Vergehen erwächst. Darüber hinaus führt er uns vor Augen, dass gerade jetzt die Zeit der Bäume gekommen ist: Wir kommen nicht länger umhin, ihre Überlebensweisheiten und ihre Heilkraft für uns zu nutzen, wollen wir die Verwerfungen des Klimawandels stoppen und die Zerstörung der Natur rückgängig machen. Ein außergewöhnliches Bäume-Buch voller faszinierender Geschichten und Mythen, voller spannender Details und Zusammenhänge und einem leidenschaftlichen Appell an uns Menschen.
www.thoma.at/buecher

P.S.: Der Motoradfahrer ist übrigens NICHT zurückgekommen, in der Nacht, im Wald! Wahrscheinlich hat er mich nicht mal gesehen… Die Angst hat mich in dieser ersten Nacht einige Zeit wachgehalten. Und gleichzeitig habe ich so die Nacht erlebt, die Nacht im Wald. Und sie ist so unfassbar still… Es ist, als ob nur Du existierst, nur Du und das Universum… Und plötzlich war da keine Angst mehr, nur noch ein Gefühl von Eins-Sein. Mit allem. Und dann konnte ich vertrauen. Und schlafen…

„Und wenn es Nacht wird,
wird es still,
mein Geist steigt auf bis zu den Sternen,
vor meinem Seelenauge ziehen Bilder vorbei,
ich bin mit allem eins.“

Ursula Seghezzi („WaldZeit-Lied“)

 

Links
WaldZeit-Visionssuche – Uma Institut (Ursula und David Seghezzi)