Radikal ehrlich…

…ist das Leben gerade mit uns. Sagt uns ins Gesicht: „Wenn Ihr so weitermacht, bringt Ihr euch noch um…“ Nicht das Virus bringt uns um, sondern unsere Art zu leben, zu wirtschaften, zu arbeiten … Und wir haben die Steilvorlage geliefert.

Corona – die Krone. Schon spannend, welchen Namen ein Virus hat, dass uns, die „Krone der Schöpfung“, als die wir uns selbst so gern sehen (wollen), jetzt so viel Angst macht. Wie hat das Virus uns in unserem vermeintlich so sicheren Europa, in unserer warmgefurzten Wirtschaftswunder-Höhle, erreicht? In erster Linie durch Dienstreisende vom anderen Ende der Welt, denen als „Diener“ der immer schneller werden Globalisierung der Business-Flieger immer noch lieber war, als die eigentlich doch viel praktischere (und klimafreundlichere) Videokonferenz. Und durch Urlaubsjunkies, die immer noch glauben, dass Verreisen und mit Billig-Flugtickets in der Welt rumjetten ein verbrieftes menschliches Grundrecht wäre. Und die dabei vergessen, dass es eigentlich der pure Luxus ist, mit Kreuzfahrschiffen die Weltmeere zu überfluten und zum zügellosen Aprés-Ski in den Alpen einzufallen. Auf all das, was nicht „systemrelevant“ ist, müssen wir jetzt verzichten.

Aber ist das wirklich so schlimm? Bisher war immer alles, was in irgendeiner Weise auf „Verzicht“ hinauslief, tabu. Und plötzlich zwingt uns das Leben dazu. Ich glaube, es hatte einfach keinen Bock mehr auf diese gebetsmühlenartig postulierten Phrasen in den immer gleichen Talkshows, in denen immer gleich reflexartig der Zusammenbruch der Wirtschaft ausgerufen wurde bei jedem noch so kleinen vorgeschlagenen staatlichen Eingriff, um z.B. den Klimawandel zu verlangsamen. Eigentlich wissen wir doch alle, dass es ein „immer mehr“, „immer weiter so“ nicht geben kann. Jedes Wachstum ist irgendwann zu Ende. Und wenn ein Organismus nicht aufhört zu wachsen, dann wird er zerstörerisch und fängt an, auszuufern und das System von innen her zu zerfressen, wie z.B. bei Krebs.

Spannenderweise kam das Virus durch die Menschen zu uns, die – zumindest ökonomisch – wohl eher zu den „Gewinner*innen“ des Systems des globalisierten Kapitalismus zählen. Und ausnahmsweise mal nicht durch die „Verlierer*innen“, die Geflüchteten an den Grenzen zur Europäischen Union in Griechenland beispielsweise (Ich möchte gar nicht wissen, was dann erst los wäre…). Und doch werden vor allem die sozial und gesundheitlich Schwachen am Ende die Leidtragenden sein, auch wenn sich – wie sich gerade zeigt – die „Reichen“ wie diverse infizierte Promis, Fußball-Stars, Politiker mal nicht freikaufen können. Vor dem Virus sind wir alle gleich. Das macht auch, glaube ich, die Angst aus. Plötzlich ist da was in der Welt, das tatsächlich auch MICH treffen kann… „Diese Krise wird die Welt verändern.“ Das haben wir auch schon nach dem 11. September gesagt, nach der Finanzkrise, und doch sind wir immer ziemlich schnell wieder zur alten Tagesordnung übergegangen. Vielleicht wird es dieses Mal doch anders sein, weil es dieses Mal doch JEDE*N treffen kann. Die „Bedrohung“ ist für jede*n viel direkter spürbar. Vielleicht – hoffentlich – wird das doch zu anderen, nachhaltigeren Veränderungen führen.

„Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.

Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.“
Matthias Horx

Irgendwie bekommen die Worte von Greta Thunberg, die sie noch vor ein paar Monaten so wütend in Davos ausgesprochen hat, plötzlich eine völlig andere Bedeutung: „Ich will, dass Ihr in Panik geratet, dass Ihr die Angst spürt…“ Ja, manchmal braucht es auch Angst, um endlich aus der Komfortzone geschmissen zu werden. Und, versteh mich nicht falsch, ich gehöre nicht zu denen, die die Ernsthaftigkeit der Lage nicht sehen (wollen). Ich sehe die Gefahr für unsere Alten und Kranken. Ich war im Winter oft im Zentrum für Hämatologie und Onkologie hier in Frankfurt. Ich hatte einen so massiven Eisenmangel, dass ich in regelmäßigen Abständen Infusionen bekommen habe. In dem großen Raum saßen ganz viele Menschen, genau wie ich mit Schläuchen im Arm, aber anders als bei mir floss bei den meisten kein energiespendes Eisen, sondern ein Chemiecocktail, den man Chemotherapie nennt, der zwar den Krebs besiegen kann, aber eben auch das komplette Immunsystem zerstört. Schon damals war ich jedes Mal, wenn ich da saß, voller Demut und Dankbarkeit, dass ich nur mit Eisenmangel zu kämpfen habe und nicht mit Krebs… Und an all diese Menschen denke ich gerade ganz oft, an die, die sich nicht selber schützen können, deren Immunsystem einfach nicht funktioniert und die unseren Schutz brauchen, den Schutz der Gemeinschaft. Die unsere Menschlichkeit brauchen (in dem wir, die gerade nicht „systemrelevant“ sind, einfach mal mit dem Arsch zu Hause bleiben…) und nicht das Tier in uns, dass sich bei Aldi um die letzte Packung Klopapier prügelt. Spannender Weise hamstern die Franzosen kein Klopapier, sondern Rotwein und Kondome. Irgendwie ist mir das sympathischer…;o)

Ich persönlich habe keine Angst. Ich hab keine Angst, krank zu werden, weil ich weiß, dass ich auch das überstehen werde. Und ich habe auch keine Angst davor, daran zu sterben, weil selbst wenn, ich weiß, dass es danach weitergeht, irgendwie, irgendwo, irgendwann… Ein Glauben, unabhängig von religiösen Konzepten, kann helfen in dieser wilden Zeit, stelle ich fest. Und gleichzeitig glaube ich, dass es diese Dringlichkeit der möglichen – vermeintlich allgegenwärtigen – Gefahr auch braucht, dass jede*r Einzelne von uns daran erkranken, im schlimmsten Fall sterben kann… Und das Leben ruft uns damit auf, doch endlich wieder darüber nachzudenken, warum wir denn eigentlich so viel Angst haben davor, zu sterben. Oder besser umgekehrt: Warum wir denn eigentlich so gerne leben? Wissen wir das eigentlich alle so genau? Wir alle haben eine ganze Armada „rosa Deckchen“, wie eine liebe Freundin von mir immer sagt, über unsere Wirklichkeit gelegt. Wir wissen doch – wenn wir mal wirklich ehrlich mit uns sind – alle gar nicht mehr, wer wir eigentlich sind und wie wir eigentlich wirklich leben wollen… Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht, vielleicht wissen wir das eigentlich ganz genau, aber jede*r Einzelne von uns wusste bisher nicht, wie aus dem System auszusteigen… Es ist schwer, als Individuum bei all dem Wahnsinn nicht mehr mitzumachen, darum ist es so wichtig, dass wir das jetzt als Kollektiv tun, dass wir Dinge gemeinsam anders machen – besser. Das ist die große Chance in all dem!

„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird.
Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

Georg Christoph Lichtenberg

Jede*r Einzelne von uns ist aufgerufen, eingeladen, vom Leben, Verantwortung zu übernehmen, für das eigene Leben, aber auch für die Gemeinschaft. Die Welt. Und das ist großartig! Das ist so großartig, dass es mich ganz tief im Herzen berührt…

Meine Erfahrungen in der Sterbebegleitung haben mich gelehrt: Letztendlich lässt sich das Leben nur wirklich sinnvoll vom Tod her denken… Das mag sich komisch anhören, aber wir fangen erst dann an unser Leben wirklich sinnvoll zu gestalten, sinnvoll zu leben, wenn uns wirklich bewusst wird, dass wir irgendwann sterben werden:

„Memento Mori – Bedenke, dass du sterblich bist.“

Der Spruch sollte im Mittelalter die Eitelkeit des Menschen vor dem Hintergrund seiner Vergänglichkeit anprangern. Und ich persönlich glaube, dass es das ist, was das Virus uns erzählen kann: Es erinnert uns daran, dass wir sterblich sind. Und jetzt haben wir die Chance aus unserem, aus diesem Leben wirklich etwas Sinnvolles, etwas voller Sinn, zu machen.

Ich trage einen kleinen Totenkopf an meinem rechten Handgelenk, der mich jeden Tag daran erinnert, dass ich irgendwann sterben werde. Zusammen mit einer kleinen Feder, die mich gleichzeitig daran erinnert, das Leben JETZT zu leben, in Leichtigkeit mit dem Leben zu tanzen, wie eine Feder im Wind. Den Augenblick zu genießen und frei zu sein – innerlich. Mich frei zu machen von all den Ängsten… möglicherweise an Corona zu sterben, nicht genug Klopapier zu hamstern, mein Leben sinnlos ver-lebt zu haben…

Ich sehe die tanzende Feder vor meinem inneren Auge – plötzlich bin ich wieder im Wald und leise erklingt die Melodie aus der WaldZeit:

„Wer tanzt wie eine Feder, brüllt wie ein Löwe,
wer weint wie der Regen und ruht wie die Nacht,
der hat die Länder seiner Seele durchschritten,
die hat gelebt, geliebt, gelacht und gelitten,
ist dabei ganz geworden.“

Ursula Seghezzi

 

Videos
„Wer brüllt wie ein Löwe – Circle Singing with Men“ – Yvonne Lara’Ana, Seelensängerin (YouTube)

Artikel
„Das ist ein historischer Moment“ – Matthias Horx, Zukunftsforscher (Kurier)
„Hamsterkäufe: Warum die Deutschen Toilettenpapier hamstern, die Franzosen lieber Rotwein und Kondome und die Amis Waffen…“ – Ines Imdahl, Rheingold Salon (Horizont)

Bücher
„Radikal ehrlich – Verwandle Dein Leben, sag die Wahrheit“ – Brad Blanton
„5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ – Bronnie Ware